Der Ort war nicht zufällig gewählt. Das neue, demnächst operative Paketzentrum in Cadenazzo im Tessin, am Fusse des Monte Ceneri, diente Roberto Cirillo als Kulisse, um seine 100-Tage-Bilanz zu ziehen. Genau genommen: seine 140-Tage-Bilanz. Denn der 48-jährige Tessiner ist mittlerweile seit 20 Wochen als neuer Konzernleiter der Post aktiv. Bisher war er öffentlich noch nicht in Erscheinung getreten.

Doch nun hat er mit seinem Auftritt im Tessin einen Pflock eingeschlagen und allein schon durch den Ort ein Bekenntnis zu Dezentralisierung und zu den Randregionen abgelegt. In 40 Minuten trug er sein Manuskript vor. Seine Botschaft: «Die Post muss sich bewegen, wenn sie auch in zehn Jahren die Grundversorgung ohne Steuergelder finanzieren soll.»

Die Erwartungen an Cirillo sind gross. Von Seiten der Bevölkerung, aber auch von Seiten der 42 000 Angestellten. Denn die Post hat schwierige Zeiten durchlebt, vor allem nach Bekanntwerden des Postauto-Skandals von 2018, in deren Folge Ex-Chefin Susanne Ruoff den Hut nahm. Cirillo verschwieg dies nicht: «Die Vorkommnisse im Jahr 2018 um Postauto haben das Vertrauen in die Post erschüttert.»

Poststellen besucht und Chauffeure begleitet

Doch was hat der neue Konzernchef bisher getan? Er hat sich vor allem ein Bild des Istzustandes des Unternehmens gemacht, mit Mitarbeitenden in der ganzen Schweiz und in allen Bereichen gesprochen, Poststellen, Paket- und Briefzentren besucht, sowie Briefträger und Postauto-Chauffeure begleitet. «Ich habe eine moderne und innovative Post entdeckt», so sein Fazit. Auch einige Entscheide listete er aus seiner bisherigen Amtszeit auf: die Konzentration auf ein zukunftsträchtiges E-Voting-System, eine Lösung für Carpostal France und den Abschluss von Verhandlungen mit den Sozialpartnern für die Arbeitszeiterfassung im Logistikbereich.

Der neue Postchef zeigte sich elegant und perfekt dreisprachig – Deutsch, Französisch und Italienisch. Doch die Zukunftsvisionen blieben nebulös. «Wir müssen relevant bleiben für die Menschen und die Unternehmen in der Schweiz», formulierte er etwa als Ziel. Eine Arbeitsgruppe mit Mitarbeitern zwischen 20 und 30 Jahren, die nicht zwingend dem Kader angehören, soll an einer Zukunftsvision arbeiten.

Derweil drücken natürlich die Finanzen. Klassische Bereiche wie die Briefpost werden weiter an Bedeutung verlieren. Und Quersubventionierungen sind im Zeitalter der Negativzinsen ebenfalls passé. «Postfinance wird der Post kein Geld mehr liefern für absehbare Zeit», so Cirillo wörtlich. Die Folge: Die Post wird «den Gürtel vorübergehend etwas enger schnallen müssen». Das Gesamtinvestitionsvolumen für 2020 müsse man in Einklang mit dem für 2019 zu erwartenden Resultat bringen, «denn wir wollen nicht mehr Geld ausgeben, als wir einnehmen.»

Syndicom wertet erste Signale positiv

Der CEO glaubt an neue Geschäftsfelder, vor allem im Bereich der Logistik, etwa im Angebot von Dienstleistungen bei der Feinverteilung auf der letzten Meile oder auch für «Logistik ohne Verpackungsmaterial.» Nicht zuletzt hat Cirillo in Cadenazzo ein Bekenntnis zum Service Public abgelegt, er will Frauen und auch Menschen mit Behinderungen fördern, er nimmt die Sozialpartnerschaft ernst und will stabile Löhne. Er will näher zu den Kunden: «Wir befreien die Filialen von Panzerglas und Gitter.»

So erstaunt es nicht, dass bei der Gewerkschaft Syndicom die Linie des neuen Postchefs prinzipiell gut ankommt. «Die ersten Signale sind positiv», sagt Sprecher Christian Capacoel. Cirillo strebe einen Kulturwandel an. «Doch er muss jetzt beweisen, dass er diesen über die gesamte Post durchsetzen kann, auch auf Kaderebene.» Zudem müssten viele Versprechungen an der Realität gemessen werden, so werde etwa das Bekenntnis zur Sozialpartnerschaft bei der anstehenden Erneuerung des Gesamtarbeitsvertrags zu einem Prüfstein. Erst dann sehe man, ob es Cirillo ernst meine.