Interview
Dieser anonyme Opa mischt die Corona-Debatte auf – das steckt dahinter

Er tauchte aus dem Nichts aus und avancierte zum beliebten Kommentierer der Schweizer Corona-Politik. Ein Interview mit einem Verzweifelten, der sich unter dem Pseudonym «Opa Köbi» den Frust von der Seele twittert.

Sarah Serafini/watson.ch
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Am 15. November 2020 setzte ein bisher unbekannter User unter dem Namen «Opa Köbi» seinen ersten Tweet ab. Darin ärgerte er sich über den Film «Unerhört» von Journalist Reto Brennwald. 13 likten das. Daraufhin folgten täglich neue Einträge vom Opa. In verbissener Regelmässigkeit zitierte er Artikel, verfasste eigene, ärgerte sich über das tägliche Pandemiegeschehen. Mehr und mehr vergrösserte sich sein Publikum. Inzwischen gilt er als nüchterner, aber kritischer Kommentierer der Schweizer Corona-Politik. Doch wer steckt hinter dem Pseudonym? Und was treibt Opa Köbi an?

Opa Köbi, was am Brennwald-Film machte Sie so wütend, dass Sie dachten, jetzt müssen Sie sich mit einem öffentlichen Statement Luft verschaffen?

Opa Köbi: Der Brennwald-Film hat das Fass lediglich zum Überlaufen gebracht. Bereits über den Sommer verfolgte ich die Corona-Fallzahlen mit grosser Sorge. Ich bin weder Epidemiologe noch Mathematiker, mir war aber klar, wo der Trend hinführt, wenn nichts geändert wird. Das Wachstum schien exponentiell, wenn auch noch auf tiefem Niveau. Doch ich hatte das Gefühl, nur wenige teilten meine Besorgnis. Insbesondere nicht unser Bundesrat, der Lockerungen ankündigte und gar Grossveranstaltungen wieder zulassen wollte. Ich zweifelte an meinem Verstand. «Die müssen etwas wissen, was ich nicht weiss», war meine Schlussfolgerung. Sonst würden sie ja grobfahrlässig handeln. Spätestens Anfang Oktober war klar, dass eine zweite Welle im Anmarsch war. Experten innerhalb und ausserhalb der Taskforce hatten eindringlich vor ihr gewarnt.

Sie gewannen das Vertrauen in Ihren Verstand zurück?

Ja und ich war überzeugt, dass unsere Regierung nun schnell handeln würde, um tausende Tote, zigtausende mit Langzeitfolgen und Schäden für Wirtschaft und Gesellschaft abzuwenden. Dass kaum etwas unternommen wurde, war mir völlig unverständlich. Es hat mich richtig bestürzt.

Und dann schauten Sie den Brennwald-Film.

Er wurde mir von Freunden empfohlen. Sie sagten, ich sei ein Hysteriker, dieser Film würde mich zur Vernunft bringen. Also habe ich ihn mir angesehen. Und war sprachlos. In genau dem Moment, in welchem schnelles und beherztes Handeln gefragt ist, präsentiert Brennwald eine Reihe vermeintlicher Experten, die Massnahmen nicht nur als unnötig, sondern gar als schädlich darstellen. Ich fand das verantwortungslos. Zahlreiche Aussagen im Film waren faktisch schlicht falsch und irreführend. Und bereits bei der Filmpremiere am 23. Oktober von der Realität hinreichend widerlegt. Als ich meine Sprache wiedergefunden hatte, verspürte ich einen Drang, zu schreiben.

«Die meisten Politiker scheinen sich nicht richtig mit dem Thema befasst zu haben. Fundamentale Zusammenhänge scheinen sie nicht zu verstehen.»

Warum?

Für meine Freunde. Zuhören würden sie mir nicht, aber lesen würden sie vielleicht schon. Vor allem, wenn der Text nicht von mir kommt. Und so war Opa Köbi geboren. Zum ersten Mal in meinem Leben schrieb ich einen Blogpost und meldete mich bei Twitter an.

