Mister Corona

Hansdampf in allen Gassen: Was Daniel Koch seit seiner Pensionierung so alles macht

Vom Virenjäger zum Unternehmer: Daniel Koch fände es komisch, von der Bildfläche zu verschwinden. Vieles, was er in der Öffentlichkeit sieht, bereitet ihm Sorgen.

Es gibt ihn als Holzstatue.

© Luzia Schuler-Arnold (Isenthal, 2. Juni 2020

Sein Spruch «Die Aare ist bebadbar» ziert ein T-Shirt.

© Pressedienst

Er schreibt als Co-Autor an einem Buch über seine Krisenerfahrungen. Seit diesem Mittwoch ist Daniel Koch, Markenzeichen Kahlkopf, auch noch Botschafter für die Schweizer Rettungsschwimmer.

Mit Rettungsring an der Aare in Bern: Daniel Koch (links) und SLRG-Zentralpräsident Rudolf Schwabe.

Mit Rettungsring an der Aare in Bern: Daniel Koch (links) und SLRG-Zentralpräsident Rudolf Schwabe.

Auf Instagram publiziert er ernste Videos, manchmal auch Beiträge mit Hang zum Clownesken wie beim Besuch des Coiffeursalons, den er mit Toupet verlässt.

Daniel Koch präsentiert seine Post-Corona-Frisur

Daniel Koch präsentiert seine Post-Corona-Frisur

In Radio- und Fernsehen ist er nach seiner Pension begehrter Interviewpartner.

Daniel Koch, hier noch als Delegierter des Bundesamt für Gesundheit, verabschiedet sich von den Medien.

Daniel Koch, hier noch als Delegierter des Bundesamt für Gesundheit, verabschiedet sich von den Medien.

Vor wenigen Tagen gründete er eine Einzelfirma für Krisenberatung. Die Coronapandemie hat Daniel Koch, bis vor kurzem wenig bekannter Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), zu einer Kultfigur geformt, zu einer Art Hans-Daniel-in-allen-Gassen, den die Leute auf der Strasse erkennen und der in sozialen Medien gefeiert wird.

Der Award für den «Schweizer des Jahres 2020» wäre ihm gewiss, hätte SRF die Sendung nicht eingestampft. In die Bresche springen die Facebook-Nutzer: Eine Fangruppe hat den populären Krisenmanager nominiert.

Das ganze Land verfolgte die Pressekonferenzen, an denen Koch dem Volk mit ruhig bis monotoner Stimme mitteilte, wie viele «laborbestätigte Neuinfektionen» es gibt, wie ernst sich die Lage präsentiert, wie wichtig Hände waschen und Abstand halten sind.

Das rät BAG-Koch der Bevölkerung: "Feiertage geniessen, aber weiterhin strikt an Massnahmen halten."

Das rät BAG-Koch der Bevölkerung: "Feiertage geniessen, aber weiterhin strikt an Massnahmen halten."

Der Coronadelegierte des Bundesamtes für Gesundheit navigierte das Land als umsichtiger Steuermann durch hektische Zeiten. Erst bescheinigte eine internationale Studie der Schweiz weltweit die beste Reaktion auf das Coronavirus. Dass Koch in der Masken- und Enkelhütefrage auch Verwirrung stiftete? Geschenkt.

Daniel Koch

Daniel Koch

Koch lobte das Volk für die Disziplin, anstatt sich selber als erfolgreichen Eidgenössischen Virenbändiger zu brüsten. Mit schlagfertigen Antworten auf Journalistenfragen und feinem Humor linderte er die Entbehrungen des Lockdowns. Auch deshalb stapeln sich hunderte Dankesbriefe, die er alle zu beantworten gedenkt.

Auf den ersten Blick verkörpert der grossgewachsene, schlanke Daniel Koch den bescheidenen Staatsdiener. Er sagt, sein Ziel habe nie gelautet, in den Fokus des öffentlichen Interesses zu rücken. Bei genauem Hinschauen aber entpuppt sich der Arzt sich als geschickter Vermarkter in eigener Sache mit Flair für Selbstinszenierung. Zum Beispiel am ersten Tag nach seiner Pension. Das Video mit dem Sprung in die Aare samt Anzug und Krawatte (und Neoprenanzug) wurde auf seinem Instagram-Account bis jetzt mehr als 150'000 Mal angeklickt.

