Kommentar
Gleichstellung geht auch euch etwas an, Männer

50 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts hat die Emanzipation in der Schweiz bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Für den letzten Durchbruch braucht es jetzt aber mehr Interesse von Seiten der Männer.

Stefan Schmid
Stefan Schmid
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Ein Vater hält seine fünf Monate alte Tochter auf dem Arm.

Ein Vater hält seine fünf Monate alte Tochter auf dem Arm.

Bild: Gaetan Bally/key

Ja, es ist peinlich: Erst vor 50 Jahren gewährten die Schweizer Männer ihren Frauen das politische Mitbestimmungsrecht auf nationaler Ebene.

Noch länger dauerte es, bis Mann und Frau in der Ehe gleichgestellt wurden – 1988 war das erst der Fall, und konservative Ikonen wie Christoph Blocher wehrten sich damals vehement dagegen, den Mann als Oberhaupt der Familie abzusetzen. Richtig ist es daher, der späten Errungenschaft angemessen zu gedenken. Historische Wegmarken gehören gewürdigt.

Grund, bloss Trübsal zu blasen, gibt es freilich nicht. 50 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts gibt es Anlass zu einer gewissen Genugtuung.

Die Schweiz macht bemerkenswerte Fortschritte auf dem Weg zur Gleichstellung von Mann und Frau.

Zuerst gewiss schleppend, in den vergangenen Jahren jedoch, auch dank dem Einfluss internationaler Debatten wie Metoo, fast schon spektakulär.

Noch nie war der Anteil der Frauen in der Politik so hoch wie heute. 42 Prozent sind es im Nationalrat. Immerhin drei Frauen regieren im Bundesrat mit. In der Wirtschaft steigt dank Vorgaben aus der Politik der Druck an, mehr Frauen in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte zu berufen. Da wird in den kommenden Jahren einiges passieren.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat sich vor allem in den Städten verbessert. Wer will, bekommt einen Kita-Platz. Die Schulen bieten Tagesstrukturen an. Arbeitgeber sind Teilzeitmodellen auch für Führungskräfte offener eingestellt denn je. Frauen aus diversen Parteien fordern zu Recht die Einführung der Individualbesteuerung – ein Mittel, die finanzielle Autonomie von Mann und Frau zu fördern. Im Familienrecht ist seit 2014 das gemeinsame Sorgerecht Standard. Die Gerichte ordnen nach Scheidungen seit 2017 vermehrt die alternierende Obhut in der Kinderbetreuung an. Fremd- und Eigenbetreuung werden als gleichwertig anerkannt. Das sind Meilensteine.

Die Schweiz, ja ganz Europa, befindet sich gesellschaftlich in einem substanziellen Wandel. Beispiel dafür ist etwa ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte. Dieser taxierte die in der Schweiz praktizierte finanzielle Diskriminierung von verwitweten Männern gegenüber verwitweten Frauen als rechtswidrig. Ein klares Signal für mehr Gleichheit.

Hinzu kommt: Die Generation der Babyboomer, die oft in traditionellen Familienmodellen aufgewachsen ist, tritt kürzer. An die Schalthebel kommen Männer und Frauen mittleren Alters, für die gleiche Chancen selbstverständlich sind. An den Universitäten sind die Frauen in der Mehrheit. Nur logisch, wenn viele von ihnen bald Führungsverantwortung übernehmen.

Noch ist die Geschichte der Emanzipation aber nicht zu Ende geschrieben.

Das Ziel muss sein, dass jeder Mensch in diesem Land von der Wiege bis zur Bahre – unabhängig von Geschlecht und Zivilstand – gleich behandelt wird.

Noch gibt es zu viele Anreize für Abhängigkeiten, welche die Ablösung althergebrachter Rollen erschweren. Etwa im Eherecht, das faktisch ein Versorgermodell auf Jahre hinaus zementiert. Damit ist weder den Frauen noch den Männern gedient.

Es ist Zeit, dass sich auch letztere für solche Fragen zu interessieren beginnen und Familien- und Gleichstellungsthemen nicht mehr alleine den Frauen überlassen. Die Schweiz braucht Männer und Frauen, die für gleiche Rechte einstehen. Geschlechterprivilegien gehören auf den Prüfstand: Elternzeit, damit sich nicht die Mutter alleine um das Neugeborene kümmern muss. Gleiches Rentenalter für Mann und Frau: Ja was denn sonst? Gleiche Löhne für gleiche Arbeit, natürlich. Eine angemessene Vertretung der Geschlechter in Leitungsgremien von Politik und Wirtschaft: Das ist das Ziel. Militär- oder ein Bürgerdienst auch für Frauen: Da spricht nichts dagegen. Noch bleibt einiges zu tun. Nie waren die Voraussetzungen besser als heute.

Stefan Schmid

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Hanspeter Schiess

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