Pflegegesetz

Michael Elseners Aufruf trifft auch Unschuldige: Gesundheitspolitiker finden stinkende Strümpfe im Briefkasten

Diese Post fand Ruth Humbel in ihrem Briefkasten.

Diese Post fand Ruth Humbel in ihrem Briefkasten.

Der Comedian Michael Elsener ruft Pflegefachleute dazu auf, Gesundheitspolitikern Socken-Post zu schicken – und trifft mit seinem Aufruf prompt auch Unschuldige.

Als CVP-Nationalrätin Ruth Humbel von der Sommersession nach Hause kam, staunte sie nicht schlecht: Ein Haufen Post mit Briefen, Socken und dreckigen Strümpfen lag bei ihr im Briefkasten. Pflegefachleute wandten sich mit Protestschreiben an die Aargauer Gesundheitspolitikerin, weil sie sich angeblich zu wenig für den Pflegeberuf einsetze.

Zumindest behauptet das der Comedian Michael Elsener in einem Youtube-Video. Er erklärt in zehn Minuten, vor welchen Herausforderungen die Pflege heute steht, dass es an Personal mangle, und dass die Arbeitszeiten und der Lohn wenig attraktiv seien. Im zweiten Teil des Videos stellt er dann verschiedene Politiker an den Pranger, weil sie die Pflege-Initiative nicht umfassend unterstützen.

Er kritisiert, dass das Parlament nicht bereit sei, nachhaltig in die Ausbildung zu investieren, dass Pflegefachleute unter happigen Arbeitsbedingungen litten und dass sie weiterhin nicht direkt über die Grundversicherung abrechnen können. Überhaupt hätten Politiker wenig Herz, weil sie nicht wüssten, was in der Pflege alles geleistet wird.

Elsener ruft deshalb alle Pflegefachleute auf, bei Gesundheitspolitikern zu protestieren und ihnen Socken und Strümpfe zu schicken – auch gebrauchte. Damit sich das Pflegepersonal nicht um Details, wie die verantwortlichen Personen und deren Adressen kümmern muss, liefert Elsener dies im Video mit: Am Ende werden Gesundheitspolitiker mit Bild und Postadressen eingeblendet.

Der Komiker hatte die Falsche im Visier

Gesundheitspolitikerin Verena Herzog (SVP/TG) findet: «Das kann man machen.» Das Video sei nicht schlecht. Die Darstellung des Komikers verrate aber, dass er sich nur oberflächlich mit dem indirekten Gegenvorschlag, einer echten Chance für das Pflegepersonal, auseinandergesetzt habe. Zudem zeugt die orchestrierte Post mit schmuddeligen Einzelsocken weder von Hygiene-, noch von Ressourcenverständnis. Auch deshalb hält sie die Aktion für kontraproduktiv: «Viel Aufwand ohne Ertrag!»

Ruth Humbel fühlt sich hingegen missverstanden. Sie war es, die mit dem Pflegeverband eine Lösung suchte. «Ich habe grosses Verständnis für die Initiantinnen und setzte mich für sie ein.» Die Massenpost sei ärgerlich – und bewirke sicher keinen Meinungsumschwung. «Im Gegenteil, diese Aktion führt dazu, Unterstützer zu vergraulen.»

Humbels wichtige Rolle bei der Ausarbeitung eines Gegenvorschlags bestätigt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Berufsverbands der Pflegefachpersonen SBK. «In den Details sind wir uns zwar nicht immer einig, Ruth Humbel hat sich aber für eine gemeinsame Lösung eingesetzt», sagt sie. Dass an der Politikerin nun der Frust abgelassen werde, tue ihr leid. Mit dem Video habe der SBK Schweiz nichts zu tun.

«Die Reaktionen zeigen aber die Befindlichkeiten an der Basis.» Auch Ribi sagt, der Komiker habe es sicher gut gemeint, verfüge aber nicht über das inhaltliche Know-how, um die Details der politischen Debatte zu kennen. Im Video unterschlägt er beispielsweise, dass es der Ständerat war, der den Gegenvorschlag massgeblich schwächte. Im Fokus des Videos stehen aber drei Nationalrätinnen.

Michael Elsener verteidigt die Auswahl der Politiker für sein Video: «Als Präsidentin der Gesundheitskommission vertritt Ruth Humbel das Geschäft.» Dass kein verantwortlicher Ständerat vorkomme, sei den Quoten geschuldet, welche die Politiker im Rat abgaben. «In diesem Fall fand ich es richtig, die Strümpfe an jene Politikerinnen und Politiker in den Gesundheitskommissionen von National- und Ständerat schicken zu lassen, die entweder die Kommission präsidieren - oder sich mit markigen Voten im Saal zu Wort gemeldet haben.» Dass darunter auch der frühere Gewerkschaftsboss Paul Rechsteiner (SP/SG) fällt, nahm Elsener in Kauf.

Das bedeutet übersetzt: Wie sich die Personen zum Geschäft positionieren, ist irrelevant. Sie können sich für bessere Arbeitsbedingungen oder ein einfacheres Abrechnungssystem einsetzen und erhalten trotzdem Socken-Post.

Öffentlicher Pranger unproblematisch

Weiter sind die Ausgaben deutlich höher, als im Video dargestellt: Nicht 469 Millionen sollen für die Ausbildung ausgegeben werden, sondern fast eine Milliarde Franken. Gerade dieser Punkt habe bei ihm viele Fragen aufgeworfen, sagt Elsener: «Wir investieren so viel Geld in die Ausbildung, wissen aber, dass 50 Prozent der Pflegefachleute den Beruf wieder verlassen, weil sie die Arbeitsbedingungen nicht aushalten. Das ist doch absurd.» Die Socken-Post und die Veröffentlichung der Adressen findet er unproblematisch:

Ein Online-Video müsse kurz sein und unterhalten. Er habe das Skript für das Video im Vorfeld von Leuten gegenchecken lassen, die politisch und im Bundesamt für Gesundheit mit der Materie zu tun hatten.

Die Pflegefachpersonen hat er abgeholt: «Wir wurden von Reaktionen überschwemmt, viele Menschen haben sich nun mit dem Thema befasst.» Und dass er die Adressen von Politikerinnen und Politikern veröffentlicht, sei insofern nicht problematisch, weil sie auch auf der Parlaments-Website zu finden seien.

Autor

Anna Wanner

Anna Wanner

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