Daniel Koch geht mit einem Sprung ins kalte Wasser in den Ruhestand

Daniel Koch geht mit einem Sprung ins kalte Wasser in den Ruhestand

Die Frage von Telezüri-Moderator Markus Gilli, ob er eine Rampensau sei, wich Koch aus: «Ich habe einfach viele lustige Ideen.»

Mister Corona geht in den Ruhestand

Mister Corona geht in den Ruhestand

Eine davon ist geschäftlicher Natur. Die Coronakrise hat in animiert, die Einzelfirma «Daniel Koch Consulting» zu gründen. Über sie wickelt er seine Referate zum Thema erfolgreiche Krisenbewältigung ab. Auch Beratungen und Weiterbildungen für Unternehmen und Organisationen bietet er an. Die Nachfrage nach Daniel Koch ist gross. So gross, dass Koch schauen muss, «dass ich den Kalender in den Griff bekomme». Vor allem im Herbst sei er schon ziemlich ausgebucht.

Prestigeträchtig ist das Mandat für den SC Bern. Koch berät den Eishockeyclub beim Erstellen eines Schutzkonzeptes. Welche anderen Aufträge er an Land gezogen hat, verrät er nicht im Detail. Er berate zum Beispiel auch Veranstalter von Laufsportevents:

Viele bräuchten ein Ziel, damit sie trainierten. Zum Teil seien seine Dienste gut bezahlt, sagt Koch. Wie viel sie unter dem Strich einbringen, werde die Steuererklärung zeigen. Eigentlich wollte Koch nach der Pensionierung nicht mehr arbeiten. Er hätte es aber angesichts der Entwicklungen in den letzten Monaten eigenartig gefunden, «einfach so von der Bildfläche zu verschwinden». Man könne nicht von der Bevölkerung verlangen, dass sie im Kampf gegen die Pandemie mitmache, dann aber selber untertauchen.

Koch: «Alle Leute mit Symptomen sollen sich jetzt testen»

Negative Stimmen über «Mister Corona» ertönen bis jetzt selten. Drohungen oder direkte persönliche Anfeindungen erhielte er keine. Vielmehr habe durch seine Bekanntheit, die er nicht gesucht habe, viel Positives erlebt. Doch jetzt, wo die Aufarbeitung der Krise langsam Fahrt aufnimmt, bröckeln erste Lackspuren ab. Namhafte Wissenschafter monierten, Koch habe ihre Warnungen vom Februar ignoriert, die Lage falsch eingeschätzt und fälschlicherweise behauptet, sie hätten ihn gar nicht kontaktiert.

Im Kanton Tessin, der nach Genf verhältnismässig am zweitstärksten vom Coronavirus betroffen, geniesst Koch nicht Kultstatus. Vielmehr ist er bekannt für verspätete Massnahmen. Koch nimmt es den Tessinern nicht übel. «Das Virus wütete stärker als anderswo. Ich verstehe, das die Menschen darunter leiden und die Behörden kritischer beäugen», sagt er. Den Zwist mag er nicht befeuern. Es sei nicht zielführend, jetzt öffentlich einen Konflikt auszutragen. Die Historiker könnten dereinst beurteilen, wie gut er seine Sache gemacht habe.

Koch schaut nach vorne. Es sei jetzt wichtig, dass sich alle Leute mit Symptomen testen liessen. «Das ist ein Akt der Solidarität», sagt er. Das Contact Tracing müsse gut in Gang kommen, damit man gewappnet sei für den Herbst, wenn gleichzeitig mehrere Erkältungsviren zirkulierten und das Erkennen von Covid-Fällen noch schwieriger sei. Es bereitet ihm Bauchschmerzen, wenn er beobachtet, wie die Leute im öffentlichen Raum Desinfektionsspender ignorieren, wie sie sich wieder die Hände schütteln und Begrüssungsküsschen geben, wie sie selbst zu Stosszeiten in Zügen und Büssen keine Schutzmaske anziehen.

Daniel Koch mit seiner Boxerhündin  Akira

Daniel Koch mit seiner Boxerhündin Akira

All das sei keine gute Idee. Koch hat in den letzten Tagen auf humoristische Einlagen auf Instagram verzichtet. Lustige Videos gebe es erst wieder, wenn die Zahl der täglichen Neuinfektionen unter zehn liege – eine neue Humoreinlage des Hundenarrs und Neogrossvater wäre also eine allseits gefreute Sache.

Daniel Koch - der Krisenmanager in Bildern:

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Autor

Kari Kälin

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