Familienpolitik

«Ich schäme mich zu sagen, dass ich Hausfrau bin»: Doch manchmal gibt es kaum eine Alternative

Wie viel Arbeit ist neben der Kinderbetreuung möglich? Vier von fünf Frauen mit Kindern unter sieben Jahren arbeiten Teilzeit.

Wie viel Arbeit ist neben der Kinderbetreuung möglich? Vier von fünf Frauen mit Kindern unter sieben Jahren arbeiten Teilzeit.

Hausfrau zu sein gilt einigen als verpönt. Manchmal sind aber einfach die Hürden für die Vereinbarkeit zu hoch. Die Debatte gewinnt vor den familienpolitischen Abstimmungen vom 27. September neue Fahrt.

«Verzicht ist nicht gerade sexy. Hausfrau zu sein schon gar nicht. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich manchmal schäme, zu sagen, dass ich nicht ausser Haus arbeite.»

So beschrieb Janine Oesch ihre Situation einmal im Blog «Mamas unplugged». Sie lebte das Familienmodell, das noch vor wenigen Jahrzehnten als Ideal galt: Die Mutter schaut zu Kindern und Haushalt, der Vater arbeitet ausser Haus. Geplant hatte die heute 37-Jährige das nicht, im Gegenteil. Sie wollte eine moderne Rollenverteilung, Teilzeit arbeiten. Doch nach dem zweiten Kind wurde es schwierig. Ihr Mann, ein Pfarrer, konnte sein Pensum nicht weiter reduzieren. Natürlich, irgendwie hätte man es schon organisieren können. Aber der Preis erschien zu hoch: der Stress, der Aufwand, Kitakosten, die den Lohn wegfressen. Sie kündigte.

Das ist heute die Ausnahme. Nur eine von fünf Frauen mit Kindern unter sieben Jahren geht keiner bezahlten Arbeit nach. Anfang der 1990er waren es 50 Prozent gewesen. Das gängigste Familienmodell heute: Der Vater arbeitet Vollzeit, die Mutter Teilzeit. Die Hausarbeit erledigt in zwei Dritteln der Familien hauptsächlich die Frau.

Das Familienmodell als Politikum

Wie sich eine Familie organisiert, ist eine persönliche Entscheidung. Die Frage aber, welches Modell gefördert werden soll, ist ein Politikum. Das zeigt sich etwa bei der Vorlage über Steuerabzüge, über die am 27. September abgestimmt wird: Der Bundesrat wollte eigentlich nur jene Familien bei den direkten Bundessteuern entlasten, die viel Geld für die Kinderbetreuung ausgeben. Die bürgerliche Mehrheit im Parlament, angeführt von der CVP, baute die Vorlage jedoch aus: Familien sollen unabhängig vom Erziehungsmodell steuerlich besser fahren (siehe Kasten).

Geht es um Familienmodelle, gehen die Wogen rasch hoch. Die einen halten das Hausfrauen-Dasein für überholt – nur schon dieses Wort, Hausfrau, wie altmodisch! Die anderen sagen: Wenn ihr so viel arbeiten wollt, warum habt ihr Kinder?

© CH Media

Das Ziel des Bundes ist derweil klar: Die Erwerbsquote der Frauen soll weiter steigen. Manche Mütter spüren auch sozialen Druck zu arbeiten, wie sich bei Janine Oesch zeigt. Sie sagt: «Die Gesellschaft suggeriert, dass man Job und Familie schaffen kann. Dass es bei uns nicht klappte, habe ich fast als persönliches Versagen empfunden.» Erst als sie zwei weitere Kinder bekam, sei sie mit ihrem Familienmodell auf mehr Verständnis gestossen, sagt die vierfache Mutter.

Doch nicht alle erleben diesen gesellschaftlichen Druck. Auch Karin S. hat sich vor zwei Jahren eine Familienauszeit genommen, wie sie es nennt. «Es brauchte viel Überwindung, sich dafür zu entscheiden», sagt die Projektleiterin und Mutter dreier Kinder (3, 5 und 7). Denn ihr Plan sei immer gewesen, berufstätig zu bleiben. Sie sagt: «Plötzlich zu Hause zu bleiben, kein Geld mehr zu verdienen: Das passte nicht zu meinem Weltbild.»

Vielleicht stellt sich die Frage des Hausmannes in Zukunft öfter: Am 27 September stimmen wir über den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ab. (Bild: Keystone)

Vielleicht stellt sich die Frage des Hausmannes in Zukunft öfter: Am 27 September stimmen wir über den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ab. (Bild: Keystone)

Auf ihren Entscheid, den Job vorübergehend an den Nagel zu hängen, habe sie viele positive Reaktionen erhalten. Dass sie den Job kündigte, hatte mit einer Reorganisation in der Firma zu tun: Nach dem Mutterschaftsurlaub waren all ihre Projekte gestoppt. Der Job brachte nicht mehr die gewünschte Erfüllung, gleichzeitig waren die Tage streng und lang – Karin S. und ihr Mann pendelten für den Job eine Stunde nach Zürich. Um das älteste Kind rechtzeitig aus dem Kindergarten abzuholen, hätten sie eine Nanny gebraucht.

