Gletscherabbruch
Bergführer zum tödlichen Unglück im Kanton Wallis: «Sie haben einfach grosses Pech gehabt»

Das Drama passierte beim Aufstieg zum 4314 Meter hohen Grand Combin im Kanton Wallis: Am frühen Morgen lösten sich Eisbrocken und trafen eine Bergsteigergruppe. Zwei Personen erlagen ihren Verletzungen, neun mussten hospitalisiert werden.

Manuela Pfaffen und Herold Bieler
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Naturgewalt am Grand Combin: Rund 40 Rettungskräfte standen am Freitag im Einsatz.

Naturgewalt am Grand Combin: Rund 40 Rettungskräfte standen am Freitag im Einsatz.

Bild: Air Zermatt

Das Unglück ereignete sich am Freitagmorgen in aller Früh: Um 6.20 Uhr ging bei der Walliser Kantonspolizei und der Notrufzentrale 144 der Alarm ein: Abbruch von aufgetürmtem Gletschereis am Grand Combin, in einem Bergmassiv südlich von Martigny. Die Brocken trafen mehrere Bergsteiger.

Das Ereignis löste einen gross angelegten Rettungseinsatz aus. Zahlreiche Rettungskräfte wurden mit sieben Helikoptern der Air Zermatt, der Air Glaciers und der Rega in die Region entsandt. Insgesamt waren 40 Rettungskräfte vor Ort.

Der Abbruch der Eisbrocken ereignete sich auf 3400 Metern Höhe im Bereich «Plateau du Déjeuner». 17 Bergsteiger, aufgeteilt in verschiedene Gruppen, waren betroffen von der Naturgewalt, als sie über die «Voie du Gardien» zum Grand Combin aufsteigen wollten. Sie waren ohne Bergführer unterwegs.

Zwei Personen, eine 40-jährige Französin und ein 65-jähriger Spanier, starben noch an der Unfallstelle. Zur Nationalität der Verletzten machte die Kantonspolizei keine Angaben. Bergrettungsteams bargen die Verletzten bei der Unfallstelle. Sie wurden mit zwei Helikoptern auf ein darunterliegendes Plateau geflogen, wo die Erstversorgung stattfand. Anschliessend wurden die neun verletzten Bergsteiger in Spitäler nach Sitten und Lausanne verlegt. Zwei davon waren schwer verletzt. Weitere Bergsteiger wurden mittels Helikoptern von der Unfallstelle evakuiert.

Die Walliser Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet, um die genaueren Umstände des Unfalls zu ermitteln. Die Kantonspolizei erinnert zudem daran, dass man in den Bergen Vorsicht walten lassen soll. Besonders, wenn die Nullgradgrenze in einer Höhe von etwa 4000 Metern liege, sei es im Zweifelsfall besser, auf eine Bergtour zu verzichten. Ausserdem solle man sich im Vorfeld gut über die gewählte Tour und deren Machbarkeit informieren.

Bergführer: Einfach grosses Pech gehabt

Der Natischer Bergführer Diego Wellig war am Freitag in der Region «Gastlosen» unterwegs. Das Ausmass des Unglücks hat ihn überrascht und macht ihn betroffen. Aus der Ferne will er nicht über die Unfallursache oder den -hergang spekulieren. Der Grand Combin sei zwar bekannt für grössere Eisabbrüche, aber in jüngster Vergangenheit sei es ruhig gewesen. Der Grand Combin sei ein «anspruchsvoller 4000er», sagte Wellig: «Ein harter Brocken. Der Hauptgipfel ist 4313 Meter hoch.» Die Aufstiegszeit beträgt sieben bis acht Stunden.

Wellig zeigte sich überrascht, dass gleich mehrere Gruppen involviert waren. Die Bergsteiger hätten einfach grosses Pech gehabt, sagt Wellig: «Wenn der Gletscher fliesst, stösst er irgendwann das Eis über den Eisbruch ab. Das kann zu jeder Tages- und Nachtzeit passieren.»

Die 17 Berggänger waren auf der Route «Voie du Gardien» auf etwa 3400 Meter unterwegs. Sie führt auf der Nordwestseite grösstenteils über Schneefelder und teils über blankes Eis. Die Route ist aber seit den 1980er-Jahren die Normalroute. Gemäss dem SAC-Routenbeschrieb ist sie in den letzten Jahren massiv schlechter geworden. Eisschlag von den Séracmauern am Rand des Gipfelplateaus ist jederzeit möglich. Die Nordwestflanke ist teils bis zu 50 Grad steil.

Pierre Mathey, Sekretär des Schweizer Bergführerverbands, sagte gegenüber «Le Nouvelliste», dass «solche Unfälle sehr selten seien, aber wenn sie passierten, können sie schwerwiegend sein». Wie für Wellig sind auch für Mathey die möglichen Auswirkungen der Hitze der letzten Tage gering. Zu dieser Jahreszeit und in Höhenlagen von fast 4000 Metern sei das ein vernachlässigbares Element in diesem Drama.

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