Solothurn

Knockout für Kabinen

Öffentliche Sprechstellen sind unrentabel, werden rar und zunehmend infrage gestellt. (Bild: Layout Sonntag)

Kabine

Öffentliche Sprechstellen sind unrentabel, werden rar und zunehmend infrage gestellt. (Bild: Layout Sonntag)

Heute gibt es nur noch halb so viele Telefonkabinen aber das Vierfache an Handys wie vor 10 Jahren. In der Region gibt es sogar Gemeinden ohne öffentliche Sprechstelle.

Von Patrick Furrer

Das Shoppyland in Urtenen-Schönbühl und die SBB-Bahnhöfe in Solothurn und Olten haben kürzlich Telefonkabinen verloren. Die Handys haben ihnen nämlich längst den Rang abgelaufen. Recherchen des «Sonntag» zeigen: Die Gesamtzahl der so genannten Publifone (öffentliche und privat verwaltete) ist seit 1998 um über 55 Prozent auf rund 23 500 Stück zurückgegangen. Über ein Drittel der öffentlichen Telefonkabinen ist verschwunden.

Im Kanton Bern kam es besonders dick: Seit dem Untergang der alten PTT ist nicht nur ein Drittel, sondern fast die Hälfte der Telefonkabinen aufgehoben worden. 1998 gab es 2065 Kabinen, heute noch 1115. Im Kanton Solothurn sank die Zahl von 396 auf 243.

«Die rasante Entwicklung im Mobilfunkbereich hat den Markt umgekrempelt», bestätigt Peter Bär, Sekretär der eidgenössischen Kommunikationskommission ComCom. «Wir gehen dahin, dass bald jeder ein Handy bei sich hat.» Was Statistiken belegen: Die Mobilfunkanschlüsse haben sich verfünffacht. Die Abdeckung hat sich vervierfacht und liegt aktuellen Zahlen zufolge bei 106,6 Prozent. Damit hat - zumindest theoretisch - jeder Einwohner und jede Einwohnerin bereits heute mindestens ein Handy.

Ein Teil aller Publifone gehört zur Grundversorgung, die der Bund sicherstellt. Konzessionärin ist die Swisscom, die vorerst bis 2017 dafür verantwortlich ist, dass jede politische Gemeinde über mindestens eine öffentliche Sprechstelle verfügt. Danach wird die Konzession neu vergeben. Es gibt aber Gemeinden, die auf öffentliche Telefone verzichten, schweizweit aktuell rund 260. In der Region sind beispielsweise Aetingen, beide Balm, Berken, Dürrenroth, Heinrichswil-Winistorf, Leimiswil und Reisiswil ohne Telefonkabine.

Der Bundesrat plant nun, das in der Fernmeldedienst-Verordnung erwähnte Recht der Gemeinde auf Verzicht auf Publifone in einer klareren Formulierung festzuhalten, was zu weiteren «publifonlosen» Gemeinden führen könnte.

Die meistbenützten Telefone in den Kantonen Solothurn und Bern stehen beim Perron 1 am Solothurner Hauptbahnhof und im Erdgeschoss des SBB-Bahnhofs Bern. Aufhebungen von bestehenden Kabinen müssen von der ComCom bewilligt werden. Im Jahr 2008 hat die ComCom in sieben Fällen das Gesuch um Abbau je eines Publifons genehmigt. Der Kanton Solothurn war nicht betroffen. In einer bernischen Gemeinde wurde ein Publifon abgebaut.

Eine Nutzungsstudie des zuständigen Bundesamtes für Kommunikation (Bakom) hält fest, dass 57 Prozent der Befragten nie eine öffentliche Telefonkabine benutzen. Häufige Nutzer sind etwa Menschen mit höherem Bildungsgrad. Gemäss Medienauskunft der Swisscom werden sie primär von drei relevanten Kundengruppen genutzt: Ausländern, Touristen und spontanen Nutzern.

Am stärksten abgenommen hat die Zahl der Publifone, die nicht zur Grundversorgung gehören. Die Erklärung ist einfach: Was nicht genutzt wird und unrentabel ist, wird aufgehoben. Die sinkenden Preise bei Mobilfunkanbietern sind mitschuld. «Es ist anzunehmen, dass der Preisunterschied heute für die Nutzer nicht mehr ausschlaggebend ist», so Bär.

Die Konzession mit der Swisscom dauert bis 2017 an. Ob dann der Bundesrat die öffentlichen Sprechstellen immer noch als Service public in der Grundversorgung behalten wird, ist gemäss Einschätzungen der ComCom und des Bakom fraglich. Klar ist, dass das Handy auch in der Region seinen Siegeszug weiter fortsetzen wird. Sollte der Akku einmal leer sein, wird es künftig wohl noch schwieriger werden, innert Kürze eine öffentliche Telefonkabine zu finden.

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