Interview

Greenpeace-Chefin: «Die Schweiz muss Vorbild sein und zeigen, wie ein Land schnell klimaneutral werden kann»

Die Amerikanerin Jennifer Morgan leitet Greenpeace seit 2016.

Die Amerikanerin Jennifer Morgan leitet Greenpeace seit 2016.

Nachgefragt bei Jennifer Morgan, Direktorin Greenpeace International, nach ihrem Besuch am World Economic Forum in Davos.

Macht es für Umweltorganisationen Sinn, am WEF teilzunehmen? Besteht nicht die Gefahr, als Feigenblatt missbraucht zu werden?

Jennifer Morgan: Es ist mir bewusst, dass ich vermeiden muss, Teil des Systems zu werden. Das wäre gefährlich. Aber es wäre auch doof, die Chance nicht zu nutzen, mit Akteuren zu sprechen. Diese Männer müssen doch konfrontiert werden.

Welche haben Sie sich vorgeknöpft?

Wir konzentrieren uns derzeit stark auf den Finanzsektor. Seit dem Klimaabkommen von Paris haben die Banken, die am WEF waren, 1,4 Billionen Dollar in die Industrie von fossiler Energie ­investiert. Das zeigt eine Studie von Greenpeace. Wir fordern, dass die Banken diese Investitionen abbauen.

Und was sagen die Banken dazu?

Ich habe mit verschiedenen Bankern zu sprechen versucht, zum Beispiel mit Brian Moynihan, dem Chef der Bank of America. Seine Bank hat seit Paris rund 107 Milliarden Dollar in umweltschädliche Energieträger investiert. Er hörte mir aber kaum zu. Zwanzig Minuten später sass er auf der Bühne mit WEF-Chef Klaus Schwab und sagte, seine Bank sei klimaneutral.

Donald Trump, Greta Thunberg oder Simonetta Sommaruga: Wer hat das WEF stärker geprägt?

Im negativen Sinne war es natürlich der US-Präsident. Trump konzentrierte sich auf Handel und Wirtschaft. ­Sein Fokus auf Wachstum ist eine Anomalie in dieser Klima-Notlage. Es scheint dem Präsidenten zu entgehen, dass auf einem toten Planeten kein Geld zu verdienen ist. Aber ich mag gar nicht über Trump sprechen. Ich war vielmehr ­fasziniert von jungen Umweltaktivistinnen, die sich hier oben in Davos für unsere Anliegen eingesetzt haben. Die haben mich sehr beeindruckt.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Schweiz? Macht sie genug?

Ich bin gespannt, was in der Schweiz mit dem neuen Parlament passiert. Die Schweiz hat in meinen Augen zwei ­Rollen. Sie muss als sehr reiches Land zeigen, wie man schnell klimaneutral werden kann. Da muss sie Vorbild sein. Diese Rolle füllt sie viel zu wenig aus. Und ebenfalls zu wenig macht die Schweiz in Sachen Finanzsektor. Als Bankenzentrum könnte sie aufzeigen, wie man die Geldhäuser reguliert, damit diese die Klimaziele der Gesellschaft verbindlich einhalten.

Angela Merkel sagte, es werde ein Kraftakt, bis 2050 klimaneutral zu sein. Dauert alles viel länger?

Angela Merkel ist sehr enttäuschend. Ich finde, sie hört den wichtigsten Menschen ihres Landes nicht zu. Zentral aber ist: Der Druck wird nicht aufhören. Das Thema verschwindet nicht. Die Klimaaktivisten – egal ob jung oder alt – werden nicht weggehen. Wir befinden uns in einem Machtkampf. Die deutsche Regierung lässt sich nach wie vor stark von den Unternehmen beeinflussen – vor allem von der Autoindustrie. Das muss und wird aufhören. Die Regierungen weltweit müssen auf die Jugendlichen und ihre Anliegen hören.

Die Diskussion um die Klimakrise ist stark geprägt von Greta Thunberg und der Jugendbewegung. Drohen etablierte Organisationen wie Greenpeace unterzugehen?

Es ist für uns alle, aber auch für Greenpeace sehr positiv. Unsere Mission ist es, dass Menschen sich engagieren. Das ist es, was wir wollen. Dass sich Leute für unsere Anliegen einsetzen und friedliche Aktionen machen. Je mehr, umso besser. Wir verlieren deswegen keine Mitglieder und haben auch beim Fundraising keine Probleme.

Kommen Sie wieder ans WEF?

Ich muss das jetzt einmal sacken lassen. Es gibt einen Kampf zwischen Anhängern des alten Forums und progressiveren Vertretern.

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