Sie schreiben also, weil Sie sich erhoffen, eine Diskursverschiebung anzustossen.

Die öffentliche Corona-Diskussion in der Schweiz empfand ich als langsam und oberflächlich. Themen, die im Ausland bereits seit Monaten breit bekannt waren, fanden ihren Weg nur ganz langsam in die Schweiz. Dazu gehörten die Bedeutung von Masken, der Einfluss von Aerosolen bei der Virusübertragung und auch die Rolle von Kindern und Schulen. Bei letzterem Punkt hinken wir dem Ausland weiterhin um Monate hinterher. Vielerorts ist der Beitrag von Kindern und Schulen zur Virusverbreitung schon längst verstanden, während bei uns immer noch behauptet wird, Kinder seien doch nicht betroffen und hätten damit nichts zu tun.

Was denken Sie, woran das liegt?

Die meisten Politiker scheinen sich nicht richtig mit dem Thema befasst zu haben. Fundamentale Zusammenhänge scheinen sie nicht zu verstehen. Öffentliche Debatten sind oft Orgien der Unkenntnis. Uns fehlt ein öffentlicher Wissenschaftsdialog, wie er beispielsweise in Deutschland viel aktiver stattfindet. In der breiten Bevölkerung scheinen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zum Virusverhalten nicht bekannt zu sein. Viele gehen beispielsweise weiterhin davon aus, dass es reicht, eineinhalb Meter Abstand zu halten, um sich zu schützen. Das ist leider völlig unzureichend, gerade wenn man sich über längere Zeit in Innenräumen aufhält. Ich wollte hier also eine Lücke füllen. Und die Themen und Perspektiven aufbringen, die ich in der öffentlichen Diskussion vermisste.

Was fehlt Ihnen?

Aktuell fordern diverse Kreise eine schnellere und umfassendere Öffnung als vom Bundesrat vorgeschlagen. Aber es gibt kaum Diskussionen darüber, was in so einem Fall geschehen würde. Wieder dominieren falsche Pauschalannahmen, wie «nur alte Menschen sind gefährdet», die öffentliche Diskussion. Daher habe ich ein einfaches Modell gebaut, um zu verstehen, was nach einer Lockerung der Massnahmen geschehen könnte. Und kam zum Schluss, dass unsere Spitäler bald wieder überlastet wären, selbst wenn ein Grossteil der über 70-Jährigen bereits geimpft ist. Mein aktueller Artikel erklärt die Zusammenhänge.

Sie übernehmen also quasi die Arbeit von uns Journalistinnen?

Ich hoffe, dass «richtige» Journalisten solche Überlegungen aufnehmen und sie auch in ihren Publikationen zum Thema machen. Das ist erfreulicherweise auch schon geschehen. Alle meine Texte basieren auf öffentlich verfügbaren Daten und Schulmathematik. Journalistinnen und Journalisten dürfen meine Inhalte gerne weiterverwenden, auch ohne Quellenangabe. Es geht mir um die Sache.

In der Pandemie sind narzisstisch veranlagte Möchtegern-Experten wie Pilze aus dem Boden geschossen. Sind Sie einfach einer mehr, der denkt, seine Meinung sei so wichtig, dass alle anderen sie hören müssen?

Ich suche nicht das Rampenlicht und ich bin überhaupt nicht narzisstisch veranlagt, im Gegenteil, ich bin eine eher zurückhaltende, private Person.

«Es soll um die Sache gehen und nicht um meine Person.»

Aber Sie sind kein Experte in Epidemiologie, das haben Sie vorher selbst gesagt.