Es war nicht das erste Mal, dass nach einem Mutterschaftsurlaub bei ihr nicht alles glatt lief. Nach dem ersten Kind durfte sie während zweier Jahre nicht mehr als Projektleiterin Verantwortung übernehmen. Dies mit der Begründung, dass sie nicht Vollzeit arbeite. Karin S. sagt: «Das hat mich sehr geärgert. Nur weil ich ein Kind habe, habe ich den Kopf nicht verloren.»

Karin S. wie Janine Oesch sagen, sie hätten die Familienauszeit sehr genossen – auch wenn sie sie nie geplant hatten. Sorgen machte Karin S. vor allem eines: der Wiedereinstieg. Je nach Beruf sei es schwierig, ein Teilzeitpensum zu finden, sagt sie. Jobsharing gelte vielerorts als zu aufwendig. Und potenzielle Arbeitgeber haben sie auch schon gefragt, wie sie die Kinderbetreuung geregelt habe. Die unterschwellige Frage: Müssen Sie zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist? Inzwischen hat sie wieder einen Job gefunden – 40 Prozent, wie gewünscht.

Arbeitgeber drängen auf bessere Kinderbetreuung

Aus der Wirtschaft kommt der Ruf, dass Frauen sich stärker am Arbeitsmarkt beteiligen sollen. In den nächsten Jahren erreichen viele «Babyboomer» das Rentenalter, daher sei es essenziell, das inländische Arbeitskräftepotenzial besser auszuschöpfen, heisst es beim Arbeitgeberverband. «Dabei besteht bei Müttern ein grosses Potenzial», hält Chefökonom Simon Wey fest. Für den Arbeitgeberverband geht es indes nicht darum, noch mehr Teilzeitstellen zu schaffen – sondern vor allem um eine Erhöhung der Pensen.

Heute arbeiteten acht von zehn erwerbstätigen Müttern Teilzeit, vier davon weniger als 50 Prozent. Der Arbeitgeberverband sieht die Gründe dafür in den Rahmenbedingungen: Oft reduzierten die Mütter ihre Pensen wegen fehlender oder zu teurer Drittbetreuungsangebote. Das Kinderbetreuungsangebot in der Schweiz sei nachweislich ungenügend. Tatsächlich möchten 12 Prozent der erwerbstätigen Frauen ihr Pensum erhöhen.

Auch Janine Oesch haderte mit dem Betreuungsangebot: «Ich habe den Eindruck, dass die Vereinbarkeit zwischen Familie und Job gut funktioniert, wenn die Grosseltern jederzeit mithelfen. Sobald man sich aber auf das System verlässt, braucht es wenig und alles fällt zusammen – etwa, wenn ein Kind krank ist oder wenn man im Büro Überstunden leisten muss.»

Kitas sind gut aber, dass für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie reichen sie nicht – und sind für viele zu teuer. (Symbolbild: Chris Iseli)

Kitas sind gut aber, dass für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie reichen sie nicht – und sind für viele zu teuer. (Symbolbild: Chris Iseli)

Mehr Kitas: Das alleine reicht nicht

Auch das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann sieht noch Verbesserungsbedarf bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ein Wandel sei im Gang, erklärt die Behörde, das sehe man auch am Beispiel des Vaterschaftsurlaubs, noch sei man aber noch nicht am Ziel. «Es braucht immer noch mehr Kitas, vor allem aber günstigere Plätze und längere Öffnungszeiten», sagt Direktorin Sylvie Durrer.

Sie nimmt auch die Wirtschaft in die Pflicht: Flexible Arbeitszeitmodelle, Homeoffice, Jobsharing und die Möglichkeit von Teilzeitpensen auf allen Stufen und in allen Berufen sollten zur Selbstverständlichkeit werden. Das Ziel sei Wahlfreiheit: Die Rahmenbedingungen sollten so sein, dass Eltern frei entscheiden können, welches Modell am besten ihren Bedürfnissen entspricht.

Inzwischen hat übrigens auch Janine Oesch wieder einen Job: Seit das kleinste Kind in den Kindergarten geht, arbeitet sie in einem Hotel und für die Reformierte Kirche, insgesamt 35 Prozent. Sie ist wieder eine «Working Mum», wie sie es nennt. Und wünscht sich, dass das Kategorisieren und Kritisieren aufhört. «Eins sollte uns allen klar sein: Keine Situation ist perfekt.»

Autor

Maja Briner

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