Gesundheitskosten

Löhne der Chefärzte geraten unter Druck: Kantone machen Schluss mit lukrativen Zusatzhonoraren

"Götter in Weiss" werden sie genannt und göttlich ist auch oft die Bezahlung - das soll sich jetzt ändern.

"Götter in Weiss" werden sie genannt und göttlich ist auch oft die Bezahlung - das soll sich jetzt ändern.

Weil die Gesundheitskosten steigen, sind die Löhne der Chef- und Kaderärzte unter massiven Druck geraten. Jetzt gibt es Lohndeckelungen.

Sie hatten sich den Ruf als «Halbgötter in weiss» erarbeitet. Und so gönnte man Chefärzten auch lange Zeit hohe Löhne. Sie durften an den öffentlichen Spitälern Privatpatienten behandeln und die Honorare teilweise behalten, auch damit sie nicht zu besser bezahlenden Privatspitälern wechselten. Teils machen die Honorare gar 75 Prozent des Lohnes aus.

Doch unter dem Druck steigender Gesundheitskosten – und nach einer Handvoll Honorarexzesse – nehmen derzeit immer mehr Kantone die Saläre von Kaderärzten an öffentlichen Spitälern kritisch unter die Lupe – oder deckeln sie. Jetzt will man in Zürich vorwärts machen, wie Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) gestern angekündigt hat. Sie und ihre Regierungskollegen wollen künftig eine Lohnobergrenze von einer Million Franken für Spitzenärzte – heute liegen im Kanton Zürich acht Ärzte darüber. Zudem darf die Höhe der Löhne nicht mehr von der Zahl der durchgeführten Operationen abhängig sein. So soll verhindert werden, dass ein Arzt unnötig operiert, um mehr zu verdienen. Drittens müssen Zusatzhonorare für die Behandlung von Privatpatienten künftig vollumfänglich in die Rechnung des Spitales fliessen. Auch hier sollen, ebenso bei Belegärzten, Fehlanreize für unnötige Operationen abgeschafft werden.

Mehrere Kantone sind derzeit an Änderungen

Zürich ist nicht alleine: Das Lohnsystem ist schweizweit unter Druck geraten. Auch in den beiden Basel will man ab 2021 keine mengenabhängigen Boni mehr bei Listenspitälern. Ebenso sollen dort Spitalärzte ab Juli 2021 Zusatzhonorare nicht mehr behalten dürfen. Im Kanton Bern will man mit Transparenz Druck machen: Chefarztlöhne müssen künftig anonymisiert dem Kanton gemeldet werden. Und im Solothurnischen ändern die staatseigenen Spitäler ihr Lohnsystem ebenfalls – weg von mengenabhängigen Boni. In Lausanne, in St. Gallen oder an mehreren Zürcher Spitälern sind gar die Löhne gegen oben gedeckelt, bei 500000 bis 700000 Franken.

Bei der Schweizer Ärztegesellschaft FMH begrüsst man, dass mengenabhängige Bonuszahlungen zunehmend verschwinden. Bereits seit 2013 fordert dies die Standesorganisation der rund 38000 Ärzte in der Schweiz – deren kleinster Teil zu den Chefärzten gehört. «Ziel ist es nicht, möglichst viele Behandlungen durchzuführen, sondern die notwendigen Behandlungen in der erforderlichen Qualität zu erbringen», heisst es. Zahlen der FMH zeigen: 16 Prozent der Chefärzte erhalten Bonuszahlungen. Auch in Bundesbern wird die Schraube angezogen. Das Parlament will, dass alle Spitäler, die öffentliche Gelder erhalten, künftig einen Überblick über das Lohnsystem und die Saläre abliefern müssen, inklusive Leistungen für Zusatzversicherte und Privatpatienten. So hat es zuletzt der Ständerat auf eine Motion von alt Nationalrätin Bea Heim (SP/SO) hin im März beschlossen.

Kaderärzte warnen vor fehlendem Spitzenpersonal

Auch Bundesrat Alain Berset will die Vergütung ändern und mengenabhängige Boni verbieten. Dies alles sorgt für Widerstand beim Verein der Leitenden Spitalärzte der Schweiz. Sie haben Berset einen geharnischten Brief geschrieben. Einerseits werfen sie dem Bundesamt grundsätzlich vor, nicht gesprächsbereit zu sein. Zudem warnen sie: «Solche Vorgaben behindern die internationale Konkurrenzfähigkeit der Schweiz bei der Rekrutierung von Spitzenmedizinern.» Der Verein ist für variable Lohnbestandteile bis zu 10 Prozent.

Der Kampf wird wohl aber schon mit Blick auf die nächste Runde geführt: Der Kaderarzt-Verein befürchtet, dass Berset auch auf nationaler Ebene den Ärzten Honorare im Zusatzversicherungsbereich wegnehmen könnte, wie es in Zürich oder Basel geplant ist. «Die Wirtschaftsfreiheit und der Wettbewerb würden eingeschränkt», warnt der Verband. Er zweifelt, ob eine solche nationale Regelung, festgeschrieben in der Krankenkassenverordnung, verfassungskonform wäre.

Die Löhne sind in den letzten Jahren schon gesunken

Rolf Gilgen ist der oberste Spitaldirektor der Schweiz – und CEO des Spitals Bülach, wo es schon seit Jahren nur noch Fixlöhne gibt. Das Lohnsystem habe nie zu Problemen geführt, sagt Gilgen.

Dank eines transparenten und nachvollziehbaren Lohnsystems habe es sogar weniger Diskussionen gegeben. Es gebe im Schweizer System unbestrittenermassen gewisse Fehlanreize und Exzesse – oder habe diese gegeben, sagt Gilgen. Er warnt aber davor, die Ärztelöhne zu skandalisieren. Einerseits hat er in den vergangenen Jahren festgestellt, dass die Saläre der Kaderärzte generell gesunken sind.

Andererseits sei ein guter Verdienst auch gerechtfertigt. Es brauche schlicht eine gewisse Lohnhöhe, da öffentliche Spitäler mit den privaten konkurrenzieren können müssen. Dies komme letztlich allen zugute, stehe die qualitativ hochstehende öffentliche Gesundheitsversorgung in der Schweiz doch für alle offen. Zudem werde Ärzten quasi rund um die Uhr eine überdurchschnittliche Leistung und eine sehr hohe Verantwortung abverlangt.

Meistgesehen

Artboard 1