Coronavirus - Schweiz

Nachtwächter in Lausanne schlägt symbolisch Alarm wegen Coronavirus

Renato Häusler, der Nachtwächter der Kathedrale von Lausanne, ruft die volle Stunde aus. Wegen der Coronavirus-Pandemie kommt für ihn eine weitere Aufgabe hinzu. (Archivbild)

Renato Häusler, der Nachtwächter der Kathedrale von Lausanne, ruft die volle Stunde aus. Wegen der Coronavirus-Pandemie kommt für ihn eine weitere Aufgabe hinzu. (Archivbild)

Eine Jahrhunderte alte Tradition wird wegen der Coronavirus-Pandemie in Lausanne wiederbelebt. Ab Freitagnacht schlägt der Nachtwächter der Kathedrale jede Nacht symbolisch Alarm, um die Bevölkerung zur gegenseitigen Hilfe aufzurufen.

Dies teilte die Stadt Lausanne am Freitag mit. Mit dem Auftreten von Covid-19 werde die Glocke wieder für ihren ursprünglichen Zweck verwendet: Die Einwohner vor Bränden und Katastrophen warnen.

Im Mittelalter hatte der "guet", wie der Aufseher im Französischen genannt wird, die Aufgabe, die Bevölkerung vor dem Ausbruch eines Feuers zu warnen. Brände waren damals in der Stadt mit vielen Holzhäusern eine stetige Gefahr. Die Türme der Kathedrale, das höchste Gebäude der Stadt, boten den besten Überblick.

Vom Fortschritt überholt

Lausanne ist eine der ganz wenigen Städte in Europa, die noch einen Nachtwächter haben. Heutzutage ist die Brandgefahr viel geringer. Dank des technischen Fortschritts stehen viele effizientere Alarmsysteme zur Verfügung. Die Feuerwehr ist bestens ausgerüstet.

Dennoch steht der "guet" in der Westschweizer Metropole weiterhin Nacht für Nacht auf seinem Posten. Und dies seit über sechs Jahrhunderten. In der Waadtländer Hauptstadt wollte man an der Tradition festgehalten.

Auch nachdem 1907 in der Stadt Feuersirenen installiert worden waren, nahm der Nachtwächter seine Aufgabe noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg wahr. Als 1960 die Frage im Raum stand, ob der "guet" abgeschafft werden sollte, wurde die Lokalpresse einen Monat lang mit erbosten Leserbriefen bombardiert.

2020 meldet Renato Häusler, Nachtwächter der Lausanner Kathedrale, zwar keine Brände mehr. Aber er ruft weiterhin jede Nacht zwischen 22 Uhr und 2 Uhr die vollen Stunden von der Spitze des Glockenturms aus.

Gleicher Alarmton seit 1405

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus kommt für den "guet" nun aber ein weiterer Auftrag hinzu. Jede Nacht kurz nach der 22-Uhr-Runde des Wächters erklingt aus dem Glockenturm des bedeutendsten gotischen Bauwerks in der Schweiz ein symbolischer Alarm.

Dazu muss der Nachtwächter die Clemence betätigen, die Alarmglocke auf der ersten Ebene der Kathedrale. Drei Minuten lang bimmelt sie in diesem Rhythmus: drei Schläge, eine Pause, sechs Schläge, eine Pause, drei Schläge, eine Pause und so weiter.

Diese Tonabfolge war in Lausanne schon 1405 in Gebrauch. Der Wächter musste von seinem Ausguck Alarm schlagen, solange die Katastrophe nicht unter Kontrolle war.

Meistgesehen

Artboard 1