Medizin und Qualität

Gesundheitskosten: Diese Reform weckt grosse Hoffnungen

Während der Operation eine Klemme im Körper vergessen? Mit Check-Listen in Operationssälen können solche Fehler eher vermieden werden.

Während der Operation eine Klemme im Körper vergessen? Mit Check-Listen in Operationssälen können solche Fehler eher vermieden werden.

Falsche Brust amputiert, Kompresse im Bauch vergessen oder Überdosis verabreicht. Vor Fehlern ist das Schweizer Gesundheitswesen nicht gefeit. Nun soll es eine Qualitätskommission richten. Eine unendliche Geschichte.

Ausgaben für Krankenkassenprämien fressen ein immer tieferes Loch ins Portemonnaie von vielen Schweizern (siehe Grafik). Mehrere tausend Franken gehen jährlich für den Versicherungsschutz drauf, weitere Leistungen werden zusätzlich aus dem eigenen Sack bezahlt. Gesundheit wird immer teurer. Trotzdem finden wichtige Reformen seit Jahren keine Mehrheit. Im Juni ist von der Öffentlichkeit fast unbemerkt ein kleiner Durchbruch gelungen. Der Nationalrat will die Qualitätsvorgaben im Gesetz konkretisieren. Mit 164:26 Stimmen hat er die Änderungen gutgeheissen – nur die FDP stimmte mehrheitlich dagegen.

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Wenn Politiker aller Couleur medizinische Fehler, Unwissen und falsche Anreize für nicht länger tolerierbar halten, wieso dauert es dann so lange, bis die Situation verbessert wird? Seit 22 Jahren gibt es Kräfte im Parlament, die die Qualität bei Gesundheitsleistungen steigern wollen: zunächst über die Einführung des Krankenversicherungsgesetzes. Doch ist dies toter Buchstabe geblieben. Es gebe bis heute keine Qualitätsvorgaben, sagt SP-Nationalrätin Bea Heim (SO). «Deshalb müssen wir den Vollzug präzisieren.» Die Tarifpartner sollen stärker in die Pflicht genommen werden, Qualitätsverträge abzuschliessen.

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Heim gehört zu jenen, die sich seit Jahren für Qualität und Patientensicherheit einsetzen. Endlich, so sagt sie, gehe es nun vorwärts. Denn trotz gut ausgebildeten Ärztinnen und Pflegern weist die Qualität der hiesigen Gesundheitsversorgung grosse Lücken auf: Jeder neunte Schweizer hat bereits einen medizinischen Fehler oder einen Medikationsfehler erlebt, fast jeder zehnte erlitt nach einem Spitalaufenthalt eine Infektion. Die Schweiz weist damit schlechtere Werte auf als Deutschland, Frankreich oder die Niederlande.

Abgesehen vom menschlichen Leid, das mit medizinischen Fehlleistungen verbunden ist, gehen diese auch ins Geld. Schätzungen des Bundes gehen von rund 350 000 unnötigen Spitaltagen pro Jahr aus. Mehrere hundert Millionen Franken fehlerbedingte Kosten fallen alleine im stationären Bereich der Spitäler an. Für den ambulanten Bereich fehlen jegliche Daten, nicht einmal Schätzungen sind möglich.

Verbindlichkeit schaffen

Die Umsetzung scheiterte bisher an vermeintlichen Details. So haben in den letzten zehn Jahren Verwaltung und Parlament alle möglichen Organisationsformen durchgespielt: Wer kann Qualitätsvorgaben durchsetzen sowie Verbindlichkeit schaffen, ohne gleichzeitig eine neue Behörde aufzubauen? Zuerst sollte ein nationales Institut her, dann eine Fachstelle, eine Plattform, oder vielleicht doch eine Stiftung? Jetzt hat sich der Nationalrat für eine unbürokratische Lösung, eine Kommission, entschieden. Darin sollen alle Player Einsitz nehmen und eigene Projekte, Wissen und Forderungen einbringen können. Bottom-up heisst die Losung der Stunde. Impulse sollen aus der Praxis kommen und die Betroffenen sind in die Ausarbeitung der Projekte einzubeziehen. Ein Beispiel dafür sind die Checklisten in den Operationssälen. Tupfer zählen oder Sterilität der Instrumente prüfen, gehören zum Fragebogen dazu, der bei jeder OP abgehakt werden muss. Die Praxis zeigte, dass weniger Fehler passieren.

Als weiteres Beispiel nennt Bea Heim die Notwendigkeit des gezielteren Einsatzes von Antibiotika durch Hausärzte. «Laut der OECD werden in 60 Prozent der Fälle bei viralen Infekten Antibiotika verschrieben. Auch wenn es darum geht, vorsorglich Komplikationen zu verhindern, ist dies angesichts zunehmender Resistenzen problematisch.» Für einen sachgerechteren Einsatz könnten sich die Ärzte im Rahmen der Qualitätskommission auf nationale Richtlinien einigen.

Am seidenen Faden

Während für Spitäler bereits heute Qualitätsmerkmale erhoben werden, ist der ambulante Bereich weitgehend unerforscht. Über die Behandlungsqualität lassen sich kaum Aussagen machen. Heinz Brand (SVP/GR) sagt, dass das Schweizer Gesundheitssystem punkto Qualität und Effizienz keine Tradition kenne. «Jeder macht, was ihm gerade passt und die Krankenversicherer, das heisst die Prämienzahler, müssen alles berappen.» Und dies unabhängig von der Qualität. Trotz dieser Mängel bestehe nur ein sehr beschränktes Handlungsverständnis.

Konkret wehren sich Ärzte und Spitäler: Der Ärzteverband FMH lehnt die vom Bund eingesetzte Kommission ab, obwohl er bessere Leistungsqualität für wichtig hält. Diese lasse sich auch von bestehenden Organisationen umsetzen. Isabelle Moret (FDP/VD), Präsidentin des Spitalverbands H+, verfolgte diese Argumentation im Nationalrat, scheiterte aber klar.

Dass nun eine Lösung auf dem Tisch liegt, ist umso bemerkenswerter, weil der Ständerat vor zwei Jahren die mehrmals revidierte Vorlage einfach fallen gelassen hatte: Sie sei unnötig. Nun hat der Nationalrat nachgebessert, hat Sanktionsmöglichkeiten hineingepackt. Trotzdem ist die Gesundheitskommission des Ständerats nicht zufrieden und will abermals neue Modelle prüfen. Ruth Humbel (CVP/AG) sagt: «In der Vorlage steckt einfach der Knopf drin.» Denn der Vorschlag des Nationalrats wurde mit viel Fingerspitzengefühl und Beharrlichkeit gegenüber allen Playern erarbeitet. Jede Änderung droht das fragile Gleichgewicht wieder zu zerbrechen.

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