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Bericht über sexuellen Missbrauch: «Blick» verletzte Intimsphäre von Kindern

Identifizierende Berichte des «Blick» über einen Fall von sexuellem Missbrauch von Kindern haben die Rechte der Opfer verletzt. Die Kinder litten psychisch unter den Artikeln und wurden gemobbt. Das geht aus einem Gerichtsentscheid hervor. Der «Blick» zeigte sich bis zum Schluss des Verfahrens uneinsichtig.

Pascal Hollenstein
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Die Opfer von Kindsmissbrauch leiden oft auch unter öffentlicher Stigmatisierung.

Die Opfer von Kindsmissbrauch leiden oft auch unter öffentlicher Stigmatisierung.

Getty

Eine der wichtigsten Regeln im Journalismus lautet: Bei der Berichterstattung über Straftaten ist auf die Opfer besondere Rücksicht zu nehmen. Das gilt besonders bei Sexualdelikten. Und in noch höherem Mass, wenn es um Kinder geht. Keinesfalls sollen sie aufgrund der Berichte identifizierbar sein. Denn Opfer von Sexualdelikten sind immer noch einer sozialen Stigmatisierung ausgesetzt.

Im Sommer 2017 berichtete der «Blick» über einen besonders üblen Fall von sexuellem Missbrauch an mehreren Kindern im Schweizer Mittelland. Wie sich der Vater der Opfer erinnert, ging der Reporter des Boulevardmediums dabei unzimperlich vor: «Er hat an einem Sonntag bei uns an der Haustür geradezu sturmgeklingelt. Als wir ihm nicht aufmachten, befragte er unsere Nachbarn.»

Öffentlich ausgestellt, in der Schule gemobbt

Schon damit war das nähere soziale Umfeld der Opfer über die laufenden Ermittlungen wegen Sexualdelikten informiert. In einer ganzen Artikelserie lieferte «Blick» dann Detail um Detail zum Täter und seinen Opfern. Zwar nannte die Zeitung keine ganzen Namen und deckte die Augenpartie des Täters auf einem publizierten Foto ab. Doch in der Region, in der Täter und Opfer wohnen, war vielen sofort klar, um wen es sich handeln musste. Letzte Zweifel liessen sich mit einer einfachen Suche auf Google zerstreuen.

Aus den Gerichtsakten zu diesem Fall geht hervor: Bereits am Tag nach dem ersten Artikel veränderten die Menschen am Ort ihr Verhalten gegenüber den missbrauchten Kindern. Man mied den Kontakt auf der Strasse. In der Schule kam es zu Hänseleien und Mobbing. «Die Tat, der Missbrauch an sich, war schon schlimm genug. Aber dann auch noch öffentlich ausgestellt zu werden – das hat erneut traumatisiert. Und es wirkt bis heute nach. Hört nie mehr auf.»

Als der «Blick» weitere Artikel veröffentlichte, wandte sich der Vater an eine Anwältin. Diese erstritt eine so genannte superprovisorische Verfügung des Bezirksgerichts. Demnach hatte der «Blick» die Beschreibung von Opfer und Täter in den online publizierten Artikeln so anzupassen, dass die Kinder nicht mehr zweifelsfrei identifizierbar waren. Zudem müsse der diese Regeln auch bei künftigen Artikeln berücksichtigen. Es sollte nicht noch weiterer Schaden entstehen. Denn der angerichtete war schon, wie es in einem Entscheid des zuständigen Bezirksgerichts etwas hölzern heisst: «Nichtwiedergutmachbar».

Mehr als dreijähriger Gang durch die Justiz

Ringier, der Verlag, der den «Blick» herausgibt, mochte sich mit dem Inhalt der Verfügung indes nicht abfinden. Zwar willigte der Verlag in die rückwirkende Bearbeitung seiner Artikel ein. Aber eine Persönlichkeitsverletzung liege nicht vor. Erstens nicht, weil die Kinder aufgrund ihres Alters die Artikel selber zum Teil gar nicht lesen und verstehen könnten. Und zweitens nicht, weil der «Durchschnittsleser» ohne Vorkenntnisse die Opfer nicht ohne Weiteres erkenne. Zudem: Wenn der Täter vor Gericht stehe und dort eine Formulierung falle, die die Opfer identifiziert, müsse man diese aber wieder veröffentlichen können. Das gehöre, so der Anwalt von Ringier, zum journalistischen Wahrheitsgebot.

Mehr als drei Jahre hat der Fall nun die Justiz beschäftigt. Das Obergericht hat nun einen Schlusspunkt gesetzt. In einem rechtskräftigen Entscheid verbietet es dem «Blick» Formulierungen zu verwenden, welche die Opfer erkennbar machen. Es zerpflückt zudem die Argumentation des Ringier-Anwaltes Punkt für Punkt. Der «Blick» habe «die Persönlichkeitsrechte der schwächsten Glieder der Gesellschaft verletzt», sei mit seiner Berichterstattung in den Intimbereich der Kinder eingedrungen und habe daraus besonders sensible Tatsachen an die Öffentlichkeit getragen.

Ringier spart Genugtuung für Kinder

Nur in einem Punkt war Ringier teilweise erfolgreich: Das Bezirksgericht hatte den betroffenen Kindern noch eine Genugtuung von je 20'000 Franken zugesprochen. Ringier ist es gelungen, diesen Betrag vor Obergericht auf je 10'000 Franken zu senken. Der Zürcher Verlag spart damit, nach mehr als dreijährigem Prozessieren, etwas Geld.

Der Vater der Kinder sagt, es sei bis heute schwer, mit der öffentlichen Stigmatisierung nach den «Blick»-Artikeln zu leben. Die ganze Familie leide darunter. Immer wieder habe man erwogen, wegzuziehen, an einen Ort, an dem sie niemand kenne. Aber so einfach sei das nicht. «Man kann nicht einfach davonrennen.»

Warum hat Ringier nicht schon viel früher erkannt, dass die «Blick»-Berichterstattung ein Fehler war? Warum hat der Verlag nicht früher korrigiert, eine Entschuldigung angeboten und stattdessen Kraft aufgewendet, um die Genugtuung für die Opfer herunterzuhandeln? Ringier-Sprecherin Johanna Walser beantwortet einen längeren Fragenkatalog summarisch. Sie schreibt: «Die damaligen Entscheidungen reflektieren wir intern kritisch.» Es sei «nicht die Absicht» des «Blick» gewesen, den Kindern Leid zuzufügen oder dieses zu verstärken. «Sollte dies aufgrund unserer Berichterstattung passiert sein, bedauern wir dies aufrichtig.»

Ein journalistisches Dilemma

Wie Medien mit der so genannt identifizierenden Berichterstattung umgehen, ist ein wichtiges Thema. Wie aber kann man über einen konkreten Fall schreiben, ohne selber die darin vorkommenden Personen an die Öffentlichkeit zu zerren? Es handelt sich um ein klassisches Dilemma. Im vorliegenden Artikel wurde es so gelöst, dass viele Details ausgelassen und manche Formulierungen bewusst etwas vage gewählt wurden. Alles in dem Artikel stimmt. Das Gesamtbild stimmt auch. Aber nicht alles, was stimmt, konnte geschrieben werden. Zum Schutz der Opfer und in Absprache mit ihnen. (pho)

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