Coronakrise

Milliardenloch droht: Wie kommen Bahn und Bus aus der Krise? Die wichtigsten Fragen und Antworten

Pendeln in Coronazeiten: Noch immer tragen nur wenige Reisende eine Schutzmaske.

Pendeln in Coronazeiten: Noch immer tragen nur wenige Reisende eine Schutzmaske.

Dem öffentlichen Verkehr droht wegen der Coronakrise ein Milliardenloch. Trotzdem verzichtet er auf teurere Billette. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Problemen der Verkehrsbranche.

Wie entwickeln sich die Passagierzahlen im öffentlichen Verkehr?

Die Coronakrise hat und hatte massiven Einfluss auf die Nachfrage im öffentlichen Verkehr. Von einem beispiellosen Einbruch der Passagierzahlen spricht Bernard Guillelmon, der Präsident der Alliance Swisspass. Die Branchenorganisation informierte am Mittwoch darüber, wie sie die Auswirkungen der Krise abfedern will. Tatsächlich liegt die Auslastung im Fernverkehr erst bei rund der Hälfte im Vergleich zum Vorjahr, etwas höher ist sie im Regionalverkehr. Immerhin: «Beim Ausflugsverkehr und beim Ortsverkehr spüren wir wieder einen Anstieg der Passagierzahlen», sagt Guillelmon.

Wie gross ist das Loch, das die Coronakrise in die Kassen der Branche reisst?

In den vergangenen drei Monaten büssten Verkehrsbetriebe wie die SBB oder Postauto fast zwei Drittel ihrer Umsätze ein – während ihre Kosten praktisch gleich blieben. Der Verkauf von Einzelbilletten brach zeitweise komplett ein. Derzeit liegt er noch immer gut 60 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Noch wichtiger sind für die Branche die Abos, mit denen die Mehrheit der Einnahmen generiert wird. Da dürften sich die Ausfälle erst später auswirken. Wie viele Pendler werden ihr Generalabo (GA) oder ihr Halbtax erneuern? Die Branchenorganisation spricht von einer «rückläufigen Tendenz», gibt sich aber einigermassen optimistisch. Sie geht davon aus, dass die Zahl der GA bis Ende Jahr um rund sechs Prozent und die Zahl der Halbtax-Abos um rund ein Prozent zurückgehen wird. Zu den einträglicheren Verbund- und Streckenabos gibt es keine Schätzungen.

Summa Summarum rechnet die Branche mit einem Rückgang der Gesamteinnahmen von 25 bis 30 Prozent im Jahr 2020. Aufgerechnet entgehen dem öffentlichen Verkehr damit also Einnahmen von über 1,5 Milliarden Franken.

Wird sich die Nachfrage erholen? Steigen die Passagierzahlen also bald wieder an?

Verbandschef Guillelmon ist da wenig zuversichtlich: «Die Nachfrage wird sich in diesem Jahr höchstwahrscheinlich nicht vollständig erholen.» Dies dürfte wenn schon gegen Ende 2021 der Fall sein. Genaue Prognosen will er noch nicht abgeben.

Es geht auch um Fragen des Vertrauens und um die Organisation der Arbeitswelt. Wie können die Leute wieder für Bahn und Bus begeistert werden? Und was, wenn viele Arbeitnehmer lieber im Homeoffice bleiben? Weil der öffentliche Verkehr manchen als Virenschleuder gilt, verweist die Branche derzeit in gross angelegten Kampagnen darauf, wie sauber die Verkehrsmittel sind, wie das Reisen dank Schutzkonzepten sicher ist und wie sich Stosszeiten umgehen lassen. Masken werden empfohlen, eine Pflicht will die Branche weiterhin nicht. Man werde diese aber umsetzen, sollte sie doch noch eingeführt werden, betont Guillelmon.

Werden wegen der Einbussen nun die Billette teurer?

Nein. Trotz Ertragseinbussen und düsteren Aussichten verzichte man 2021 auf Preiserhöhungen bei den Billetten, verkündet die Alliance Swisspass stolz. Gleichzeitig reagiert die Branche mit einigen Anpassungen beim Sortiment und den Entschädigungen (siehe Text unten). Damit wolle man die Attraktivität von Bahn und Bus erhöhen, gerade in diesen schwierigen Zeiten.

Allerdings: Dass die Billettpreise zumindest vorerst nicht erhöht werden, war schon länger absehbar. Ab 2021 gelten nämlich günstigere Tarife für Bahntrassen. Konsumentenschützer forderten deswegen ursprünglich gar, dass diese den Kunden in Form günstigerer Preise weitergegeben werden.

Und wo holen sich die Verkehrsbetriebe dann das Geld, das sie dringend benötigen?

In die Bresche springen sollen nicht in erster Linie die Passagiere, sondern der Staat – das heisst: die Steuerzahler. Die öffentliche Hand müsse eine Lösung suchen, sagt Guillelmon. Schliesslich habe man trotz Nachfragerückgang stets ein Grundangebot aufrechterhalten müssen. Auch das Parlament verlangt, dass der Bundesrat sich vor der Sommerpause des Themas annimmt. Gestern war das Geschäft in der Regierung noch nicht traktandiert.

Knifflig gestalten dürfte sich die Lösungssuche etwa beim Fernverkehr, der im Gegensatz zum Regionalverkehr eigentlich ohne Subventionen auskommen muss. Umstritten ist der Verteilschlüssel; die Frage also, in welchem Umfang sich Bund, Kantone und die betroffenen Unternehmen selbst jeweils beteiligen. Bürgerliche Politiker verweisen auf die Reserven der Betriebe und warnen vor «Schnellschuss-Subventionen». Erst Ende Jahr werde man den genauen Umfang der Defizite abschätzen können.

Warum schmälern die Verkehrsbetriebe dann ihre Ausfälle nicht wenigstens mit Kurzarbeitsgeldern?

Weil sie dies nicht dürfen. Zwar hatten auch viele Angestellten in den Verkehrsbetrieben zwischenzeitlich weniger zu tun, das ist unbestritten. Das Staatssekretariat für Wirtschaft vertritt aber im Gegensatz zum Bundesamt für Verkehr die Ansicht, dass kein Anspruch auf die Kurzarbeitsentschädigung bestehe, weil kein Betriebsrisiko vorhanden sei.

Seit gestern ist klar: Die Gesuche um Kurzarbeitsentschädigungen von SBB und Postauto wurden von den zuständigen kantonalen Stellen abgelehnt. Die Betriebe bestätigen einen entsprechenden Bericht von Radio SRF. Ob die Unternehmen gegen die Entscheide gerichtlich vorgehen, ist noch offen. Genaue Zahlen nennen sie auf Anfrage keine. Ein SBB-Sprecher betont aber: «Für alle Mitarbeitenden hat dies keine Auswirkungen, sie erhalten weiterhin den vollen Lohn.» Bewilligt wurde die Kurzarbeit immerhin für den Logistikbetrieb SBB Cargo.

Verwandtes Thema:

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

Meistgesehen

Artboard 1