Interview

Gesundheitsdirektor erklärt Matchverbot: «Wenn wir Kurve nicht brechen, ist die Saison im Eimer»

Nach nur einem YB-Spiel ist bereits wieder Schluss: Der Kanton Bern verbietet ab sofort Grossevents.

Nach nur einem YB-Spiel ist bereits wieder Schluss: Der Kanton Bern verbietet ab sofort Grossevents.

Fussball- und Hockeyvereine laufen Sturm: Der Kanton Bern prescht vor und verbietet Grossevents. SVP-Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg sagt im Interview, wie er sich als «Totengräber des Profisports» fühlt und wann er einen Matchbesuch wieder erlauben will.

Sein Entscheid schockiert die Fussball- und Hockeyfans sowie die Vereine gleichermassen: Der Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) zieht die Reissleine und verbietet ab sofort Grossevents mit über 1000 Personen – als erster Kanton der Schweiz. Im Interview nimmt der Bernjurassier erstmals Stellung:

Herr Schnegg, Sie haben gestern Knall auf Fall Grossevents verboten. Warum ist der Kanton Bern vorgeprescht?

Pierre Alain Schnegg: Sowohl bei den Ansteckungen als auch den Hospitalisationen haben wir in den letzten Tagen einen deutlichen Anstieg registriert. Die Zahlen verdoppeln sich alle fünf bis sieben Tage, was sehr besorgniserregend ist. Wir müssen das exponentielle Wachstum so rasch wie möglich brechen. Gelingt dies nicht, droht ein Lockdown.

Leichte Einschränkungen reichen also nicht mehr?

Es ist besser, wir ergreifen jetzt harte Massnahmen, als der Epidemie immer nur hinterherzurennen. Die Kantone sind vom Bundesrat angehalten, bei den Bewilligungen der Grossevents die epidemiologische Situation zu berücksichtigen. Wir müssen ehrlich sein: Die sieht leider nicht gut aus. Darum haben wir die Ampel auf rot gewechselt. Und somit Grossevents verboten. Es gibt keinen Grund zur Panik, aber wir müssen jetzt rasch handeln.

Es sind bislang keine Ansteckungen an Fussball- oder Hockeymatches bekannt. Die Vereine haben viel Geld in Schutzkonzepte investiert. Jetzt ist alles für die Katz.

Bekanntlich wissen wir leider bei einem Grossteil der Infektionen nicht, wo sich die Leute angesteckt haben. Das kann im Freundeskreis, bei der Arbeit oder eben an einem Event passieren. Der Bundesrat hat mittels Verordnung beschlossen, dass sich draussen nur noch maximal 15 Personen treffen dürfen. Wie wollen Sie ein Stadion unter Berücksichtigung dieser Vorgabe mit tausenden Fans füllen? Das Problem ist die An- und Abreise der Massen, nicht der Matchbetrieb selbst.

Für wie lange gilt das Verbot der Grossevents?

Unser Ziel ist sicher nicht, Fussball- und Hockeyspiele mit viel Publikum für ein halbes Jahr zu verbieten. Wir evaluieren die Lage fortlaufend und schauen die Entwicklung genau an. Natürlich hoffen wir, dass sich die Lage bald verbessert und wir das Verbot dann wieder aufheben können. Aber nur, wenn die Situation vertretbar ist.

Mit ihrem Entscheid haben Sie bei den Profivereinen einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. YB und SCB sprechen in einem offenen Brief von einem «Frontalangriff.» Wie fühlen Sie sich als Totengräber des Profisports?

Nochmals: Wenn wir die Kurve nicht brechen können, ist die ganze Saison im Eimer. Das gilt auch für die Skigebiete und den Tourismus. Einen Lockdown wollen wir auf alle Fälle verhindern. Die nächsten Wochen sind absolut entscheidend. Die Situation ist sehr ernst. Ich will den Fussballfans nicht ihr Hobby wegnehmen. Wir wollen alle ein ausgefülltes Leben führen. Aber es sind jetzt Einschränkungen nötig. So leid es mir für die Vereine tut.

Der offene Brief der Vereine:

Grossevents waren erst seit Anfang Oktober wieder erlaubt. Hat man zu früh gelockert?

Persönlich war ich auch für die Öffnung. Aber die Ausgangslage ist jetzt anders. Man sollte die Sache mit einer gewissen Distanz beobachten. In der ganzen Schweiz steigen die Zahlen drastisch an. Und sehen Sie: Selbst in Schweden sind Anlässe nur bis 50 Personen erlaubt.

Kritiker sagen, Sie hätten den Ausbau des Contact-Tracings verschlafen. Jetzt müssten dafür die Proficlubs büssen.

Das Contact-Tracing funktioniert nach wie vor, ist aber wegen den stark steigenden Fallzahlen unter Druck. Wir können die Anzahl der Contact-Tracer nicht einfach jede Woche verdoppeln.

In Zürich dürfen Fans weiter in die Stadien, in Bern nicht. Sie wirbeln mit ihrem Entscheid Fussball- und Hockeyligen durcheinander. Haben Sie sich mit anderen Kantonen abgesprochen?

Wir haben unser Anliegen des Verbots bei der Konsultation des Bundesrats eingebracht. Dieser hat aber punkto Grossevents den Entscheid den Kantonen überlassen. Mit anderen Kantonen haben wir uns nicht abgesprochen. Den Entscheid habe ich nach Absprache mit dem Berner Regierungsrat gefällt. Und der ist mir natürlich sehr schwer gefallen. Es ist immer einfacher, nichts zu entscheiden.

Walliser Krankenhäuser schlagen bereits Alarm: Wie sieht die Situation in den Berner Spitälern aus?

Die Zahl der Hospitalisierungen wächst über den ganzen Kanton gesehen deutlich an, mit einer Verdoppelung alle sieben Tage. Infektionscluster können die Lage aber verändern. Im Jura oder Biel-Seeland gab es Ausbrüche, worauf die Zahl der Spitaleinweisungen rasch angestiegen ist. Bekanntlich dauert es nach einer Infektion oft mehrere Wochen, bis eine Person ins Spital eingeliefert wird. Wir könnten Angesicht der jetzigen Zahlen rasch an unsere Grenzen kommen.

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