Impfstoffbeschaffung
AstraZeneca bleibt unerwähnt: Die PR-Pirouette von Alain Berset

Die Schweiz habe von Anfang an auf mRNA-Impfstoffe gesetzt und impfe als eines der wenigen Länder exklusiv damit, erklärt Gesundheitsminister Alain Berset im Gespräch mit einer deutschen Zeitung. Die Äusserung von Berset verzerrt die leidvolle Geschichte der Schweizer Impfstoffbeschaffung.

Christoph Bernet
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Bundesrat Alain Berset trifft im Medienzentrum des Bundes in Bern ein (Mai 2021).

Bundesrat Alain Berset trifft im Medienzentrum des Bundes in Bern ein (Mai 2021).

Peter Schneider / KEYSTONE

Am 11. November 2020 befindet sich die Schweiz auf dem Höhepunkt der zweiten Welle der Corona-Pandemie. Eine Woche lang wurden jeden Tag über 7000 Neuinfektionen vermeldet, über 60 neue Todesfälle.

Doch trotz diesen düsteren Umständen gibt es Lichtblicke: Zufrieden verkündet Gesundheitsminister Alain Berset vor den Medien in Bern, dass der Bundesrat den Kredit für die Beschaffung von Covid-19-Impfstoffen nochmals um 100 Millionen auf 400 Millionen Franken aufgestockt habe. Ziel sei es, der Bevölkerung so schnell wie möglich Zugang zu einem sicheren Impfstoff zu verschaffen.

Der Bund sei dabei bewusst mehrspurig unterwegs: «Wir haben seit März 2020 mit mehreren Herstellern gearbeitet», sagte Berset. Ziel sei es gewesen, unter den zu Beginn rund 100 weltweit in Entwicklung befindlichen Impfstoffen gegen Covid-19 die «erfolgsversprechendsten Kandidaten» zu identifizieren. Dank dieser Strategie sei man jetzt «in einer guten Situation»: Mit Moderna und AstraZeneca seien bereits Lieferverträge unterzeichnet, mit Pfizer/BioNTech eine «bindende Reservierung abgeschlossen». Man wolle sich nicht nur auf ein oder zwei Produkte stützen. «Damit würden wir ein zu grosses Risiko eingehen», so Berset.

Ein möglichst breites Portfolio

In derselben Pressekonferenz präzisiert Nora Kronig, als Leiterin der Abteilung Internationales beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) zuständig für die Impfstoffbeschaffung, Bersets Ausführungen: «Wir verfolgen eine Multiplattformstrategie, bei der wir pro Impfstoffplattform – mRNA-, vektor- und proteinbasierte Impfstoffe – je zwei Produkte reservieren, damit wir sehr breit aufgestellt sind». Schliesslich wisse man ja noch nicht, was sich am Schluss wirklich durchsetzen werde. Die Aufstockung des Beschaffungskredits diene dazu, das Portfolio zu verbreitern.

Ein Mann wird im Impfzentrum in der Stadthalle von Dietikon ZH geimpft.

Ein Mann wird im Impfzentrum in der Stadthalle von Dietikon ZH geimpft.

Sandra Ardizzone / AGR

Und tatsächlich: Der vektorbasierte Impfstoff von AstraZeneca, für den die Schweiz damals bereits einen Kaufvertrag vorliegen hat, wie Berset stolz betont, wird hierzulande von der Heilmittelbehörde SwissMedic gar nie zugelassen. Die Wirksamkeit liegt deutlich tiefer als bei den mRNA-Impfstoffen, ausserdem wecken vereinzelt vorkommende Fälle von tödlich verlaufenden Embolien in der Öffentlichkeit Zweifel an AstraZeneca.

Vom breiten Imfstoff-Portfolio der Schweiz sind bis heute nur die beiden mRNA-basierten Impfstoffe von Moderna und Pfizer/BioNTech zugelassen. Die unterdessen ausreichend vorhandenen Dosen erlauben es der Eidgenossenschaft, allen impfwilligen Erwachsenen einen Zugang zur Covid-Impfung zu ermöglichen.

Doch wie die «NZZ am Sonntag» in einer aufwendig recherchierten Rekonstruktion der Ereignisse aufzeigte, war das Bundesamt für Gesundheit lange skeptisch, ob sich die mRNA-Impfstoffe bewähren würde. «Wir mussten einfach noch wissen, ob diese Impfstofftechnologie wirksam und sicher ist», sagte Nora Kronig gegenüber der NZZaS. Dieses Zögern, schreibt die Zeitung, habe gravierende Folgen gehabt - und die Verfügbarkeit von ausreichend Impfdosen für die Bevölkerung verlangsamt.

Berset als Kronzeuge gegen Merkel

Doch dieses Zögern und die - nachvollziehbare – anfängliche Strategie, auf mehrere Technologien zu setzen, bleibt auf höchster politischer Ebene unterdessen gerne unerwähnt. So sagte Gesundheitsminister Alain Berset unlängst im Gespräch mit der deutschen Zeitung «Welt»: «Wir haben von Anfang an auf mRNA-Impfstoffe gesetzt und sind heute eines der wenigen Länder der Welt, die exklusiv damit impfen.»

Wenn auch nicht falsch, so fällt Bersets Aussage mit Blick auf die Geschichte der Schweizer Impfstoffbeschaffung zumindest etwas schönfärberisch aus. Doch im Gespräch mit der «Welt» aus dem Springer-Verlag, welcher derzeit mit schwerem Geschütz gegen die Corona-Politik der deutschen Bundesregierung auffährt, fällt die fehlende Präzision Bersets nicht ins Gewicht. Bereits in der Einstiegsfrage erwähnt die Zeitung die vielen Deutschen, welche «die Schweiz um ihren Mittelweg beneideten». Später wird dieser mit der «Infantilisierung der Bevölkerung» durch die deutsche Regierung gegengeschnitten.

Alain Berset versucht im Interview mit der «Welt», sich nicht allzu sehr als Kronzeuge gegen die Coronapolitik der deutschen Bundesregierung einspannen zu lassen und betont, verschiedene Länder hätten unterschiedliche Voraussetzungen.

Bersets Kommunikationsabteilung will keinen offiziellen Kommentar zu den Aussagen des Gesundheitsministers abgeben.

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