Corona-Virus

Immunologe Beda Stadler zur Absage aller Gross-Events: «Die Angst ist viel zu gross»

Professor Beda Stadler, als er noch Direktor am Institut für Immunologie der Universität Bern war.

Professor Beda Stadler, als er noch Direktor am Institut für Immunologie der Universität Bern war.

Der emeritierte Immunologie-Professor Beda Stadler findet, dass nicht alle Grossveranstaltungen wegen des neuen Corona-Virus verboten werden müssten. Anlässe im Freien wie der Engadiner Skimarathon und Fasnachtsumzüge seien eigentlich kein Problem.

Der Bundesrat verbietet alle Anlässe mit mehr als tausend Teilnehmern. Ist das eine sinnvolle Massnahme?

Beda M. Stadler: Der Bundesrat befindet sich in einer ganz schwierigen Situation. Nachdem nun viele Länder vorgeprescht sind, konnte er fast nicht anders entscheiden. Wenn ihm am Schluss der Vorwurf gemacht wird, er habe zu viel gemacht, kostet das nur Geld. Wenn er aber zu wenig macht, kann das Leben kosten.

Ist es deshalb unausweichlich, alle Grossveranstaltungen abzusagen?

Es kommt darauf an, um was für einen Grossanlass es sich handelt. Am Engadiner Skimarathon, der verboten wurde, schätze ich das Ansteckungsrisiko aus drei Gründen als gering ein. Erstens findet der Anlass draussen an der Sonne statt. UV-Licht tötet die Viren ab. Draussen verbreiten sich die Tröpfchen zudem weniger als in einem geschlossenen Raum. Draussen fallen sie rascher zu Boden, während sie in einem Raum länger in der Luft schweben können. Zweitens kommt man sich beim Skilaufen nicht sehr nah. Die Leute sind fest eingepackt und küssen sich nicht. Eine Ansteckung könnte vor allem im Hotel stattfinden. Drittens ist es ein Anlass, den kranke Leute nicht besuchen, weil sie nicht Sport machen können. Hier wirkt die natürliche darwinistische Auslese. Das Gefährliche am neuen Corona-Virus ist zwar, dass es eine längere Zeitspanne als bei herkömmlichen Grippeviren dauert, bis infizierte Leute Krankheitssymptome haben. Aber was macht ein Teilnehmer des Skimarathons, der infiziert ist, sich aber gesund fühlt, nach der Absage? Er besucht vielleicht seine Grossmutter. Das wäre dann viel gefährlicher.

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Hätten die Behörden den Engadiner deshalb nicht absagen müssen?

Es ist ein Akt der Vorsicht. In der jetzigen Situation sind die Behörden auch ein Stück weit hilflos, weil man die Gefahr noch nicht genau kennt.

Aber aus Ihrer Sicht wäre ein differenzierterer Entscheid besser gewesen?

Dass man jetzt keine Anlässe mehr durchführt, bei denen sich viele Leute in geschlossenen Räumen aufhalten, ist sicher sinnvoll. Anlässe im Freien hingegen könnte man unter Umständen auch anders einstufen. Das Problem dabei ist: Wie will man das kommunizieren? Die Behörden würden von Veranstaltern mit Fragen bombardiert werden und müssten die Fälle einzeln beurteilen. Ich kann verstehen, dass das zu kompliziert wird.

Einen Fastnachtsumzug könnte man aber stattfinden lassen?

Wenn die Leute grosse Waggislarven tragen, sind sie auf jeden Fall besser geschützt als mit den Masken, die man jetzt hamstert.

Würden Sie Fasnachtsumzüge nun verbieten oder nicht?

Ich habe kein Rezept und möchte den Bund nicht kritisieren. Ich bin froh, dass ich diese Entscheide nicht fällen muss. Ich plädiere dafür, die Situation differenziert einzuschätzen, verstehe aber, dass das schwierig ist.

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Ist die Angst vor dem Virus zu gross?

Ja, viel zu gross. Sie ist so gross, dass sogar ein Bundesamt für Gesundheit der Angst nachgeben muss. Wenn die Hysterie ein derartiges Ausmass angenommen hat, können die Behörden gar nicht anders entscheiden.

Doch: Sie könnten abwarten und beschwichtigen.

Das Problem ist, dass man die Gefahr jetzt noch gar nicht richtig kennt. Deshalb weiss man erst im Nachhinein, was die richtigen Massnahmen gewesen wären.

Zu starke Massnahmen schaden der Wirtschaft enorm.

Die Börse geht bachab, weil die Leute völlig irrational reagieren. Da habe ich kein Bedauern. Mitleid habe ich aber mit kleinen Firmen wie einem kleinen Hotel, das ausgebucht war und jetzt leer steht.

Weshalb müssen die Leute keine Angst haben?

Das neue Corona-Virus ist nicht mit Masern und dem Ebola-Virus vergleichbar, die sich in kleinsten Dosen und über weite Strecken verbreiten können. Das neue Corona-Virus wird über grosse Tropfen und Schmierinfektion übertragen. Die Leute können deshalb weiterhin wie gewohnt Aktivitäten nachgehen, die draussen an der Sonne stattfinden. Wenn man dabei anderen Personen nicht näher als eine Armlänge kommt, kann man sich nicht anstecken.

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Es sterben aber mehr Leute als an der normalen Grippe.

Das Worst-Case-Szenario haben wir in Wuhan gesehen, wo man mehr als ein Monat lang das Virus nicht kannte und deshalb sich nicht schützte. Wuhan ist eineinhalbmal so gross wie die ganze Schweiz. Bis jetzt gab es dort 2800 Tote. Die Zahl der Infizierten ist abnehmend. In der Schweiz ist die Situation nicht vergleichbar. Wir leben nicht in so grossen Wohnsilos und haben eine viel bessere Gesundheitsversorgung. Die Mortalität ist zwar höher als bei der Grippe. Dennoch sind bisher mehr Leute an der normalen Grippe gestorben, weil es auch mehr Infizierte gibt. Zudem: In 80 Prozent der Fälle führt das neue Corona-Virus zu einer harmlosen Erkältung.

Ist das Schweizer Gesundheitssystem gut vorbereitet?

Sehr. In den USA gibt es nur sieben Labore, die Corona-Tests durchführen. In der viel kleineren Schweiz hingegen gibt es bereits zehn Back-up-Labore für das zentrale Labor.

Haben Sie persönlich einen Notvorrat angelegt, wie der Bund empfiehlt?

Ich hatte schon immer einen Notvorrat, weil ich das Thema vor vielen Jahren studiert habe. Ich lebe aber auch in den Bergen und kann nicht immer ins Tal hinunter fahren. Meine Situation ist deshalb nicht mit anderen vergleichbar: Ich lebe wie ein Eremit.

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