Milizsystem
Flexible Arbeitszeiten und mehr Ferien: Studie zeigt, wie Firmen das Schweizer Milizsystem unterstützen können

Viele Gemeinden kämpfen damit, nebenberufliche Ämter in Politik und Gesellschaft besetzen zu können. Es mangelt an Personen, die sich nebst Familie und Beruf im Milizsystem engagieren. Eine Studie zeigt nun, wie Firmen diesem Zustand entgegenwirken können.

Chiara Stäheli
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Tausende Schweizerinnen und Schweizer engagieren sich nebenberuflich im Milizsystem, beispielsweise bei der Feuerwehr.

Tausende Schweizerinnen und Schweizer engagieren sich nebenberuflich im Milizsystem, beispielsweise bei der Feuerwehr.

Bild: Raphael Rohner (Wittenbach, 27. August 2021)

Wer sich in einem politischen Amt engagiert, dem fällt es oft nicht leicht, diese Tätigkeit mit dem Beruf zu vereinbaren. Das zeigt eine neue Studie der Fachhochschule Graubünden. Nicht zuletzt auch, weil die Milizarbeit immer stärker in Konkurrenz zur Erwerbsarbeit steht: Sitzungen von Gemeinderäten finden oft tagsüber statt, und der Arbeitsaufwand nimmt zu, weil sich entsprechende Gremien professionalisieren und die Ansprüche der Bevölkerung an Kommunal- und Lokalpolitikerinnen steigen.

Nicht alle können sich engagieren

Schweizweit gibt es schätzungsweise mehr als 100’000 öffentliche und politische Milizämter, dazu zählen beispielsweise Tätigkeiten in der Feuerwehr, der Politik oder der Armee. Die drei Co-Autoren der Studie haben knapp 2000 Mandatsträger und 500 Unternehmen befragt. Es zeigt sich deutlich: Diejenigen, die sich bereits jetzt freiwillig engagieren, fordern von ihren Arbeitgebern eine stärkere Förderung des politischen Milizsystems.

Andreas Müller ist Co-Autor der Studie. Er war 2019 Projektleiter beim «Jahr der Milizarbeit».

Andreas Müller ist Co-Autor der Studie. Er war 2019 Projektleiter beim «Jahr der Milizarbeit».

Bild: zvg

Wie Mitautor und selbstständiger Politikberater Andreas Müller sagt, sei dies vielen Unternehmen bewusst: «Wir haben in den Interviews festgestellt, dass sich viele Unternehmen auch selbst in der Pflicht sehen, für eine funktionierende, partizipative Demokratie zu sorgen.» Dazu zähle beispielsweise, dass Firmen ihren Mitarbeitenden ermöglichen, am Milizsystem teilzuhaben.

Diese Möglichkeit steht momentan noch lange nicht allen Arbeitnehmenden offen: Wer beispielsweise als Bäcker, Fischerin oder im Gastgewerbe arbeitet, ist de facto vom Milizsystem ausgeschlossen, weil die geregelten Arbeitszeiten oft keine politische Tätigkeit erlauben. Selbstständigerwerbende sind hingegen in politischen Ämtern stark übervertreten.

Aktuell tut sich jede zweite Gemeinde in der Schweiz schwer damit, geeignete Kandidaten für ihre Exekutiven zu finden. Die Gründe dafür sind vielschichtig, wie Andreas Müller sagt: «Vielfach scheitert das Ausüben eines politischen Milizamtes an der mangelnden Möglichkeit, das Amt mit dem Beruf zu vereinbaren.»

Weiter sei auch die in den vergangenen Jahren gestiegene Mobilität mitverantwortlich für die Schwierigkeiten in den Gemeinden, sagt Müller: «Noch vor 50 Jahren waren die Leute an ihrem Wohnort sehr stark verankert.» Das sei heute an vielen Orten nicht mehr so.

Die Studie der Fachhochschule Graubünden

In der Studie mit dem Titel «PoliWork: Ansätze zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und politischen Milizämtern» untersuchen Curdin Derungs, Andreas Müller und Dario Wellinger von der Fachhochschule Graubünden die Rolle der Unternehmen als Arbeitgebende und ihren Einfluss auf das politische Engagement der Mitarbeitenden in Milizämtern. Weitere Informationen sind hier zu finden.

Weniger Arbeit, dafür Erwerbsersatz?

Was Unternehmen konkret tun können, um ihre Mitarbeitenden für politische Ämter zu begeistern, ist ebenfalls Teil der heute veröffentlichten Studie. «Es gibt verschiedene Massnahmen, die die Vereinbarkeit der politischen Miliztätigkeit mit dem Beruf verbessern», so Müller.

Ein Unternehmen könne beispielsweise für flexible Arbeitszeiten sorgen oder die Infrastruktur für die nebenberufliche Tätigkeit zur Verfügung stellen. Weiter werde auch immer wieder diskutiert, ob Amtsträgerinnen für ihre Arbeit finanziell stärker entschädigt werden sollen.

Dazu gesellt sich nun ein neuer Ansatz: Unternehmen, deren Mitarbeitende sich im Milizsystem engagieren, sollen für die Stunden, die die Mitarbeitenden aufgrund ihrer nebenberuflichen Tätigkeit fehlen, über die Erwerbsersatzordnung (EO) entschädigt werden. Für Müller ein Ansatz, der diskutiert werden sollte: «Es gibt schon jetzt Modelle, wie beispielsweise jenes von Jugend und Sport, die durch die EO unterstützt werden.»

Allerdings sei die Umsetzung einer entsprechenden Vergütung im Bereich der politischen Miliztätigkeit schwierig, da die Arbeitsbelastung je nach Funktion, Gemeinde und Kanton sehr unterschiedlich sei. Dennoch ist Müller überzeugt:

«Es muss eine Diskussion darüber geführt werden, wer die Kosten für die zunehmende zeitliche Belastung des politischen Milizengagements trägt.»

Bereits jetzt gibt es Unternehmen, die ihre im Milizsystem engagierten Mitarbeitenden unterstützen. So erhalten Angestellte der SBB jährlich 15 zusätzliche Ferientage, wenn sie ein öffentliches Amt ausüben.

Und auch der Versicherer Swiss Life kommt den rund 70 Arbeitnehmenden entgegen, die aktuell ein Milizmandat innehaben: Wer in einem 100-Prozent-Pensum tätig ist, kann bis zu 20 Prozent der Arbeitszeit zur Ausübung des Mandats nutzen.

Die Studie zeigt, dass sich insbesondere grosse Firmen auch ohne Entschädigung durch die EO entsprechende Massnahmen leisten können, für KMU hingegen stellen zusätzliche Frei- oder Ferientage für im Milizsystem tätige Angestellte eine personelle und finanzielle Schwierigkeit dar. Für diese kann es sich lohnen, auf andere Massnahmen zurückzugreifen.

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