Familien-Interview
Maria Fernandez-Vögeli: «Ich tanze, bis ich sterbe»

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist die Zeit der Familie. Auch fünf az-Redaktoren und -Redaktorinnen haben ein spannendes Familienmitglied getroffen - und mit ihm ein persönliches Gespräch geführt.

Barbara Vogt
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Maria Fernandez (r.) und Barbara Vogt begegen sich im Tanz. Im Hintergrund spielt José Gitarre. (Jan Frank)

Maria Fernandez (r.) und Barbara Vogt begegen sich im Tanz. Im Hintergrund spielt José Gitarre. (Jan Frank)

Erinnerst du dich an die Küche deiner Eltern? Sonntags roch es nach frisch gebackenem Kuchen.

Maria Fernandez: Natürlich, den Russenzopf meiner Mutter mochte ich am liebsten.

Die Gesprächspartner

Maria Fernandez-Vögelin (66) wuchs als Auslandschweizerin mit zwei Schwestern in Lörrach (D) auf. Mit 23 Jahren ging sie nach Andalusien, um ihre grosse Leidenschaft, den Flamencotanz, auszuleben. Heute lebt sie mit ihrem Ehemann José in einem kleinen Bergdorf in den Alpujarras. Sie ist Mutter zweier erwachsener Töchter und hat drei Enkelkinder. Barbara Vogt (47) arbeitet seit 2005 bei der Aargauer Zeitung und schreibt für den Lokalteil Aargau West. Auch sie kehrt ihrer Heimat, dem Suhrental, bald den Rücken und zügelt mit Partner und Tieren in den Südschwarzwald. Ihre Passion: Arabische Pferde.

Meine Grossmutter buk den besten Kuchen. Diese sonntäglichen Rituale waren mir wichtig: Als Kind gaben sie mir Geborgenheit. War das bei dir auch so?

Nein, diese Geborgenheit war mir keineswegs wichtig. Ich sehnte mich danach, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Spontan zu tanzen, zu lachen, zu weinen. Aber mein Umfeld liess das nicht zu und ich merkte schon früh, dass ich aus Deutschland fortmusste, um meine Freiheit auszuleben. Auch mein Vater hatte Mühe mit meiner Lebensauffassung, er sagte uns Töchtern immer: «Reisst euch zusammen.» Lustigerweise gab er mir die Erlaubnis, mit einem Zirkus herumzuziehen, wenn ich eine Lehre absolviere und ein Jahr auf meinem Beruf arbeiten würde.

Hast du das gemacht?

Ich machte zwar eine kaufmännische Lehre in einem Advokaturbüro in Basel, aber ich zählte die Tage! Danach nahm ich Gelegenheitsjobs an. Doch konnte ich mich nie richtig entfalten. Mir fehlten Licht und Fröhlichkeit. Eine Tomate kann ja auch nicht ohne Sonne gedeihen. So reiste ich als Au-pair-Mädchen nach Frankreich. Mit der Familie durfte ich an die Costa Brava in die Ferien. Da sah ich erstmals eine Flamencoshow. Hals über Kopf verliebte ich mich in den Flamencotanz.

Was passierte?

An der Show tanzte eine junge Zigeunerin. Ihr lag der Flamenco im Blut: Ihre Bewegungen kamen von tief innen, Musik und Körper verschmolzen zu einer Einheit. Die Tänzerin strahlte Ruhe, Erhabenheit aus und ihr Tanz hatte etwas Heiliges an sich. Die Zigeunerin war wunderschön, sie entzündete ein Feuer in mir.

Als Kind sah ich dir zu, wie du im Keller von deinen Eltern getanzt und gesteppt hast.

Ach wirklich? (Lacht ausgelassen). Ich legte einen Holzboden aus, da wirbelte ich mit meinen Stöckelschuhen herum. Lange tanzte ich heimlich, bis ich mich endlich getraute, öffentlich aufzutreten. Als mich meine Schwiegermutter das erste Mal tanzen sah, warf sie mir aus lauter Begeisterung eine Blume zu. Ich besuchte nie eine Flamencoschule, sondern tanzte intuitiv. Der Tanz war mein bester Meister.

Hättest du nicht besser Klavier spielen sollen?

Natürlich hätten das meine Eltern lieber gesehen. Aber schon als Kind konnte ich nicht still sitzen und Klavier üben. Damit die Klavierstunde schneller verging, stellte ich die Uhr vor.

Was machtest du nach deiner Au-pair-Zeit?

Ich reiste herum, unter anderem besuchte ich eine Schauspielschule in Paris. Nach einiger Zeit kehrte ich nach Deutschland zurück. Ich hatte einen Freund und wir wollten heiraten. Ich war hin- und hergerissen zwischen Liebe und Freiheit: Welches war der richtige Weg für mich? Um Klarheit zu bekommen, ging ich nach Andalusien. Ich lebte zurückgezogen in einem Häuschen am Meer, las, schrieb, malte.

Welchen Weg wähltest du?

