Die SP hat sich im stockbürgerlichen Ständerat zu einer Macht gemausert: Über Kompromisse, wahlweise mit der CVP oder der FDP, gelang es ihr zuletzt, auf entscheidende Reformen Einfluss zu nehmen – etwa zur Personenfreizügigkeit oder zur Alters- und Steuerreform.

Im Hinblick auf die Wahlen im Herbst sah es lange so aus, als ob die Sozialdemokraten diese Machtbasis verlieren könnten: Neun von zwölf SP-Ständeräten liebäugelten mit einem Rücktritt. Aber nun treten Hans Stöckli (BE) und Roberto Zanetti (SO) nochmals an und können so zumindest in zwei bürgerlich besetzten Kantonen die Sitze voraussichtlich sichern. Auch in den Kantonen Jura und Neuenburg, wo Ständeräte nach Proporzwahlrecht gewählt werden, sind die SP-Sitze ungefährdet. Dasselbe gilt für Basel, wo Regierungsrätin Eva Herzog den SP-Sitz verteidigen wird, und für die Waadt.

Schwieriger wird es in klar bürgerlich dominierten Kantonen wie dem Aargau und Basel-Landschaft. Wobei auch das nicht mehr sicher scheint. Eine am Wochenende veröffentlichte Prognose schreibt dem pointiert links positionierten Cédric Wermuth reelle Chancen zu. Allerdings entspringen die Prognosen einer Wertung von Studenten der Universität Zürich: Sie schliessen Wetten auf die Wahlen ab und bestimmen so die Chancen für die Kandidaten. Wermuths gute Wahlprognose bedeutet übersetzt: Er wird unter Studenten hoch gehandelt.

Fast jeder zweite Ständerat tritt Ende Legislatur zurück

Nun entscheiden nicht alleine die Wahlresultate der SP über die Machtverhältnisse in der kleinen Kammer. CVP und FDP liefern sich ein Rennen um die meisten Sitze: Bis zur Wahl von Karin Keller-Sutter in den Bundesrat waren die beiden Parteien mit je 13 Sitzen gleichauf. Dann jagte Beni Würth in St. Gallen der FDP den Sitz ab. Jetzt hat die CVP mit 14 Sitzen die Nase vorne. Das könnte sich nach den Erneuerungswahlen im Oktober wieder ändern.

Zwar sollten sich anders als ursprünglich erwartet, die Kräfteverhältnisse nicht massgeblich verschieben. Und trotzdem steht dem Stöckli eine grössere Umwälzung bevor: 20 der 46 Mitglieder ziehen sich aus der Bundespolitik zurück. Darunter Schwergewichte wie der frühere FDP-Präsident Philipp Müller, der Brückenbauer Konrad Graber (CVP) oder SP-Ständerätin Anita Fetz aus Basel. Absehbar ist also, dass sich aufgrund neuer Konstellationen die Dynamik im Rat ändern wird.

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SVP hat trotz hochkarätiger Kandidaturen geringe Chancen

Während in Uri, Thurgau oder eben Basel die Spitzenkandidaten die Wahl ohne Mühe schaffen sollten, sind in zehn Kantonen die Rennen komplett offen: Mindestens zwei Kandidaten haben jeweils reelle Chancen, den frei werdenden Sitz zu ergattern. Ein zweiter Wahlgang scheint oftmals unausweichlich. Gleichzeitig scheinen die Wahlen andernorts bereits entschieden – etwa in Schaffhausen, Glarus, Graubünden oder Appenzell Ausserrhoden, wo Bisherige ohne nennenswerte Konkurrenz antreten.

Nach dem missglücktem «Sturm aufs Stöckli» 2011 und ebenfalls enttäuschenden Wahlen 2015 kann sich die grösste Partei der Schweiz heuer abermals wenig Hoffnung auf ein Erstarken machen. Auch wenn die SVP wider Erwarten in Zürich oder Luzern einen Sitz gewinnen sollte, bleibt sie mit fünf, sechs oder sieben Vertretern eine marginale Kraft im Ständerat.