«Ein Sozialist macht den Unterschied»: Mit diesem Motto wirbt Manuel Bertoli (57), SP-Regierungsrat im Kanton Tessin, für seine Wiederwahl am 7. April. An diesem Tag geht es für die Tessiner Sozialdemokraten um viel. Denn es scheint nicht ausgeschlossen, dass der einzige Sitz der Linken im fünfköpfigen Staatsrat verloren geht – eine Horrorvision für die Tessiner Genossen, die seit 1922 ununterbrochen in der Kantonsregierung sitzen. Befürchtet wird ein schwarzer Sonntag wie bei der SP des Kantons Luzern im Jahr 2015. Dort flogen dieSozialdemokraten nach 56 Jahren aus der Kantonsregierung. Seither hat Luzern eine rein bürgerliche Regierung.

Die Schwäche der SP im Kanton Tessin ist allerdings nicht eine Stärke der Bürgerlichen, sondern der Gegeneffekt einer starken Rechten. Seit Jahren gibt die rechtspopulistische Lega dei Ticinesi den Ton an, die – erst 1991 gegründet – mit ihrer Anti-EU-Haltung schon früh den Nerv der Zeit getroffen hat. «Zuerst die Tessiner», lautet ihr Motto, das sich auch die kantonale SVP als Schwesterpartei zu eigen gemacht hat. Grenzgänger, Scheinasylanten, kriminelle Ausländer und nationale Souveränität sind die Lieblingsthemen der beiden Parteien.

Im Jahr 2011 gelang der Lega ihr bisher grösser Coup: Sie eroberte zwei Mandate in der Kantonsregierung und somit die relative Mehrheit. Die FDP verlor ihren zweiten Regierungsratssitz; ein Trauma, das die Tessiner Freisinnigen bis heute nicht überwunden haben. Die FDP hat nur noch einen Sitz in der nach dem Proporzprinzip gewähl- ten Kantonsregierung, genauso wie die wesentlich schwächeren CVP und SP.

Die FDP sinnt seither auf Rache. Doch auch dieses Jahr dürfte ihr Plan kaum aufgehen, wie eine soeben publizierte Meinungsumfrage des «Corriere del Ticino» aufzeigt. Die FDP könnte zwar wieder einen zweiten Sitz erobern, aber nicht zulasten der Lega, sondern zulasten der SP. Gemäss Umfrage wird die Lega ihre beiden Sitze in der Regierung verteidigen, mit Norman Gobbi (41), der als Justizdirektor und Bundesratskandidat von 2015 über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt ist. Ausserdem mit Claudio Zali (57), einem scheuen und introvertierten Regierungsrat, der in seiner Zeit als Bau- und Umweltminister viel bewegt hat, auch wenn die Umweltpolitik eigentlich nicht die Domäne der Lega ist.

Hausgemachte Probleme der SP

Bewähren dürfte sich für die Lega eindeutig die Listenverbindung mit der SVP, die zu fast einem Drittel der Wähleranteile führt. Eigentlich wollten die beiden getrennt marschieren, doch dann reiste eigens SVP-Wahlkampfkoordinator Oskar Freysinger ins Tessin, um die Rechtsparteien zu einer gemeinsamen Liste zu bewegen. «Das ist auch sinnvoll, um uns vor den Angriffen unserer Gegner zu wehren», verteidigte Marco Borradori, Lega-Stadtpräsident von Lugano, bei einer Wahlkampfveranstaltung den Schulterschluss. Der Vorsprung sei äusserst knapp.

Die Schwäche der Linken ist aber nicht nur eine Folge des rechten Windes, der im Kanton Tessin heftig bläst. Viele Probleme sind hausgemacht. So hat etwa SP-Regierungsrat Bertoli hartnäckig am Projekt seiner Schulreform «La scuola che verrà» festgehalten, die schliesslich in einer von der Rechten erzwungenen Referendumsabstimmung bachab geschickt wurde. Sogar viele Lehrer, in der Regel der SP nahestehend, kritisierten die Departementsreform. Keine gute Figur machte Bertoli auch jüngst im Umgang mit einer Privatschule, der die Lehrbewilligung von einem Tag auf den anderen teilweise entzogen wurde, obwohl Unregelmässigkeiten beim Ablegen der Matur schon seit einem halben Jahr bekannt waren. Ein Prozess, in dem ein bekannter Kantonsbeamter und SP-Exponent wegen sexueller Nötigung verurteilt wurde, färbte zuletzt ebenfalls negativ auf die Partei ab. Und schliesslich ist das Links-Grüne-Lager traditionell zerstritten. Zur Regierungsratswahlen treten neben der SP auch die Bewegung für Sozialismus (MpS), die Kommunistische Partei (KP) sowie die Grünen und Grünliberalen mit je eigenen Listen an.

Lega ist nicht mehr Protestpartei

Bei den Sachthemen ist der Wahlkampf ausgesprochen lau, was daran liegen dürfte, dass die Lega längst nicht mehr so angriffig ist wie in früheren Jahren. Von der Protestbewegung ist sie zur Partei der relativen Mehrheit geworden, welche nun ihre eigene Machtposition verteidigt. In echten oder vermeintlichen Skandalen, wie es in der ablaufenden Legislaturperiode einige gab, haut sie nicht mehr so laut auf den Putz wie auch schon.

Der Politikwissenschaftler Oscar Mazzoleni ist überzeugt, dass diese zunehmend institutionelle Linie der Lega bei einem Teil der Wählerschaft Spuren hinterlassen wird: «Ich gehe davon aus, dass die Wahlbeteiligung zurückgeht.» Zudem weist er darauf hin, dass 14 Prozent der Befragten noch unentschlossen sind. Das Rennen ist folglich noch längst nicht entschieden.