Ich beschränke mich auf Themen, mit denen ich mich ausreichend beschäftigt habe, um eine vernünftige Laienperspektive teilen zu können. Ich äussere mich beispielsweise nicht zu detaillierten medizinischen Themen. Wie sinnvoll es ist, die zweite Impfdosis zu verzögern, und welche Gefahren dieses Vorgehen birgt, kann ich zu wenig gut beurteilen. Da überlasse ich die Einschätzung den Experten. Auch makroökonomischen Themen widme ich keine Texte. Das können andere besser und die machen das auch. Decken andere Autoren ein Themenfeld gut ab, so sehe ich keine Notwendigkeit, auch noch reinzuspringen.

Warum treten Sie anonym auf?

Das hat zwei Hauptgründe. Erstens soll es um die Sache gehen und nicht um meine Person. Und zweitens machen mir die verbale und teilweise auch physische Gewalt, zu der einige Leute greifen, Angst. Dem möchte ich weder mich noch meine Familie aussetzen. Einige Leser sind neugierig und möchten gerne wissen, wer Opa Köbi genau ist. Andere suchen eine Angriffsfläche, was leichter fällt, wenn man auch gegen die Person argumentieren kann, anstatt gegen Inhalte. In den letzten Wochen haben mich auch einige Journalisten kontaktiert. Darunter waren auch mehrere, die Verständnis zeigten für meine Wahl der Anonymität und mir von eigenen negativen Erfahrungen mit Gewaltandrohungen berichteten.

Ihre Artikel sind nicht gerade kurz gehalten und zusätzlich oft mit eigenen Statistiken versehen. Wie viel Zeit wenden Sie auf für Ihre Recherche, für das Schreiben und Posten von Ihren Beiträgen?

In einige Artikel habe ich mehrere Tage Arbeit investiert. Am meisten wohl in den Beitrag zu möglichen Massnahmen nach dem Ende des Lockdowns. Dafür hatte ich tagelang Artikel aus aller Welt, wissenschaftliche Forschungsergebnisse und Regierungswebseiten diverser Länder studiert. Teilweise mit Hilfe von Google Translate. Meine Analyse dazu, was in der Schweiz schiefgeht, ist über mehrere Wochen entstanden. Es hat sich gelohnt, das ist bisher der mit Abstand beliebteste Text.

Woher nehmen Sie diese Zeit?

Andere Hobbys kamen in den letzten Wochen deutlich zu kurz. Da ich mich aber sowieso mit diesen Themen beschäftige, aus eigenem Interesse, benötigt das Niederschreiben dann gar nicht mehr so viel zusätzliche Zeit.

Ihre Beiträge, insbesondere die Häufigkeit Ihrer Postings, haben etwas Getriebenes. Sind Sie ein Getriebener?

Seit Mitte November habe ich 26 Beiträge verfasst. Das ist ein Text alle vier bis fünf Tage. Was mich antreibt, ist die Füllung der erwähnten Lücken. Mir fehlen Themen und Perspektiven im öffentlichen Diskurs, die ich für entscheidend halte. Eigentlich wollte ich nun eine Schreibpause einlegen, zumindest bei den langen Artikeln. Ich hatte das Gefühl, es sei schon alles gesagt. Ich wiederhole mich ja schon ständig.

Aber?

Dann kam die Meldung aus der Gesundheitskommission des Nationalrates, die schnellere Öffnungen verlangt. Und in der Berichterstattung dazu finde ich politische Spielchen, Kommentare zum Gemütszustand der Bevölkerung und dazu, wie sehr sich alle nach Lockerungen sehnen, sowie Forderungen von Restaurantbesitzern. Aber nirgendwo fand ich eine Beschreibung von Erwartungen, was nach einer schnellen Öffnung geschehen würde. Und was diese Entwicklungen bedeuten könnten für die Gesundheit der Menschen und für die schon lange leidenden Beizer.

Viele sind frustriert. Haben Sie dafür kein Verständnis?

Doch völlig. Doch befürchte ich, dass durch zu schnelle Lockerungen nach einer kurzen Verschnaufpause noch härtere Massnahmen notwendig würden, über noch längere Zeit. Ich wollte verhindern, dass wir wieder dieselben Fehler wiederholen, zu früh und zu schnell öffnen – und dann später bitter dafür bezahlen. Ich habe weiterhin die Illusion, dass meine Texte die Debatte ein bisschen erweitern können, damit wichtige Aspekte nicht vergessen gehen.

