Coronakrise

Jüngster Nationalrat und Gastro-Unternehmer: «Massenhafte Notkredite müssen aufhören»

Der ehemalige Präsident der Jungfreisinnigen hält nichts von einer Steuer auf Milliardenvermögen.

Der ehemalige Präsident der Jungfreisinnigen hält nichts von einer Steuer auf Milliardenvermögen.

Andri Silberschmidt ist mit 26 Jahren der jüngste Nationalrat. Im Interview erzählt er, wie sein Gastro-Unternehmen die Krise überlebt, und warum die Pandemie eine Erhöhung des Rentenalters aus seiner Sicht noch dringlicher macht.

Herr Silberschmidt, so haben Sie sich Ihr Leben als Nationalrat nicht vorgestellt: Statt im Bundeshaus hat das Parlament diese Woche in einem kargen Messegebäude getagt. Enttäuscht?

Andri Silberschmidt: Nein, es sind spannende Zeiten, die ich als neues Nationalratsmitglied miterleben und mitgestalten darf. Wenn ich jetzt an der Seitenlinie stehen und zuschauen müsste, wäre ich eher enttäuscht. Bis im Herbst kann das Parlament hoffentlich wieder im Bundeshaus tagen.

Ihre Generation muss sich derzeit stark zurücknehmen, um ältere Menschen zu schützen. Reisen, Konzerte, Auslandsemester, das alles geht nicht mehr.

Meine Generation ist mit unendlichen Freiheiten aufgewachsen. In einem Land wie der Schweiz noch mehr als anderswo. Wenn man all diese Möglichkeiten von einem Tag auf den anderen verliert, merkt man erst, wie viel wert die Freiheit hat. Auch ältere Menschen müssen sich stark einschränken. Manche Leute sind faktisch eingesperrt. Rein psychologisch ist das sicher viel schwieriger.

Wie lange kann das noch so weitergehen?

Als liberaler Politiker bin ich stolz, dass wir die Coronapandemie in der Schweiz primär mit Eigenverantwortung in den Griff bekommen haben. Wir mussten nicht wie in anderen Ländern einen halben Polizeistaat einführen. Doch wir müssen möglichst bald zur Normalität zurückkehren. In der Politik muss das massenhafte Verteilen von Notkrediten aufhören.

Der Bundesrat hat seit dem Ausbruch der Pandemie Liquiditätshilfen und andere Massnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe beschlossen. Das Parlament hat die Ausgaben in der ausserordentlichen Session weiter erhöht. Warum sind Sie kritisch?

Die beschlossenen Ausgaben übersteigen die Überschüsse der vergangenen zehn bis fünfzehn Jahre leider bei Weitem. Es ist zu befürchten, dass das Parlament in den nächsten Jahren keine nachhaltige Finanzpolitik betreiben wird. Dabei sieht besonders die finanzielle Situation der Sozialwerke düster aus. Die linken Parteien können sich der Diskussion um eine Reform der Altersvorsorge eigentlich nicht mehr verweigern.

Damit setzen Sie sich dem Vorwurf aus, im Fahrtwind der Pandemie die Erhöhung des Rentenalters durchsetzen zu wollen.

Die Diskussion muss geführt werden. Schon jetzt müssen wir alle Prognosen für die AHV und die Pensionskassen nach unten korrigieren. Die Lage ist ernst.

Die mögliche neue SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer hat eine andere Idee: Sie schlägt eine «zeitlich befristete Solidaritätsabgabe auf sehr hohe Vermögen ab einer Milliarde Franken» vor. Das klingt bestechend einfach.

Diese Forderung kommt immer wieder von links und ist vor allem ein Ausdruck von Ratlosigkeit. Wenn es etwas Mobiles gibt, dann sind es die grossen Vermögen. Personen mit Milliardenvermögen würden sich nach der Einführung einer solchen Steuer in einem anderen Land niederlassen. Was wir brauchen, ist neues Wirtschaftswachstum, das ist die effektivste Methode, um neue Steuereinnahmen zu generieren.

Sie sind Gastro-Unternehmer und bieten seit 2017 in mehreren Restaurants in der Schweiz sogenannte Poke Bowls an. Mitte März mussten Sie alle Ihre Filialen schliessen. Haben Sie Kurzarbeit eingeführt?

Wir haben für einzelne Mitarbeiter, die wir gar nicht mehr einsetzen konnten, Kurzarbeit angemeldet. Eine Grenzgängerin konnte zu Beginn nicht einmal mehr über die Grenze kommen.

Haben Sie einen Bürgschaftskredit beantragt?

Die Krise hat uns sicher auch auf dem falschen Fuss erwischt, doch wir benötigen keinen Kredit. Bis zur Pandemie standen wir betrieblich auf dem Gaspedal, nach Zürich und Basel haben wir Anfang März in Bern unsere erste Filiale eröffnet. Bald wäre Luzern dazugekommen. Wir hatten ausserdem ein sehr gutes Jahr 2019 und haben genügend Reserven gebildet. Wir haben uns bis jetzt keine Dividenden ausbezahlt. Zudem läuft das Liefergeschäft in Zürich gut.

Viele Ihrer Branchenkollegen im Gastrobereich stehen vor dem Konkurs. Was machen Sie anders?

Wir haben zwei Vorteile: Wir haben unser Angebot schon vor der Krise ausgeliefert und konnten dieses jetzt sehr rasch ausbauen. Das Liefergeschäft ist zwar weniger profitabel, weil ein Drittel an Dienste wie Uber Eats oder Eat.ch geht. Aber wir können unsere Mitarbeiter bezahlen. Umsatzmässig befinden wir uns bereits auf dem Niveau von letztem Jahr.

Und der zweite Vorteil?

… dass wir an all unseren Standorten eine Umsatzmiete bezahlen. Diese fällt nun weg. Für den Fixanteil sind uns die Vermieter entgegenkommen und haben uns die Miete entweder gestundet, reduziert oder sogar erlassen. Das wird uns helfen, die Krise zu überleben. Nächte Woche wollen wir unsere Filialen in Zürich wieder eröffnen, in drei Wochen in Basel und im Sommer in Bern. Die Expansion geht im September weiter. Wir wollen vielleicht auch in der Westschweiz Fuss fassen.

Finden Sie, dass Immobilienbesitzer geschlossenen Restaurants und Läden generell einen erheblichen Teil der Miete zwangsweise erlassen sollen?

Ich hole mir jetzt keine Sympathien von Kollegen aus der Gastrobranche. Ich finde, ein vom Staat erzwungener Mieterlass käme einer entschädigungslosen Enteignung der Vermieter gleich. Wenn der Staat beim Bau von Autobahnen Landbesitzer enteignet, muss er sie auch entschädigen. Wenn möglich sollen sich die Mietparteien wie in unserem Fall bilateral einigen.

Das Virus wird die gesellschaftliche Mobilität wahrscheinlich noch einige Zeit einschränken. Warum steigen Sie mit ihrer Restaurantkette nicht ganz auf das Liefergeschäft um?

Wir gehen davon aus, dass die Menschen auch in Zukunft das Essenserlebnis vor Ort geniessen wollen. In unseren Filialen erhält man innert einer Minute sein individuell zusammengestelltes Essen. Das ist halt immer noch etwas anderes, als wenn man es in einer Kartontasche nach Hause geliefert erhält.

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