Interview

Jetzt nimmt der Globetrotter-Chef Stellung zu seinen SRF-Ferien: «Verstehe, wenn Leute sagen: Gopf, was soll das?»

Globetrotter-CEO André Lüthi war für SRF-Dok in den USA auf Reisen.

Globetrotter-CEO André Lüthi war für SRF-Dok in den USA auf Reisen.

Die Nachricht, dass das Schweizer Fernsehen den Reisebüro-Chef André Lüthi und andere Promis auf Kosten der Gebührenzahlenden in die Ferien schickt, bewegt die Gemüter. Im Interview verteidigt Lüthi seine Teilnahme – und sagt, was er heute anders machen würde.

Sie haben für eine SRF-DOK-Serie mit Ihrem Sohn eine Kalifornien-Reise gemacht. Dass das SRF Ihre Reisekosten komplett übernahm, sorgte für grosses Echo. Hat Sie das erstaunt?

André Lüthi: Jein. Es ist ja nicht die erste Reise, die ich mit dem SRF in den letzten zehn Jahren gemacht habe. Ich reiste auch schon mit dem Seitenwagen durch Russland. Und was die Kosten anbelangt: Meines Wissens bezahlt das SRF immer die Spesen der Sendungen, auch wenn CEOs über Gletscher laufen zum Beispiel. Für mich war es deshalb klar, dass sie auch die Spesen dieser Reise bezahlen, wobei ich und mein Sohn vermutlich am wenigsten Übernachtungskosten hatten von allen Protagonisten – wir schliefen fast immer im Zelt. (lacht)

Und der Ärger der Gebührenzahler?

Klar, ich verstehe es, wenn manche Leute nun sagen: Gopf, was soll das? Aber Fernsehen produzieren kostet, und das SRF hat weitaus grössere Ausgabeposten als diese Sendung, von der Unterhaltung bis hin zu Sportrechten in Millionenhöhe.

Haben Sie selber viele Nachrichten erhalten?

Ja, aber vor allem nach dem positiven Artikel im «Sonntagsblick», wo ich über die Reise sprach und Bilder davon zeigte. Viele Bekannte und Unbekannte freuen sich auf die Sendung Ende August, vor allem auf unser Autostopp-Abenteuer. Denn wir haben uns in Bern vor das Wankdorf-Stadion gestellt und haben von dort aus bis nach London «gestöppelt». Und unterwegs haben wir draussen in unserem Zelt geschlafen, in Gärten, im Wald und am Schluss am Boden des Londoner Flughafens.

André Lüthi und sein Sohn auf einer Harley.

André Lüthi und sein Sohn auf einer Harley.

Über den Atlantik sind Sie aber nicht geschwommen, oder?

Das nächste Mal wieso nicht? Nein, im Ernst, da mussten wir natürlich ein Flugzeug nehmen.

In Kalifornien mieteten Sie einen Jeep und eine Harley. Hinzu kam bestimmt die eine oder andere Mahlzeit.

Logisch, etwas essen mussten wir zwischendurch. Meistens haben wir am Lagerfeuer gekocht. Den Jeep haben wir für sieben Tage gemietet, die Harley nur für einen.

Die Sendung kostete laut SRF wahrscheinlich weniger als 80'000 Franken. Sie sind Reisebüro-Chef, können es also gut einschätzen: Was hat allein die Reise von Ihnen und Ihrem Sohn gekostet?

Das Autostoppen von Bern nach London kostete logischerweise nichts. Die Flüge je zirka 1400 Franken. In Amerika haben wir ebenfalls fast ausschliesslich gezeltet. Nur in San Francisco und Las Vegas waren wir in Hotels. Die Hotel- und Autokosten von Levin und mir waren je vielleicht 2000 Franken. Unser Trip war wirklich «low budget» – so wie ich dieselbe Route vor 38 Jahren bereiste.

Auch andere Prominente sind Teil der Sendung: Ex-SBB-Manager Benedikt Weibel, Jeannine Pilloud, Musiker Chris von Rohr und Ex-Miss-Schweiz-Organisatorin Karina Berger – allesamt nicht Vertreter der Mittelschicht. Sie auch nicht. Finden Sie diese Auswahl für eine «DOK»-Sendung gut?