«Der Ansatz von Ländern wie Neuseeland und Australien ist unserem haushoch überlegen. Dort geht es allen gesundheitlich und auch psychologisch viel besser.»

Das klingt etwas verzweifelt. So auch viele Ihrer Texte.

Das haben Sie richtig erkannt. Unser aktuelles Vorgehen hat katastrophale Auswirkungen. Für die Gesundheit, für die Wirtschaft und auch für die Gesellschaft. Das trifft mich auch persönlich.

Inwiefern?

Seit bald einem Jahr verlasse ich meine Wohnung kaum mehr. Und dabei kann ich mich noch zu den Glücklichen zählen. Andere bangen um ihre Existenzgrundlagen, leiden an Langzeitfolgen oder haben gar geliebte Angehörige verloren. Das Ausmass des Leids ist unnötig gross. Ja, am Anfang der Pandemie gab es noch viele Unsicherheiten. Aber unterdessen verstehen wir die Dynamik sehr gut und wir können verschiedenste Strategien weltweit vergleichen. Dabei ist der Ansatz von Ländern wie Neuseeland und Australien anderen haushoch überlegen. Auf allen Dimensionen. Dort geht es allen gesundheitlich und auch psychologisch viel besser – und auch die Wirtschaft hat deutlich weniger stark gelitten.

Die Schweiz ist nicht Neuseeland oder Australien.

Das ist typisch. Wir konzentrieren uns lieber auf Ausreden. «Wir sind keine Insel. Wir haben eine höhere Bevölkerungsdichte», etcetera. Seit dem Sommer versuchen wir, uns irgendwie durchzuwursteln in der Hoffnung, dass sei ja alles bald vorbei. Es lohne sich jetzt nicht mehr, die Pandemie konsequent zu bekämpfen. Hätten wir die Pandemie im Sommer ernst genommen oder spätestens im Herbst, so könnten wir nun ein Leben haben wie die Neuseeländer.

«Wir müssten uns eingestehen, dass der bisherige Ansatz gescheitert ist. Und dazu scheinen viele noch nicht bereit zu sein. Dieser Stolz kommt uns teuer zu stehen.»

Und dieser Weg wäre in Ihren Augen der einfachere gewesen?

Nein, auch das wäre schwierig gewesen und hätte ebenfalls Abstriche verlangt. Aber insgesamt wäre es uns viel besser ergangen. Je später wir das einsehen, desto mehr werden wir leiden. Diese Pandemie könnte uns auch noch 2022 beschäftigen. Insbesondere, wenn wir weiterhin so langsam impfen und immer wieder neue Mutationen entstehen, die wir dann importieren. Es ist tragisch. Ein reiches und gut gebildetes Land wie die Schweiz hätte so eine Epidemie viel besser meistern sollen. Dass wir scheitern, bereitet mir auch Sorge für die Zukunft. Wie wollen wir mit noch grösseren Herausforderungen umgehen, wenn wir uns nicht mal für eine Anfängerpandemie zusammenraufen können?

Opa Köbi, wenn Sie Bundesrat wären: Wie würden Sie die Schweiz aus der Pandemie führen?

Eine Kernaussage, die ich ständig wiederhole, ist folgende: Wer sich ein schnelles Ende von Massnahmen wünscht, sollte sich für mehr Massnahmen stark machen, nicht für weniger. Die Halbherzigkeit führt zu ewigen Lockdowns und viel unnötigem Leid. Ein strenger Lockdown könnte Fallzahlen schnell senken und dann auch bald wieder vorbei sein.

Was können Sie uns über sich verraten? Sind Sie wirklich ein Opa?

Ich möchte nicht viel über mich preisgeben. Ein tatsächlicher Opa bin ich noch nicht, was einige Leser auch schon vermuteten.

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