Leitartikel
Ein Tierversuchsverbot wäre ein veritables Eigengoal – oder: Warum die radikale Initiative abgelehnt werden sollte

Die Debatte zum Tier- und Menschenversuchsverbot kommt nicht voran. Das Volksbegehren ist sehr radikal, zu radikal sogar. Und deshalb ist es zentral, dass die Initiative abgelehnt wird. Ein Kommentar.

Maja Briner
Maja Briner
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Werden Tierversucht bald verboten?

Werden Tierversucht bald verboten?

Walter Schwager

Es wäre eigentlich ein Thema, das aufwühlt, dazu eine Forderung, die uns alle potenziell betreffen kann. Dennoch dümpelt die Debatte um die Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» vor sich hin. Das liegt vor allem am Volksbegehren selbst: Es ist schlicht zu radikal.

Es ist zwar längst zur politischen Marotte geworden, unliebsame Initiativen als «radikal» oder «extrem» zu betiteln. In diesem Fall aber sind die Begriffe angebracht. Denn die Initiative enthält drei Forderungen, die allesamt sehr weit gehen: Sie will erstens alle Tierversuche verbieten. Sie unterscheidet dabei nicht zwischen einem Versuch, bei dem zum Beispiel ein neues Futtermittel für Kühe getestet wird, und einem für die Tiere äusserst schmerzhaften Experiment, bei dem Mäusen ein bösartiger Tumor eingepflanzt wird. Zweitens sollen auch alle «Menschenversuche» untersagt werden – wobei unklar ist, was das genau bedeutet. Die Initianten lehnen indes explizit klinische Studien ab, bei denen beispielsweise neue Impfstoffe an freiwilligen Probanden getestet werden, um Wirksamkeit und Verträglichkeit zu untersuchen. Drittens fordert die Initiative ein Handelsverbot: Der Import von neuen Medikamenten und anderen Produkten, bei deren Entwicklung Tierversuche durchgeführt wurden, soll verboten werden. Auch das wäre ein radikaler Schritt.

In der Logik der Initianten ist das durchaus konsequent. Ihrer Ansicht nach werden Versuchstiere gequält – und zwar völlig unnötig. Sie behaupten, Forschungsresultate an Tieren liessen sich nicht auf Menschen übertragen, daher seien Tierversuche nutzlos und gaukelten eine falsche Sicherheit vor. Laut den Initianten würden medizinische Behandlungen besser und sicherer, wenn Tierversuche verboten würden und stattdessen andere Methoden zum Einsatz kämen. Nur: Mit dieser Behauptung stehen die Initianten alleine da. Ein Verbot von Tierversuchen würde den medizinischen Fortschritt nicht ankurbeln, sondern stark ausbremsen, so der wissenschaftliche Konsens. Zwar stimmt es, dass sich Resultate aus Tierversuchen nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen lassen. Doch sie liefern wichtige Erkenntnisse, die in der Vergangenheit medizinischen Fortschritt gebracht haben – und weiteren Fortschritt bringen können. Zwei bekannte Beispiele: Penicillin wurde zwar zufällig in einer Petrischale entdeckt, die Wirkung aber später an Mäusen getestet. Auch Corona-Impfstoffe wurden an Tieren erforscht.

Inzwischen gibt es zwar zum Teil Alternativen zu Tierversuchen, zum Beispiel Computersimulationen oder Versuche an Zellkulturen. Doch anders als die Initianten sagen, ist die Forschung in gewissen Bereichen nach wie vor auf Tierversuche angewiesen. Sie werden durchgeführt, um Medikamente und Therapien zu entwickeln – zum Nutzen von Mensch und Tier.

Die Frage, die sich stellt, ist daher eine ethische: Dürfen wir Menschen den Tieren willentlich Leid zufügen, um daraus Erkenntnisse zu gewinnen? Oder, andersherum gefragt: Sollen wir auf Tierversuche verzichten – und damit auch auf Erkenntnisse, die zum Beispiel Krebspatienten helfen könnten?

Das Gesetz schreibt heute eine Güterabwägung vor. Der potenzielle Nutzen eines Versuchs für die Gesellschaft muss die Belastung der Tiere rechtfertigen. Zudem dürfen Versuche nur durchgeführt werden, wenn es keine Alternativen dazu gibt. Das ist der richtige Ansatz. Gleichzeitig sollte die Schweiz bei der Suche nach Alternativen noch einen Gang hochschalten. Ein generelles Verbot geht hingegen viel zu weit. Ein Ja zur Initiative hätte nicht nur Folgen für die hiesige Forschung und Industrie, sondern potenziell für uns alle: Bei Annahme der Initiative müssten wir künftig auf gewisse neue Medikamente verzichten, weil sie wegen des Importverbots nicht eingeführt werden dürften. Man stelle sich vor: Im Ausland wird ein neues, hochwirksames und verträgliches Medikament entwickelt, Patientinnen und Patienten hierzulande erhalten es aber nicht.

Die Initiative ist deshalb abzulehnen. Das finden nicht nur alle Parteien, sondern auch der Schweizer Tierschutz. Im Parlament stimmte kein einziger Politiker, keine einzige Politikerin dafür – auch das ein Hinweis auf die Radikalität der Initiative. Dass sie zustande kam, hat aber etwas Gutes: Tierversuche sind eine Realität, vor der viele von uns nur allzu gerne die Augen verschliessen. Die Initiative zerrt sie ins Scheinwerferlicht und erhöht so den Druck, die Suche nach Alternativen voranzutreiben.

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