Auschwitz-Vergleich
Jonas Frickers Fehltritt und seine Vorgeschichte: Kein Einzelfall

Nach seinem umstrittenen Votum im Nationalrat gab Jonas Fricker seinen Rücktritt bekannt. Der leichtfertige Umgang mit der jüdischen Geschichte ist kein Einzelfall.

Lorenz Honegger
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So liess Jonas Fricker 2014 eine zurücktretende Grossrätin der Grünen in einem Rundbrief der Kantonalpartei zu Wort kommen.

So liess Jonas Fricker 2014 eine zurücktretende Grossrätin der Grünen in einem Rundbrief der Kantonalpartei zu Wort kommen.

Schweiz am Wochenende

Eine Woche ist es her, dass der Aargauer Nationalrat Jonas Fricker sein Rücktrittsschreiben veröffentlichte. Es war ein Befreiungsschlag, der ihm auch von seinen Kritikern viel Respekt einbrachte. Fricker zog mit dem Schritt die Konsequenzen aus seinen Äusserungen im Plenum der grossen Kammer, wo er am 28. September den Transport von Schweinen mit der Deportation von Juden nach Auschwitz im Film «Schindlers Liste» verglichen hatte.

Ein Blick zurück offenbart, dass Frickers Fehltritt im Nationalrat eine Vorgeschichte hat: Schon im September 2014 zeigte er nach Ansicht von Historikern wenig Fingerspitzengefühl im Umgang mit der jüdischen Geschichte.

Kleinparteien als Opfer

Als damaliger Präsident der Grünen Aargau würdigte er in einem Rundbrief der Kantonalpartei seine Parteikollegin Patricia Schreiber-Rebmann, die nach 15 Jahren im Kantonsparlament zurücktrat. Fricker bezeichnete Schreiber im Text als «Kämpferin für Minderheiten» und liess sie mit folgendem Zitat zu Wort kommen: «Einerseits wird der Umgang mit gewissen Minderheiten im Aargau zum Thema – die Geschichte der Juden zum Beispiel wird aufgerollt – und andererseits setzt das jetzige Parlament alles daran, die politischen Minderheiten nicht zu Wort kommen zu lassen.» Die grossen Parteien würden alles machen, damit die kleinen «ja nicht mehr über den Tellerrand hinausblicken können».

aSo liess Jonas Fricker 2014 eine zurücktretende Grossrätin der Grünen in einem Rundbrief der Kantonalpartei zu Wort kommen.

aSo liess Jonas Fricker 2014 eine zurücktretende Grossrätin der Grünen in einem Rundbrief der Kantonalpartei zu Wort kommen.

Damit gemeint war der Umstand, dass kleine Parteien ohne Sitz im Regierungsrat bis zu diesem Zeitpunkt keine Chance hatten, das Aargauer Grossratspräsidium zu übernehmen. Eine Einschränkung, von der bis zur Wahl von Susanne Hochuli 2009 in den Regierungsrat und der Wahl von Patricia Schreiber zur Grossratspräsidentin 2010 auch die Grünen Aargau betroffen waren.

Fricker will sich auf Anfrage nicht mehr zu dem von ihm zitierten Vergleich zwischen dem Umgang mit Kleinparteien und der historischen Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in seinem Text äussern: In einer Stellungnahme betonte er am vergangenen Sonntag, dass er Ruhe brauche, und daher keine Medienanfragen beantworte.

Deutlich äussert sich sein Parteikollege und Historiker Josef Lang: «Der Vergleich ist gewiss nicht antisemitisch, aber trotzdem befremdlich», sagt der Zuger Alt-Nationalrat (2003 bis 2011), der den Antisemitismus in der Schweiz als einen seiner Forschungsschwerpunkte bezeichnet.

Die Situation der jüdischen Minderheit im Aargau im 19. Jahrhundert lasse sich überhaupt nicht vergleichen mit der Situation von politischen Minderheiten im 21. Jahrhundert, so Lang. Die Juden im Aargau seien aus grundsätzlichen Motiven diskriminiert worden, weil sie für die Vertreter eines christlichen Staates ein Fremdkörper gewesen seien. Die «unfaire Benachteiligung von Kleinparteien» hingegen sei machtpolitisch begründet und treffe Parteien jeglicher Couleur. Lang betont aber auch, der Vergleich im Rundbrief von 2014 sei nicht mit Frickers Äusserun- gen im Nationalrat vom 28. September gleichzustellen: «Trotzdem verstärkt das Zitat den Eindruck der Leichtfertigkeit im Umgang mit dem jüdischen Schicksal», sagt Josef Lang.

Verhängnisvolle Vergleiche

Lukas Keller, Präsident des jüdisch-christlichen Projekts Doppeltür, sagt, Vergleiche von Minderheiten, Despoten und Völkermorden mit politischen Anliegen oder persönlichen Wertvorstellungen seien problematisch und «vielfach ein No-Go». Personen des öffentlichen Lebens tappten oft in diese Falle und würden dabei wichtige ethische Grundregeln vergessen. Keller betont gleichzeitig, dass er «aus Respekt vor der Person Jonas Fricker nicht jedes Zitat aus dessen vergangener politischer Arbeit» kommentiere. Fricker ist Mitglied im Patronatskomitee. Der Schweizerisch-Israelitische Gemeindebund verzichtete am Freitag aufgrund eines jüdischen Feiertages auf eine Stellungnahme.

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