Vetterliwirtschaft?

Nach Pardinis Wahl in den Post-Verwaltungsrat: SVP-Nationalrat will «Politfilz» stoppen

Marcel Dettling hat Zweifel, ob bei der Wahl in die Verwaltungsräte staatsnaher Betriebe wirklich die Qualifikationen ausschlaggebend sind.

Marcel Dettling hat Zweifel, ob bei der Wahl in die Verwaltungsräte staatsnaher Betriebe wirklich die Qualifikationen ausschlaggebend sind.

Der abgewählte Berner SP-Nationalrat Corrado Pardini sitzt neu im Verwaltungsrat der Post. Seine Parteikollegin, Simonetta Sommaruga, brachte die Personalie in den Bundesrat. Der Schwyzer SVP-Nationalrat Marcel Dettling wittert einen Politfilz.

Die Wahl von Corrado Pardini in den Post-Verwaltungsrat hat ein politisches Nachspiel. Der Schwyzer SVP-Nationalrat Marcel Dettling verlangt mit einer Motion, «dass der Politfilz bei staatsnahen Betrieben sofort gestoppt wird». Die Ernennung des abgewählten Berner SP-Nationalrats Pardini zeige ein trauriges Bild der Schweizer Politik.

Der Hintergrund der Kontroverse: Der Bundesrat bestimmt als alleiniger Aktionär der Post den Verwaltungsrat. Postministerin Simonetta Sommaruga, wie Pardini Bernerin und Sozialdemokratin, trug das Personalgeschäft in die Landesregierung. Am vergangenen Montag bestätigte die Generalversammlung der Post Pardini. Er nimmt als Personalvertreter Einsitz im Aufsichtsgremium und ersetzt den im Februar verstorbenen Michel Gobet.

Corrado Pardini.

Corrado Pardini.

Pardini ist Geschäftsmitglied der Unia und dort für den Sektor Industrie zuständig. Nach der Wahl in den Post-Verwaltungsrat kündigte er an, seine Funktionen bei der Gewerkschaft per Ende Juli niederzulegen. Die Post beschreibt ihn in einer Mitteilung als «gut vernetzte Persönlichkeit mit ausgewiesener Erfahrung». Dettling hingegen vermutet, dass das Parteibüchlein und die Nähe zu Sommaruga matchentscheidend waren. Bei staatsnahen Betrieben komme solches Postengeschacher immer wieder vor. Für den SVP-Mann ist nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die Verwaltungsräte der staatsnahen Betriebe ernannt werden. Für Wirbel sorgte zum Beispiel die Ernennung des früheren CVP-Ständerats Urs Schwaller zum Post-Verwaltungsratspräsident. Er wurde unter der früheren Postministerin und CVP-Parteikollegin Doris Leuthard ins Amt gehievt.

Proteste aus dem Tessin

Pardinis Wahl provozierte auch geharnischte Reaktionen aus dem Tessin. Gemäss dem «Tages-Anzeiger» spielte Sommaruga die Sprachenkarte und verkaufte Pardini als Vertreter der italienischen Schweiz. Pardini stammt von italienischen Einwanderern ab und beherrscht die Sprache Dantes, ist aber in Bern geboren und aufgewachsen. Der Tessiner CVP-Nationalrat Marco Romano befürchtet, der Bundesrat foutiere sich um die italienischsprachige Schweiz. In der Fragestunde vom Montag will er von Bundesrätin Sommaruga wissen, ob sie ihn tatsächlich zuerst als Vertreter der italienischen Schweiz vorgestellt habe und ob der gewerkschaftliche Hintergrund wichtiger sei als die Regionenfrage.

Der Bundesrat strebt an, dass die italienischsprachige Schweiz mit 8,4 Prozent im Verwaltungsrat vertreten ist. Im Verwaltungsrat übernimmt diese Rolle derzeit Adriano P. Vassalli. Wie die NZZ berichtete, habe Sommaruga bei Pardinis Wahl aber nicht die Sprache in den Vordergrund gerückt. Der Bundesrat zähle ihn denn auch nicht als Vertreter der italienischsprachigen Schweiz. Zudem stecke gar nicht Sommaruga hinter Pardinis Kür. Vielmehr hätten ihn die Personalverbände auf den Schild gehoben.

Eine Million für die Verwaltungsräte

Ein Mandat im Post-Verwaltungsrat bringt eine beachtliche Entschädigung. Die elf Mitglieder - inklusive Präsident - erhielten im letzten Jahr Vergütungen von insgesamt 1 002 635 Franken. Das Honorar von Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller betrug insgesamt 225'000 Franken. Die restlichen Mitglieder kamen durchschnittlich auf rund 80'000 Franken.

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