Naturschutz
Kahlschlag im Schutzgebiet – und das im Land mit der grössten Bärenpopulation Europas

In Estland schwelt seit Jahren ein Kulturkampf zwischen Naturschützern und der Holzindustrie um die Abholzung der Wälder. Vorerst geht der Kahlschlag weiter.

Win Schumacher
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In Estland wird deutlich zu viel Wald gerodet.

In Estland wird deutlich zu viel Wald gerodet.

Karl Ander Adami

Leise glucksen die Paddelschläge im Flüsschen Raudna zum Flöten der Amseln. Der Sprosser probt sein Nachtigallenlied. Spechte trommeln. Irgendwo ruft ein Kauz. Mücken surren über dem Wasser, das den hellen Sommerhimmel spiegelt. Der Wald von Soomaa spricht viele Sprachen.

Wenn Indrek Vainu schweigend durch die Wildnis des estnischen Nationalparks paddelt, horcht er aufmerksam, ob sich im Halbdunkel des Waldes ein unbekanntes Geräusch abhebt. Durch den Nationalpark streifen noch immer Bären, Wölfe und Luchse. Direkt vor Vainus Kanu. Es ist ein Biber. «Das hier ist ihr Reich», sagt Vainu, nachdem das Kanu weiter fast lautlos in den Wald vorgedrungen ist. Er sagt:

«Sie sind die einzigen, die hier Bäume fällen sollten.»

Seit Jahren hat der Waldaktivist dokumentiert, wie rund um den Soomaa-Nationalpark und in anderen Teilen Estlands selbst in Schutzgebieten grosse Flächen kahlgeschlagen wurden.

Vainu lebt zurückgezogen im Wald

Wären die Biber die einzigen, die in den estnischen Wäldern die Bäume fällen, Indrek Vainu wäre heute wohl kaum einem ausserhalb von Soomaa bekannt. Unter den wenigen Einheimischen mag der Aussteiger als Sonderling gelten, der, wie er selbst sagt, «wie eine Art unter vielen des borealen Walds» zurückgezogen mit seiner kleinen Familie in einer selbstgebauten Hütte lebt.

Weil er sich aufgrund der fortschreitenden Kahlschläge in Estland immer wieder mit der Holzindustrie und der Politik anlegt, ist Vainu inzwischen einer der bekanntesten Waldaktivisten des Landes und wurde mehrfach bedroht. «Die Leute denken, ich bin der radikalste in Estland», sagt er, «Das bin ich nicht. Wir haben nur keine Zeit mehr für Höflichkeiten.»

Der Natur-Tourismus wird unter den Rodungen leiden.

Der Natur-Tourismus wird unter den Rodungen leiden.

Karl Ander Adami

Laut der europäischen Umweltorganisation FERN und Greenpeace wurden zwischen 2008 und 2018 in Estland etwa 8000 Hektar Waldflächen mit Schutzstatus gerodet. Die Tageszeitung Postimees gibt allein für die Grösse der zwischen 2001 und 2019 gerodeten Natura 2000-Wälder 15'000 Hektar an. Laut estnischer Naturschutzorganisationen hat die Intensität der Rodungen in den letzten drei Jahren noch zugenommen. Der Streit zwischen Umweltschützern und der Holzindustrie ist inzwischen zu einem regelrechten Kulturkampf angewachsen. In der Hauptstadt Tallinn kam es zuletzt immer wieder zu Demonstrationen. Vor allem in den Städten und an den Universitäten lehnen sich viele gegen den Kahlschlag auf.

Vom Banker zum Naturschützer

Indrek Vainu selbst kam vor fünfzehn Jahren aus Tallinn zum Paddeln in den Soomaa-Nationalpark. Der Psychologe und Wirtschaftsinformatiker arbeitete damals im Bereich Business Intelligence für eine führende Bank und hatte grosse Karrierepläne. Doch Soomaa liess ihn nicht mehr los. Er fand heraus, dass die Gegend, wo er gerade zum Paddeln war, einem Holzeinschlagunternehmen gehörte. «Ich habe denen ein Angebot gemacht und kurzerhand das Land gekauft.» 2017 gab der inzwischen Selbständige seine IT-Firma schliesslich ganz auf und zog sich ganz in den Wald zurück.

Gemeinsam mit anderen Aktivisten setzt sich Vainu für einen Stopp des Kahlschlags ein. «Die Behörden geben an, dass alles unter den bestehenden Auflagen geschieht», sagt Vainu. «Tatsächlich kann das kaum jemand überprüfen und das macht sich die Industrie zunutze.» Zudem sei die Argumentation von Politikern und der Holzindustrie, die Kahlschlagflächen wieder aufzuforsten, eine Farce. «Du kannst einen Baum pflanzen, aber keinen Wald, schon gar kein über Jahrzehnte oder Jahrhunderte gewachsenes Ökosystem.»

