Schweiz

Lucien Favre inszeniert ein unnötiges Torhütertheater

Bleibt er nun im Tor? Roman Bürki von Borussia Dortmund im Spiel gegen Schalke (3:0).

Bleibt er nun im Tor? Roman Bürki von Borussia Dortmund im Spiel gegen Schalke (3:0).

Jahrelang ist Roman Bürki bei Borussia Dortmund die unumstrittene  Nummer 1 zwischen den Pfosten, nun aber sorgt der Trainer mit der Forcierung von Marwin Hitz für Irritationen.

Bisweilen ist Lucien Favre tatsächlich ein komischer Kauz. Wer dem Trainer von Borussia Dortmund am Samstag nach dem 3:0-Sieg gegen den FC Schalke zuhört, kommt jedenfalls zu diesem Schluss.

Reporterin: Herr Favre, ist Roman Bürki jetzt wieder die unangefochtene Nummer 1?

Favre: Wir haben zwei hervorragende Torhüter. Aber wir müssen darüber reden. So kann ich das nicht sagen.

Sie spielen mit dem Gedanken, den Torwart hin und wieder zu wechseln?

Nein, überhaupt nicht. Ihre Frage gefällt mir aber nicht.

Warum denn nicht?

Es ist eine Entscheidung. Wir schauen, wie sie trainieren.

Das ist ungewöhnlich. Es braucht doch Konstanz auf dieser Position.

Ja natürlich. Aber Marwin Hitz hat gespielt, und er war gut.

Alles klar? Eher nicht. Denn Hitz hat gegen Schalke ja gar nicht gespielt. Fest steht aber: Mit seinem munteren Wechselspiel im Borussia-Tor verwirrt Favre alle: intern Leute wie Sportdirektor Michael Zorc, extern die Fans und die Medien. Der «Kicker» nennt das Ganze eine völlig unnötige Baustelle, die der Trainer im Alleingang aufgemacht habe. Aus dem Nichts.

Die Chronologie eines vom Trainer inszenierten Theaters: Als die Saison für den BVB mit dem Cupspiel in Duisburg (5:0) beginnt, plagt sich Bürki mit einer Hüftverletzung herum und logischerweise steht der bisherige Ersatzmann Hitz im Tor. Pünktlich zum Bundesligastart fünf Tage später ist Bürki wieder fit und hält beim 3:0 gegen Mönchengladbach das Tor rein. Bei der 0:2-Niederlage in Augsburg jedoch trägt er die Mitschuld am 0:1, als er bei einer Freistossflanke in den Fünfmeterraum nicht präsent ist. Im Supercup-Final gegen Bayern (2:3) vier Tage später hütet dann wieder Hitz das Tor, weil Bürki wegen einer Infektion der Atemwege ausfällt. Auch in den beiden folgenden Bundesligaspielen gegen Freiburg (4:0) und in Hoffenheim (1:0) steht Hitz zwischen den Pfosten; im Kraichgau drückt der wiedergenesene und voll mittrainierende Bürki die Ersatzbank. Als Favre dann beim Auftaktspiel in der Champions League bei Lazio (1:3) erneut auf Hitz setzt, ist die Aufregung rund um die Goaliefrage beim BVB gross. Einem Reporter von Sky soll Favre seine Entscheidung mit Bürkis mangelnder Frische begründet haben.

Gibt es eine Wachablösung im Dortmunder Tor?

Die grosse Frage: Gibt es beim BVB eine Wachablösung im Tor? Muss der 29-jährige Bürki im sechsten Jahr bei Gelb-Schwarz nach 210 Pflichtspielen seinen Platz definitiv dem Landsmann überlassen? Wird der 33-jährige Hitz im dritten Jahr seit seiner Ankunft aus Augsburg und nach nur 17 Einsätzen auf seine alten Tage hin noch überraschend die Nummer 1? Verdrängt der Thurgauer aus Freidorf den Berner aus Münsingen?
Von beiden ist in diesen Wochen kein Statement zu diesem Thema zu hören. Dafür aber vom früheren Nationalkeeper Jörg Stiel. Vom Sportportal «Spox» lässt er sich wie folgt zitieren: «Es ist seltsam, was beim BVB abläuft. Bürki spielt konstant auf hohem Niveau. Es gibt keinen Grund, an der Rangordnung etwas zu ändern.» Der «Kicker» schreibt: «Beim BVB kann sich niemand einen Reim darauf machen.» Nach der Rückkehr aus Rom und vor dem Spiel gegen Schalke bleibt Favre weiter vage: «Wir werden sehen, wer spielt.»

Am Samstag aber muss er wieder Farbe bekennen. Mit zwei Torhütern darf er ja nicht spielen. Er entscheidet sich für Bürki. Gebraucht hätte es gegen die schwachen Gelsenkirchener keinen Goalie. Die Gäste schiessen nie aufs Tor.

So inexistent wie Schalke ist die Ambiance im Signal Iduna Park. Wo sonst 80196 Zuschauer den letzten Platz besetzen, sind in Coronazeiten nur 300 Besucher zugelassen. 267-mal weniger als sonst. «Ausverkauft!» – meldet der BVB ...

Es sind aber nicht nur Favre, Bürki und Hitz, die für Gesprächsstoff sorgen. Mit Manuel Akanji steht ein vierter Schweizer im Fokus. Sein Tor zum 1:0 wird zum Dosenöffner gegen die nun schon seit 21 Ligapartien sieglosen Schalker. Nach seiner Corona-Erkrankung und der darauffolgenden Isolation darf der Innenverteidiger wieder spielen. Auf die Frage, wie wichtig es sei, dass hinter ihm konstant der gleiche Torhüter spiele, antwortet der Winterthurer: «Das ist sehr wichtig. Roman strahlte gegen Schalke viel Sicherheit aus. Es ist aber der Trainer, der entscheidet, wer spielt.»

Will Favre den Konkurrenzkampf schüren?

Ist die Angelegenheit nun durch? Nicht unbedingt. Irgendetwas wird Favre mit seinem rätselhaften Tun ja bezwecken. Will er den Konkurrenzkampf schüren? Weshalb lässt er diesen Fall derart hochschaukeln? Gerade er, der nichts lieber tut, als in Ruhe zu arbeiten.
Der Romand selber leistet keinen Beitrag zur Klärung, verzichtet auf Klartext. Natürlich ist Favre ein hervorragender Fussballtrainer, doch kommunikativ nicht auf der Höhe. Im Ruhrpott wird gerätselt: Wer steht am Mittwoch in der Champions League gegen Zenit Sankt Petersburg im Tor? Bürki oder vielleicht doch wieder Hitz?

Klar scheint derzeit nur: Setzt Favre sein Spielchen noch eine Weile fort, dann schadet er dem BVB und seinen Torhütern mehr, als ihnen zu helfen. Und bringt sich selbst wieder einmal in die Bredouille.

Autor

Markus Brütsch

Meistgesehen

Artboard 1