Leitartikel
Das Filmgesetz «Lex Netflix» ist kein Garant für bessere Schweizer Filme – auch wenn mit «Tschugger» geworben wird

Wäre es nicht schön, wenn der Walliser Polizei-Trottel Bax aus der Schweizer Mini-Serie «Tschugger» auch in Uruguay zu sehen wäre, fragen die Befürworter des Filmgesetzes. Natürlich! Doch dafür braucht es die Lex Netflix nicht.

Doris Kleck
Doris Kleck
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Halbwüchsige, hirnverbrannte HSG-Buben - die Befürworter des Filmgesetzes gehen nicht gerade pfleglich mit ihren Gegnern um. Man könnte sich ja darüber freuen, dass die Jungparteien von SVP, FDP und GLP die Entscheide des Parlamentes hinterfragen, dass sie ein Referendum zu Stande bringen und eine Grundsatzdiskussion über die Filmförderung erzwingen - wo doch so gerne die apolitische Jugend beklagt und mit Stimmrechtsalter 16 dagegen angekämpft werden soll.

Die SRF-Serie Neumatt wird bald auf Netflix zu sehen sein.

Die SRF-Serie Neumatt wird bald auf Netflix zu sehen sein.

Keystone / Teaserbild: SRF-Dominic Steinmann

Die Umfragen jedenfalls sagen einen engen Ausgang bei der Abstimmung über das Filmgesetz, besser bekannt als «Lex Netflix», voraus. Die Jungparteien haben einen Nerv getroffen, was arrivierten Politikern und Kulturschaffenden wenig behagt.

Gewiss, geldmässig geht es um einen bescheidenen Betrag. 18 Millionen Franken zusätzlich erhoffen sich die Filmschaffenden aus der Gesetzesänderung; 18 Millionen, die jemand bezahlen muss. Eine zu vernachlässigende Petitesse für viele, die den Gang an die Urne dafür als mühselig empfinden.

Zwar steht in Franken und Rappen also eher wenig auf dem Spiel. Dennoch ist das Filmgesetz eine gute Gelegenheit, sich ein paar grundsätzliche Gedanken zu machen.

Mit der Gesetzesänderung sollen «gleich lange Spiesse» geschaffen werden. Eines dieser Totschlagargumente, das in politischen Debatten allzu oft gebraucht wird. Schon heute müssen Schweizer Fernsehsender eine Abgabe von vier Prozent für den hiesigen Film leisten.

Neu sollen auch Streaminganbieter wie Netflix, Amazone, Disney+ oder Apple TV vier Prozent ihrer Bruttoeinnahmen in das unabhängige Schweizer Filmschaffen investieren müssen. Entweder indem sie Film- oder Serienrechte aufkaufen, selbst hier produzieren oder dem Bundesamt für Kultur den Obolus direkt überweisen. Die gleiche Regel soll neu auch für ausländische Fernsehstationen mit Schweizer Werbefenster gelten, etwa Pro 7.

Ist «Bauer, ledig, sucht» weniger wert?

Gleiche Pflichten für alle also. Das Ganze hat allerdings einen Haken: Das Parlament hat nicht nur den Anwenderbereich der 4-Prozent-Regel ausgeweitet, sondern auch die Regeln verschärft. Bislang konnten sich private Fernsehstationen Eigenproduktionen als Investition anrechnen lassen, das geht so nicht mehr.

Das betrifft vor allem den Sender 3+, der wie diese Zeitung zum Unternehmen CH Media gehört. Man muss kein Freund von «Bauer, ledig, sucht sein» um sich daran zu stossen: Weshalb muss der Staat einem privaten Fernsehsender vorschreiben, dass er seine Mittel besser in einen Schweizer Film steckt als in eine publikumsstarke Unterhaltungssendung?

Die Befürworter der «Lex Netflix» gehen gar soweit, von einer KMU-Vorlage zu reden, weil Schweizer Filme und Serien beim lokalen Gewerbe konsumieren und einkaufen würden. Die Frage sei erlaubt, ob denn die Arbeitsplätze aufgrund von Eigenproduktionen von TV-Sendern weniger wert sind.

Parlament und Bundesrat meinten es ja eigentlich gut, sie wollen verhindern, dass die Schweiz «ein Selbstbedienungsladen für globale Grosskonzerne» ist (Bundesrat Alain Berset); Kollateralschaden wird dafür offensichtlich in Kauf genommen. Die entscheidendere Frage ist aber: Macht mehr Geld den Schweizer Film tatsächlich besser?

Etwa 105 bis 120 Millionen Franken fliessen heute in die Filmförderung. Es gibt diverse Töpfe, eine wichtige Rolle spielt dabei auch die SRG. Diese Förderung ist unbestritten. Schweizer Filme und Serien sind identitätsstiftend.

Es ist tatsächlich toll, wenn wir uns beim Abendessen mit Freunden über den «Tschugger»-Polizisten Bax amüsieren und uns über das Wallis mokieren können. Und ja, es kann auch ernsthafter sein: Filmschaffende sollen der Gesellschaft den Spiegel hinhalten.

Nur, garantiert mehr Geld weder Erfolg noch Qualität - das zeigten die vielen missglückten Schweizer Tatorte eindrücklich. Wer lieber Zahlen hat, kann sich auf das Bundesamt für Statistik beziehen. 2019 (vor Corona) zeigten die hiesigen Kinos rund 300 Schweizer Filme - die Mehrheit verzeichnete weniger als 1000 Eintritte.

Es geht auch ohne zusätzliche Gelder

Genau so wenig ist ein neues Gesetz ein Garant für Kreativität. Interessanterweise wird von den Gegnern wie den Befürwortern der Vorlage die Serie «Tschugger» ins Feld geführt.

Die Walliser Polizeikomödie ist eine Low-Budget-Produktion und belegt, dass viel Geld nicht alles ist. Gleichzeitig wurde sie von SRF und dem Streaminganbieter Sky coproduziert. Die Serie wird bald in Deutschland und Österreich zu sehen sein, geplant ist auch eine englische Version, die weltweit läuft. Will heissen, es gibt schon heute und ohne die «Lex Netflix» Schweizer Produktionen, die für internationale Streaminganbieter interessant sind. Ganz einfach, weil sie gut gemacht sind.

Auch die SRF-Serie «Neumatt» wird auf Netflix und damit in 190 Ländern zu sehen sein. Der Thriller «Early Birds» wird die erste Schweizer Netflix-Koproduktion sein - zusammen mit Hugofilms und CH Media.

Es gibt sie also, diese Erfolgsgeschichten. Schweizer Filmschaffende dürfen und sollen selbstbewusst auftreten. Auch ohne Investitionsabgabe und Quote für europäische Filme von 30 Prozent. Letztere halten die Streaminganbieter heute schon ein.

Bundesrat Berset sagte gegenüber «20 Minuten», es würde keinen Unterschied machen, wenn sie im Gesetz vergessen gegangen wäre. Und so fragen wir uns: Weshalb etwas ins Gesetz schreiben, wenn es unnötig ist? Geschweige denn: Weshalb nicht grad eine Quote für den Schweizer Film, wenn er doch mehr Förderung braucht?

Vielleicht, weil auch das Parlament weiss, dass man die Leute nicht zum Heimatschutz zwingen kann. Bei den Streamingplattformen kommt jeder zehnte Film von hier. Die Nachfrage ist so gering, dass sie in keiner Statistik auftaucht.

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