Kommentar
Das wirksame Mittel gegen Tempo 30 in der Zürcher Innenstadt: eine Ringstrasse

In Zürich tobt die Debatte um die flächendeckende Temporeduktion auf städtischen Strassen. Es gibt ein bekanntes Rezept, um das Problem zu entschärfen. Man müsste es nur anwenden.

Francesco Benini
Francesco Benini
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Schlechte Verkehrsplanung trägt zu Staus in Zürich bei.

Schlechte Verkehrsplanung trägt zu Staus in Zürich bei.

KEYSTONE

Die Stadtregierung hat beschlossen, auf den Strassen flächendeckend Tempo 30 einzuführen. Die Massnahme wird schon bald umgesetzt.

Die Rede ist von Paris, nicht von Zürich. Automobilverbände protestieren gegen den Kurs der sozialistischen Bürgermeisterin Anne Hidalgo, aber die Temporeduktion ist an der Seine kein Politikum wie in Zürich – wo nun kantonale Regierungsräte Widerstand gegen die Direktive der Stadträte ankündigen.

Viel ist in den vergangenen Tagen über Sinn und Unsinn der flächendeckenden Temporeduktion auf städtischen Strassen geschrieben worden. Ein grundlegender Punkt fiel dabei aus dem Blickfeld. Er fällt sofort auf, wenn man die Stadtkarte von Paris mit jener von Zürich vergleicht.

Wer auf die Autobahn will, muss mitten durch die Stadt

In der französischen Hauptstadt gibt es Ringstrassen, die um das Stadtzentrum führen. Auf der einen liegt das Tempolimit bei 70 Kilometern pro Stunde, auf der anderen bei 50 – wie im Übrigen weiterhin auch auf den Champs-Élysées. Der Autoverkehr muss sich nicht mit Tempo 30 vom einen Ende der City ans andere quälen.

Wie sieht es in Zürich aus? Desaströs. An der Limmat gibt es ein Flickwerk an Strassen. Ein durchdachter Plan ist nicht zu erkennen.

Eine Nordumfahrung ist gebaut und auch eine Westumfahrung. Im Osten oder Süden gibt es hingegen nichts. Das führt dazu, dass zum Beispiel Autolenker von der rechten Seite des Zürichsees mitten durch die Stadt fahren, wenn sie auf eine Autobahn gelangen wollen.

Das ist ein Unsinn, welcher der Stadt Lärm bringt und die Autofahrer Zeit kostet. Die Politiker in Zürich und auch in Bundesbern haben bisher dabei versagt, eine Verkehrsinfrastruktur zu realisieren, wie sie für die grösste Schweizer Stadt angemessen wäre.

Ein gutes Projekt, das immer wieder zerredet wurde

Über den Bau eines Seetunnels im Süden Zürichs ist in Stadt- und Regierungsrat schon dutzendfach beraten worden. Der Tunnel ist die Voraussetzung dafür, dass der Strassenring um Zürich geschlossen werden kann. Einmal schien aber die technische Realisierbarkeit fraglich, dann fürchtete man sich vor hohen Kosten. Es fand sich immer ein Grund, warum das Projekt zurückgestellt werden musste. Der Seetunnel wurde zur Schimäre der Zürcher Politik.

Zürich gab dem sogenannten Y den Vorzug. Die Geschichte dieses Autobahnprojektes ist lange. Es genügt, zwei Dinge über das Zürcher Y zu wissen: Es wurde nie vollständig realisiert. Und es sah Hochstrassen von beeindruckender Hässlichkeit vor. Nicht zuletzt wegen dieses Projekts rückten Pläne für eine Südumfahrung in den Hintergrund. Ein Fehlentscheid.

Die Stadt Zürich könnte noch viel schöner sein

Zürich leidet, weil eine taugliche Umfahrung fehlt. Die Autos stauen sich an der Quaibrücke. Warum muss der Verkehr gerade dort hingeführt werden, wo die Stadt am schönsten ist? Mit einem Seetunnel wäre das anders. Und der Sechseläutenplatz könnte bis an den Zürichsee erweitert werden. Es ist unter Stadtplanern eine Binsenwahrheit, dass Zürich zu wenig macht aus der bevorzugten Lage am See. Eine Südverbindung von der A3 zur A1 hin wäre für die Innenstadt eine grosse Chance.

Was spricht dagegen, die bereits ausgearbeiteten Pläne aus der Schublade zu holen? Weil die Bautechnologie Fortschritte gemacht hat in den vergangenen 50 Jahren, zählt das Argument der schwierigen Realisierbarkeit nicht mehr. Gäbe es eine Ringstrasse um die Stadt, wäre es nicht so schlimm, wenn die rotgrünen Politiker Erfolg hätten mit ihrer Tempo-30-Ausweitung. Man könnte um Zürich herumfahren, statt hinter öffentlichen Bussen zu bummeln, für welche die tiefere Geschwindigkeit ebenfalls gelten wird. Wenn Politiker die Stadt Zürich abschliessen wollen, sollte man wenigstens für einen Ausweg sorgen.

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