Diese Frage kann man sich stellen. Ich kann nur für mich sprechen. Es war der Entscheid vom SRF, mich anzufragen. Ich wurde wahrscheinlich kontaktiert, weil ich etwas aus dem Rahmen falle – anders ticke als andere Konzernchefs. Ich lebe für das Reisen mit Herz und Leidenschaft und mache regelmässig Reisen anderer Art. Es ist für mich die beste Lebensschule – deswegen halte ich auch viele Führungsvorträge, um zu zeigen, dass man es auch als gescheiterter Bäcker und ohne HSG-Studium zu etwas bringen kann. Nach einem grossen Erdbeben in Nepal reiste ich mit meiner Partnerin ins Land um vor Ort zu helfen. Mit Reiseleitungen und anderen beruflichen Reisen bin ich jedes Jahr bis zu zehn Wochen unterwegs, drei bis vier Wochen als unbezahlte Ferien. Ich denke man merkt bei mir, dass ich meine Leidenschaft fürs Reisen zum Beruf gemacht habe. Und wichtig: Ich hatte auch extrem viel Glück in meinem Leben als Unternehmer.

Bei Ihnen kommt hinzu: Sie sind nicht nur wohlhabend, Sie sind auch Chef eines grossen Reisebüros und sind nun Teil einer Reisesendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das ist Gratis-Werbung für Sie und Ihre Firma.

Klar. Jeder Fernsehauftritt ist Gratiswerbung. Auch wenn Peter Spuhler im «10 vor 10» fünf Minuten lang zu Wort kommt. Nochmals: Ich kann nichts dafür, dass ich meinen Beruf mit Herzblut und vielleicht etwas anders als andere ausübe und die Medien darauf ansprechen. Richard Branson ist auch ein «Spinnsiech» und deshalb auch immer in den Medien.

Sie waren zuletzt sehr oft Gast in SRF-Sendung. In der Reisebranche kommt diese Dauerpräsenz nicht überall gut an, wie hinter vorgehaltener Hand zu hören ist.

Logisch. Persönlich hat mir das noch niemand direkt gesagt. Aber ich nehme das sportlich. Neider muss man sich auch erarbeiten.

Sagen Sie je nein, wenn die Medien auf Sie zukommen?

Ja. Aber klar, ich arbeite gerne mit den Medien zusammen. Mir geht es jedoch nicht um mich, sondern um meine Philosophie und meine Begeisterung fürs Reisen, das Entdecken, das Kennenlernen von fremden Kulturen. Diese Botschaft möchte ich nach aussen trage. Kommt hinzu, dass ich in den letzten Monaten während der Corona-Krise quasi zum Botschafter der Branche wurde, weil ich oft von den Medien angegangen wurde. In der «Samstagsrundschau» sprach ich über die Krise, in der «Sternstunde Philosophie» über meine Himalaya-Reise und im «Club» über den Clinch der Reisebranche mit der Swiss. Dafür erhalte ich auch viel Zuspruch. Man sagt mir: Danke, dass du für unsere Branche hinstehst.

Was halten Sie vom Zeitpunkt der Ausstrahlung? Die Zuschauer werden Sie und Ihren Sohn auf Kalifornien-Reise sehen, während Schweizer derzeit gar nicht in die USA reisen können – oder sich solche Ferien wegen der Corona-Krise nicht leisten können.

Da bin ich unschlüssig. Bei Globetrotter hatten wir für dieses Jahr 4000 USA-Buchungen. 80 Prozent davon wurden auf nächstes Jahr verschoben, der Rest annulliert. Und wir selber müssen Leute entlassen, weil momentan wirklich kein Mensch eine Fernreise bucht. Und das wird dieses Jahr so bleiben. Deshalb verstehe ich es, wenn man den Zeitpunkt der Ausstrahlung kritisiert. Diese Werbung nützt uns auf jeden Fall momentan absolut nichts. (lacht) Andererseits ist es vielleicht auch nicht schlecht, wenn man als Zuschauer auch wieder mal etwas Positives sieht, nicht nur Masken, Angst und BAG-Bashing.

Würden Sie die Reise im Nachhinein wieder machen?

Stand 2019 ja. Doch aufgrund von Corona wird sich das Reiseverhalten grundlegend verändern. Wenn, dann würde ich auf die Nachhaltigkeit des Reisens aufmerksam machen, die Menschen auf ein neues Bewusstsein für das Reisen sensibilisieren. Sehr bereichernd fand ich auf jeden Fall die gemeinsame Zeit mit meinem Sohn, für den diese Art von Reisen mit dem Autostoppen und den Zeltübernachtungen – wie es wir «Alten» eben machten - etwas völlig Neues war.

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