Pandemie

«Ich gehe leider davon aus, dass sich die Situation nicht rasch bessert»: Coronakrise führt zu mehr häuslicher Gewalt

Fast 20'000 Straftaten im Bereich häusliche Gewalt wurden 2019 schweizweit von der Polizei registriert.  (Symbolbild)

Fast 20'000 Straftaten im Bereich häusliche Gewalt wurden 2019 schweizweit von der Polizei registriert. (Symbolbild)

Fachstellen und die Polizei verzeichnen in einigen Kantonen deutlich mehr Fälle von häuslicher Gewalt. Schuld dürfte die Coronakrise sein.

Die Befürchtung im Frühling war gross: Wegen des Lockdowns könnte es vermehrt zu häuslicher Gewalt kommen, warnten Experten. Der Bund rief eigens eine Taskforce zum Thema ein und machte mit Plakaten auf Hilfsangebote aufmerksam. Anfang Juni dann die Entwarnung: Ein schweizweiter Anstieg sei ausgeblieben, teilte die Taskforce mit. Der Hinweis, in einzelnen Kantonen stellten die Opferhilfestellen seit Mitte Mai eine Zunahme der Beratungen fest, ging dabei unter.

Inzwischen zeigt sich: Die Momentaufnahme kurz nach dem Lockdown war trügerisch. In manchen Kantonen verzeichnen Polizei und Fachstellungen durchaus eine Zunahme. Von «deutlich mehr Fällen» im Jahr 2020 sprach kürzlich die Zürcher Regierungspräsidentin Silvia Steiner. Die Kantonspolizei Zürich rechnet für das gesamte Jahr mit 3160 Fällen – rund 10 Prozent mehr als im Vorjahr.

Schweizweite Zahlen gibt es noch nicht. Anfragen in anderen Kantonen legen aber nahe, dass der Trend zwar nicht flächendeckend ist, aber neben Zürich auch einzelne weitere Regionen betrifft. So verzeichnet die Kantonspolizei Aargau von Januar bis September zirka 11 Prozent mehr Fälle von häuslicher Gewalt. Die Kantonspolizei Bern kann noch keine Zahlen nennen, spricht aber von einer «klar steigenden Tendenz» im zweiten Halbjahr 2020. Und die Kantonspolizei St. Gallen musste von August bis Oktober fast 40 Prozent mehr so genannte «Interventionen im häuslichen Bereich» durchführen. Dabei geht es nicht immer um häusliche Gewalt – auch beispielsweise ein lautstarkes Gespräch, das Nachbarn der Polizei melden, fällt in diese Kategorie. Ob auch die häusliche Gewalt gestiegen ist, ist noch unklar.

Finanzielle Sorgen verschärfen Spannungen

In manchen Regionen berichten Beratungsstellen von einem Anstieg. So sagt Brigitte Greuter, Geschäftsführerin der Opferhilfe beider Basel: «Wir verzeichnen dieses Jahr eindeutig mehr Beratungen.» Während des Lockdowns seien die Anfragen zwar gesunken, danach aber deutlich angestiegen. In Basel-Landschaft betrage die Zunahme der Beratungen gegenüber dem Vorjahr rund 10 Prozent, in Basel-Stadt sei der Anstieg noch höher – wobei die Teilrevision des Polizeigesetzes einen wesentlichen Teil dazu beigetragen haben dürfte.

Schwankungen sind normal, wie Experten betonen. Laut Studien gibt es zum Beispiel während Fussballweltmeisterschaften mehr häusliche Gewalt. Derzeit liegt aber eine andere Erklärung auf der Hand: Corona.

Greuter geht wie andere Experten davon aus, dass die Zunahme auch mit der Coronakrise zusammenhängt. Die herrschende Unsicherheit, Angst vor Jobverlust, Homeoffice oder Quarantäne in kleinen Wohnungen: All das könnte die Zahlen nach oben getrieben haben. «Man weiss aus Studien, dass finanzielle Sorgen einen Einfluss auf häusliche Gewalt haben», sagt sie. «Deshalb gehe ich leider auch davon aus, dass sich die Situation nicht rasch bessert.»

Der Peak nach dem Lockdown

Auch die Opferberatungsstelle Luzern verzeichnete einen Anstieg: Die Beratungen im Bereich häuslicher Gewalt stiegen von Januar bis Ende Oktober im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent. Besonders ausgeprägt sei der Anstieg im Mai und im Juni gewesen – also nach dem Lockdown. «Betrachtet man diesen Peak, so dürfte mindestens ein Teil des Anstiegs im Zusammenhang mit der Coronakrise stehen», sagt Edith Lang, Leiterin der Dienststelle Soziales und Gesellschaft beim Kanton Luzern.

Von einer «deutlichen Zunahme» spricht auch Christine Meier von der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern, die im Kanton Bern unter anderem eine Fachstelle für Opfer von sexueller und häuslicher Gewalt betreibt. «Hier hatten wir bis Ende September 34 Prozent mehr Anfragen», erzählt sie. Als Ursache für die Zunahme sieht Meier nicht nur die Coronakrise: «Das Thema häusliche Gewalt war im Frühling in den Medien sehr präsent. Wir vermuten, dass sich deswegen auch mehr Betroffene gemeldet haben.»

Auch Präventionskampagnen können dazu führen, dass sich mehr Menschen an die Beratungsstellen wenden. Dass mehr Fälle in den Statistiken auftauchen, heisst daher nicht unbedingt, dass es tatsächlich mehr häusliche Gewalt gibt.

Kein schweizweiter Trend

Doch nicht überall werden mehr Fälle registriert. In den Kantonen Solothurn, Basel-Land und Waadt beispielsweise meldet die Polizei keine signifikante Zunahme. Gar einen Rückgang vermeldet die Kantonspolizei Thurgau. Manche Kantone wie Luzern oder Genf geben keine Zahlen bekannt.

Dass es Unterschiede zwischen den Regionen gibt, bestätigt die vom Bund eingesetzte Taskforce. Sie hat vergangene Woche (5.11.) die Lage erneut beurteilt, wie das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann auf Anfrage mitteilt. Ihr Fazit: Es zeige sich weiterhin kein einheitliches Bild. Schweizweit verzeichne die Polizei keine signifikante Zunahme von Straftaten im häuslichen Bereich. In manchen Regionen stellten Opferberatungsstellen und Frauenhäuser teilweise eine Tendenz zur Zunahme von Fällen häuslicher Gewalt fest; in anderen Regionen sei dies nicht der Fall. Die Taskforce will sich erneut treffen – auch, um die Zahlen aus dem Kanton Zürich detailliert zu besprechen.

Die Pandemie erschwert derweil aktuell auch die Arbeit der Frauenhäuser und Beratungsstellen für Opfer häuslicher Gewalt. «Wir machen das Möglichste, um unsere Angebote wie gewohnt aufrechterhalten zu können», sagt Meier von der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern. «Denn diese sind nötig, gerade jetzt.»

Autor

Maja Briner

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