Den Weg der Liebe und der Freiheit! In Andalusien begegnete ich José, meinem heutigen Mann. Ich vergesse es nie: Er lehnte an einem Baum, trug Bluejeans, ein T-Shirt. Er war Zigeuner, hatte meergrüne Augen und lange schwarze Haare. Er nahm mich in sein Heimatdorf Cartama mit. Als ich diesen Namen hörte, wusste ich, das Richtige getan zu haben: Wochen zuvor hatte ich eine Vision, dass ich einen Mann aus diesem Dorf kennen lernen und glücklich mit ihm sein würde.

Du gingst mit einem Zigeuner auf und davon? Darüber waren deine Eltern nicht glücklich.

Es war eine schwierige Zeit für mich. Einerseits hatte ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Eltern, ich liebte sie ja sehr und bat sie immer wieder um Verzeihung. Andererseits wusste ich, dass José und ich füreinander bestimmt waren und ich in Andalusien bleiben würde. Es brauchte Mut, die materielle Sicherheit für die Freiheit aufzugeben.

Hast du es nie bereut?

Nein, wenn man sich in den richtigen Mann verliebt, ist das Magie. Obwohl José und ich sehr wenig haben, sind wir immer noch glücklich miteinander. Wir leben als Künstlerpaar: José spielt Gitarre und komponiert Musikstücke, ich tanze. Da verdient man nicht viel. Als wir heirateten, hatten wir nicht einmal genügend Münzen, um diese aufzuwerfen. Dieser alte andalusische Brauch soll Paaren Glück und Wohlstand bringen. Auch mussten wir unseren Lebensunterhalt verdienen. Ich konnte ja nicht immer nur tanzen. Als junge Frau und Mutter ging ich am Strand entlang und verkaufte in Körben Tischtücher an Touristen. Das machte mir Spass. Später verbot die Polizei uns Zigeunerfrauen diese Arbeit und ich musste mich nach etwas anderem umsehen. Ein Freund schenkte mir Tarotkarten. Damit ging ich von Restaurant zu Restaurant. Mit der Zeit suchten mich die Menschen auf. Ich hatte die Gabe, ihnen in schwierigen Lebenssituationen zu helfen.

Als Jugendliche durfte ich mich bei deinen Eltern in dein Bett legen. Dann lasen sie mir deine Briefe vor und zeigten mir Fotos. Ich war fasziniert von deinem Leben.

Ich sehe Parallelen zwischen dir und mir. Du hast auch eine Freiheit, die du vielleicht nicht äusserlich, aber innerlich lebst. Und beide suchen wir nach anderen spirituellen Werten als jenen, die uns die katholische Kirche vermittelte.

Bist du gläubig?

Ja. Zwar anders als mein Vater: Er glaubte an die Kirche, ich an Gott. Ich spüre Gott überall und in allem. Er ist Liebe. Kein Papst kann mir das geben.

Glaubst du an die Wiedergeburt?

Ja, ich habe manche Déjà-vus, die mit der andalusischen Zigeunerwelt verbunden sind und mir zeigen, dass ich nicht das erste Mal auf diese Art lebe. Den Zigeunerhumor, Melodien und Rhythmen trage ich seit langem in mir.

Bist du glücklich?

Ich halte nicht an Emotionen fest, sondern lebe bewusst im Augenblick. Das macht mich glücklich. Auch mein Leben in Andalusien macht mich glücklich. Hier spüre ich die Sonne, das Leben. Ich gehe aus dem Haus heraus, sehe Menschen tanzen, Musik machen. Du kannst angezogen oder nackt herumlaufen, niemand stört sich daran. Nach diesem unkonventionellen Leben habe ich als Mädchen gesucht.

Was gibt dir der Flamenco?

Flamenco kneift mich. Es ist eine Form, meine Gefühle, Lebensfreude auszudrücken. Jeder Mensch muss sich irgendwie ausdrücken können, sonst stirbt seine Seele. Wenn ich tanze, fühle ich und denke nicht mehr. Es ist wie Meditation: Es existiert keine Zeit, nur Musik, Rhythmus. Ich bin verliebt in den Flamenco. Ich tanze, bis ich sterbe.

Bist du eine berühmte Tänzerin?

Aber nein! Es war nie mein Traum, eine professionelle Flamencotänzerin mit internationalen Bühnenauftritten zu werden. Ich will Flamencotanz, Gesang, Gitarre und Händeklatschen erleben, wenn möglich jeden Tag. Es ist mir unwichtig, wie ich dazu angezogen bin. Am schönsten ist es, wenn ein paar Zigeuner mit Kind und Kegel am Feuer improvisierten Flamenco tanzen. Jeder erlebt ihn auf seine Weise, jedoch immer gemeinsam. Das nennt man Juerga Flamenca, den Geist des Flamencos.

Dein Mann José singt in einem Lied, dass du die Königin des Universums bist.

Wir sind Yin, Yang. Wir brauchen einander. Der Tanz braucht die Gesellschaft der Musik und umgekehrt. Wenn ich zu seiner Musik tanze, ist es wie eine Hochzeit, eine Vereinigung.

Sehen wir uns wieder?

Bestimmt. Bis dahin sind wir im Herzen miteinander verbunden.

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