Die neuen Pflanzungen seien häufig Fichten-Monokulturen, die verschiedenen Schädlingen und dem Klimawandel kaum gewachsen seien. Naturschützer sehen hinter den Rodungen reine Profitgier und die Zerstörung des Lebensraums bedrohter Arten. Vainu wirft skandinavischen und estnischen Unternehmen wie korrupten Politikern vor, Daten zu Rodungen zu manipulieren. In den letzten Jahren wurden von Naturschutzverbänden mehrere Klagen eingereicht.

Immer mehr Aktivisten wehren sich gegen den Kahlschlag in Estlands Wäldern.

Immer mehr Aktivisten wehren sich gegen den Kahlschlag in Estlands Wäldern.

Karl Ander Adami

Im Juni forderte die Europäische Kommission Estland auf, die EU-Habitats-Richtlinien insbesondere beim Holzeinschlag in Natura-2000-Gebieten einzuhalten. «Es geht dennoch weiter», sagt Vainu. «Die Behauptung des Umweltministeriums, dass die estnischen Gesetze unsere Wälder gut schützen, ist nicht wahr.»

Das Land der Bären ist bedroht

In Alutaguse im Nordosten Estlands wandert Bert Rähni durch einen lichten Espenwald. «Solche Orte lieben die Flughörnchen», sagt der Veranstalter für Naturreisen, «um sie zu sehen, muss man aber nachts unterwegs sein.» Die Nager gleiten mit ihrer ausgespreizten Flughaut bis zu 35 Meter von Baum zu Baum. Rähni bietet spezielle Touren an, um die Tiere zu beobachten. «Sie sind in letzter Zeit sehr selten geworden», sagt er. Neben Russland kommen sie in Europa nur noch in Finnland und Estland vor. Die Rodungen von alten Wäldern setzen der Art besonders zu. Sie gilt auf der roten Liste Estlands inzwischen als vom Aussterben bedroht.

Im Schlamm hat Rähni eine frische Bärenspur entdeckt. Der Naturführer reagiert jedoch gelassen. «Bärenangriffe sind hier sehr selten und wenn, dann nur bei Jagdunfällen oder wenn man zwischen eine Bärin und ihre Jungen gerät.» Für Wanderer gehe keinerlei Gefahr aus. «Die Toleranz für Bären ist hier sehr hoch.» In Estland leben mehr als 800 Braunbären. Nirgendwo sonst in Europa gibt es eine dichtere Population. Die Tiere zogen vor der Pandemie eine wachsende Zahl an Touristen an.

Gewarnt wird schon seit Jahren

Bereits 2017 hatten mehr als 30 Reiseveranstalter und Tourismusunternehmen einen offenen Brief an das Umweltministerium geschrieben. «Die ständig fortschreitenden Abholzungen widersprechen dem internationalen Bild Estlands als ein Land unberührter Natur und geschützter Wälder», heisst es darin, «theoretisch stehen 26 Prozent unter Schutz, aber in Wirklichkeit wird täglich in unseren Nationalparks gerodet.» Noch aber kommen die Bären regelmässig auf Rähnis Lichtung.

Auch für Rähnis kleines Unternehmen NaTourEst ist die Situation bereits zur Bedrohung geworden. Eigens für die Bärenbeobachtung bietet er Übernachtungen in einer Hütte an einer Lichtung an. Der Wanderpfad dorthin führt durch einen dichten Nadelwald. Am Wegrand streuen Lichtnelken, Storchschnabel und Baldrian Farbe ins Grün. Um sie flattern bunte Schmetterlinge. Irgendwann steht Rähni vor einer Kahlschlagfläche. Abgehackte Baumstümpfe zeugen davon, dass hier vor nicht allzu langer Zeit Kettensägen am Werk waren. «Die Rodungen könnten fast bis zu unserer Bärenhütte weitergehen, weil dies hier kein Schutzgebiet ist.»

Inzwischen hat Rähni in einem anderen Teil von Alutaguse zwei weitere Hütten aufgestellt und 86 Hektar darum aufgekauft. «Wir nutzen aber nur zwei Hektar für unsere Aktivitäten», sagt er, «der Rest bleibt sich selbst überlassen.» Er hofft, dass der estnische Wald weiter Heimat von Braunbären, Auerhähnen und Flughörnchen bleibt. «Ohne sie kommen keine Touristen hierher», sagt er, «sie sind der wahre Wert des Waldes.»

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