Herr Mäder, verliert die Generation 50+ den Anschluss an die Gesellschaft?

Ueli Mäder: Ja, teilweise schon und das ist widersinnig: Auf der einen Seite verlieren ältere Arbeiter ihre Stelle, weil sie für den Unternehmer teurer werden. Auf der anderen Seite will man aber das Pensionsalter erhöhen und verlangt, dass die Älteren länger arbeiten. Das ist eine Hüst-und-Hott-Politik.

Was hat das für Folgen für die Politik, wenn eine ganze Generation den Anschluss verliert? Wer profitiert davon?

Der zunehmende Anteil der Generation 50+ in der Sozialhilfe wird, über das persönliche Leid hinaus, politische Folgen haben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden, weil so auch der Arbeitsfriede aufbricht.

Und auf der persönlichen Ebene?

Ich habe gestern mit meinen Studierenden das Beispiel einer 51-jährigen Frau angeschaut, die gerade kürzlich ihre Stelle verloren hat. Für sie persönlich war das ein riesen Schock und sie fühlte sich plötzlich «kaltgestellt». Die einen reagieren mit einem Schock und ziehen sich dann zurück, andere schalten schnell um und wollen nach vorne flüchten.  

Wie das?

Unsere 51-jährige Frau dachte sich: «Ich bin doch jemand, ich kann etwas ... ich werde sicher schnell etwas finden». Dieses positive Gefühl bleibt jedoch meist nur bis zu den ersten 15 Absagen auf Bewerbungen. Danach kommt die Enttäuschung und viele fühlen sich persönlich verletzt.

Wie wirkt sich so was auf die Familie der Betroffenen aus?

Dass man weniger Geld im Portemonnaie hat, ist offensichtlich, aber nur der materielle Aspekt. Gravierender sind die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche von arbeitslosen Eltern. Sie erleiden oft einen massiven Verlust an Selbstwertgefühl, was wiederum Langzeitfolgen hat in der Ausbildung oder in der Lehre der Jugendlichen.

Gibt es Zahlen, welche die Kosten dieser Langzeitfolgen beziffern?

Schauen Sie, ich kann Ihnen vorrechnen, wie die Schweiz von der AHV profitiert. Ich könnte Ihnen aufzeigen, wie viele Arbeitsplätze geschaffen werden, wie die Volkswirtschaft durch den Konsum der Rentner angekurbelt wird. Diese Art der Argumentation überzeugt. Aber was wäre, wenn man dies nicht berechnen könnte? 

Dann wäre der Satz «die AHV ist wichtig» nur eine Behauptung.

Genau, vordergründig. Und trotzdem ist die AHV wichtig, menschlich. Nur weil man die Kosten oder die Folgen von etwas nicht berechnen kann, heisst es nicht, dass es unnütz ist. Wir sind zudem eines der reichsten Länder. Das Geld ist da, um auch für die Generation 50+ eine Perspektive zu schaffen. Es fehlt aber am politischen Willen.

Schlussendlich kommt es für einen Unternehmer doch drauf an: Kann ich mir einen 55-jährigen Arbeiter leisten? Und die Antwort wird Nein sein. Mit steigendem Alter werden Angestellte teurer.

Gerade kleine Unternehmen können sich ältere Arbeiter am schwierigsten leisten. Und trotzdem machen sie es. Weil sie ihre Angestellten persönlich kennen und wissen, dass bei einer Entlassung eine ganze Familien leiden würde. Ich kann nachvollziehen, dass einzelne Betriebe in Schwierigkeiten kommen. Als Gesellschaft müssen wir jedoch dafür sorgen, dass solche Probleme gelöst werden. Wir tun es nicht, und deshalb werden wohl noch mehr ältere Menschen in die Sozialhilfe fallen, weil sie keine Arbeit finden.

Diese Argumentation zieht bei einem Unternehmer nicht, der in der Zeit der Frankenstärke auf jeden Rappen schauen muss.

Da sind Sie sehr grosszügig mit den Unternehmern. Wie viele Unternehmen haben Gewinn erwirtschaftet und trotzdem Leute entlassen? Wie viele Unternehmen haben über Jahre hinweg den Profit an Aktionäre verteilt, anstatt mit dem Gewinn auch für eine 57-jährige Frau eine Stelle zu schaffen? Das müsste doch das Mindeste sein.

Wer ist für diese Entwicklung schuld?

Wir haben untersucht, wie Leute reagieren, wenn sie beispielsweise in die Sozialhilfe fallen. Wenn ich es vereinfache: Vor 20 Jahren beschuldigten sich viele selbst für das eigene Scheitern. Dies kehrte sich jedoch vermehrt in eine Empörung. Diese Personen sind jedoch nicht nur empört, sondern auch verunsichert. Sie suchen nach Orientierung und klammern sich dann gerne an einfache Erklärungen.

Und zurzeit scheinen Schlagzeilen wie «Sozialwahnsinn» besser mobilisieren zu können anstatt Erklärungen darüber, wieso die Sozialhilfekosten steigen. Sind jene, die differenzieren, schlicht mit ihrer Argumentation zu schwach?

Es gibt Leute, die finden, die Linken müssten «sozial-populistischer» werden. Für mich gibt es keine Alternative zum differenzierten Argumentieren. Man könnte aber versuchen, in der ganzen Sozialhilfedebatte mehr Beispiele zu nennen. So liesse sich die Komplexität konkret veranschaulichen. Das hilft. Zudem müssen wir besser kommunizieren, dass ja bei den Sozialversicherungen die Einnahmen zum Glück viel höher sind als die Ausgaben. 

Und dann? Auch mit einer differenzierten Debatte über Sozialhilfe wird es schwierig für Arbeitgeber. Die Frankenstärke schwächt die Industrie, andere Branchen fürchten sich vor Einwanderungs-Kontingenten.

Ich möchte nicht sagen, dass es keine Probleme gibt. Es wird eine Herausforderung. Aber ich habe den Eindruck, dass wir diese bewältigen können. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg haben fast alle vom wirtschaftlichen Fortschritt profitiert. Das hing aber auch mit dem Zeitgeist zusammen, der damals vorherrschte: Arbeit war etwas wert. Und heute? Was zählt, ist vornehmlich das Geld. Seit dem Aufkommen des Finanzliberalismus hat man sogar das Gefühl, dass soziale Ungleichheit gut für den Wettbewerb sei. Das bereitet nicht nur mir grosse Sorgen. 

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