Corona-Pandemie
Keine zuverlässigen Impfzahlen: Die Schweiz hinkt erneut hinterher

Zehn Tage nach dem offiziellen Impfstart veröffentlicht der Bund eine erste Zahl: 66000. Der Chef der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, Christoph Berger, fordert mehr detailliertere Daten.

Drucken
Teilen
Nora Kronig, die Impfchefin des BAG, kann derzeit nur Schätzungen präsentieren.

Nora Kronig, die Impfchefin des BAG, kann derzeit nur Schätzungen präsentieren.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Sie sind kleine Dosen der Hoffnung in diesen trüben Tagen: die Zahl der Corona-Impfungen, die bereits verabreicht wurden. Deutschland meldet gestern 842455. Auf der Website des italienischen Gesundheitsministeriums ist ein «Totale vaccinazioni» von 885814 angegeben.

Die Liste liesse sich noch verlängern, um viele Staaten in Europa und weltweit. Aber nicht um die Schweiz. Das Bundesamt für Gesundheit hatte zunächst mitgeteilt, ab Montag dieser Woche erste Impf-Zahlen liefern zu können. Am Montag hiess es aus dem Amt dann, man werde am Point de Presse vom Dienstag Details bekanntgeben. Auch daraus wurde nichts.

Gestern nannte das BAG auf erneute Nachfrage nun erstmals Zahlen. Am Morgen war von 37900 Impfungen bis Dienstag die Rede. Allerdings, das räumte das Amt selbst ein, sei diese Gesamtzahl «wenig aussagekräftig». Der Grund: Mehrere Kantone hätten ihre Impf-Zahlen noch nicht gemeldet – auch grössere.

Am Nachmittag korrigierte die BAG-Impfchefin Nora Kronig vor Journalisten diese Zahl auf 66000 – und versah sie mit dem Zusatz, dass es sich um erste Schätzungen handle, wobei sie ein französisches Wort kreierte, das sich am ehesten mit «embryoartig» übersetzen lässt. Das dürfte daher kommen, dass etwa Zürich, der grösste Kanton, noch keine Zahlen liefern kann. Das zeigt eine Anfrage bei der dortigen Gesundheitsdirektion.

Das Impf-Tool des Bundes kam zu spät in die Kantone

In anderen Ländern, etwa Deutschland oder Italien, sind detaillierte Zahlen nach Bundesland oder Provinz bereits heute Standard. Der Bund will erst am nächsten Dienstag erstmals Informationen zu den Kantonen vorlegen. Kronig begründete dies damit, dass erst dann alle Kantone während mindestens einer Woche geimpft hätten.

Dennoch ist es eine schlechte Nachricht, dass auch drei Wochen nach dem ersten Piks und zehn Tage nach dem offiziellen Impfstart noch niemand einen genauen Überblick hat, wie viele Menschen in der Schweiz bereits geimpft wurden. Im Frühling wunderte sich das Land über die schlechte Datenlage und den schlechten Datenfluss bei der Meldung der Coronatests. Man ärgerte sich und gelobte Besserung. Nun, ein paar Monate später, taucht das alte Problem in neuer Form wieder auf.

Wie konnte das passieren? Zunächst einmal sind laut Epidemiengesetz die Kantone dazu verpflichtet, das BAG über ihre Impf-Fortschritte zu informieren. Allerdings trägt auch der Bund eine Mitschuld am holprigen Impfstart. Er liess ein Impf-Tool entwickeln, das die Registrierung der geimpften Personen und auch den reibungslosen Datenfluss zwischen Bund und Kantonen sicherstellen sollte.

Er nahm sich dabei aber viel Zeit. Den definitiven Auftrag erteilte er erst Mitte Dezember, was dazu führte, dass das Tool erst spät für die Implementierung in den Kantonen bereit war. Und das verursachte dort Probleme. Gewisse Kantone entschieden sich, auf eigene Lösungen zu setzen. Andere sind immer noch dabei, das Tool einzuführen.

Laut Tobias Bär, dem Sprecher der Gesundheitsdirektorenkonferenz, haben vier Kantone eigene IT-Lösungen, darunter Bern und Basel-Stadt. Das erschwert den Datenfluss, weil Schnittstellen eingerichtet werden müssen. Laut Bär befindet sich das automatische Monitoring derzeit beim BAG im Aufbau.

Impfkommission-Präsident kritisiert den Bund

Christoph Berger, der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen EKIF, äussert ein gewisses Verständnis für das Vorgehen der Kantone. Er sagt, das BAG sei «zu spät» dran gewesen mit dem IT-Tool, das habe die Kantone in Zugzwang gebracht. Die Erklärung des Bundes für seine Verspätung – dass die Impfstrategie und -empfehlungen der EKIF hätten vorliegen müssen, bevor man den definitiven Auftrag im Dezember habe erteilen können – lässt er nicht gelten. «Man wusste schon seit September, wie die Strategie in den Grundzügen aussieht», sagt Berger.

Der EKIF-Präsident betont, es sei «extrem wichtig», die Datenlage zu verbessern und mehrmals wöchentlich statt wie geplant nur einmal neue Zahlen zu veröffentlichen. Einerseits, um zu wissen, wie viele Risikopersonen schon geschützt wurden und welchen Einfluss das auf die epidemiologische Lage hat. Andererseits, damit der Bund den Impffortschritt in den Kantonen kontrollieren kann. «Er muss schliesslich wissen, ob die Impfdosen auch tatsächlich verimpft werden – und das auch in die Verteilung der Impfstoffe einfliessen lassen», sagt Berger.

Die fehlenden Impfzahlen sorgen auch in der Politik für Ärger. Zum Beispiel bei Philippe Nantermod. Der Walliser Nationalrat sagt, es sei gut, dass endlich eine Zahl vorliege. Diese reiche aber nicht aus. Er verlangt, dass der Bund die Impfstrategie neu aufsetzt – und dabei die Zügel viel straffer in die Hand nimmt. Die Gesundheitskommission des Nationalrats entscheidet heute, ob sie eine entsprechende Kommissionsmotion verabschieden wird.