Familienpolitik

Neuer Röstigraben: Kinder spalten die Gesellschaft

Neuer Röstigraben: Die Familien gegen die Kinderlosen.

Neuer Röstigraben: Die Familien gegen die Kinderlosen.

Die Eltern auf der einen Seite – die Kinderlosen auf der anderen. Die beiden Lebensmodelle haben immer weniger Berührungspunkte.

Sie seien die überschätzteste menschliche Spezies, würden glorifiziert und überall unterstützt. So echauffierte sich der Wirtschaftsjurist Peter V. Kunz kürzlich in einer Kolumne in dieser Zeitung über Eltern. Er – selbst kinderlos – wollte damit auf die Benachteiligung der Kinderlosen, die den Nachwuchs der anderen mitfinanzieren und sich für ihre Kinderlosigkeit auch noch erklären müssten, aufmerksam machen. Seine Aussagen schlugen hohe Wellen. Zahlreiche Leserbriefe erreichten die Redaktion, und auch Herr Kunz erhielt etliche Reaktionen.

Bisher sind es tatsächlich die Eltern beziehungsweise die Familien, für die sich Politiker gerne starkmachen. Wie Peter V. Kunz schrieb: Eltern und Kinder gelten a priori als gut. Wenn nun wie im Fall von Kunz auch die Kinderlosen aufstehen und ihrerseits für mehr Rechte plädieren, dann bedeutet das: Das Haben oder Nicht-Haben von Kindern teilt die Bevölkerung in zwei eigenständige Gesellschaftsgruppen. Und diese beiden trennt ein wachsender Graben voll Unverständnis für die jeweils andere Seite.

Bemitleidet oder beneidet

Hier die Eltern, die im Extremfall alles für den Nachwuchs tun, ihn zum Lebensprojekt erkoren haben, von nichts anderem mehr sprechen und die Kinderlosen skeptisch oder gar mitleidig beäugen. Dort die Kinderlosen, die sich oft bewusst gegen eine Familie entschieden haben, die meist viel arbeiten, Hobbys pflegen, ab und zu Patenkinder hüten aber sonst nur zufällig mit Kindern in Kontakt kommen.

Während Eltern glorifiziert und von Staat und Politik unterstützt werden, ernten Kinderlose nur Geringschätzung, kritisiert Jurist Peter Kunz.

Während Eltern glorifiziert und von Staat und Politik unterstützt werden, ernten Kinderlose nur Geringschätzung, kritisiert Jurist Peter Kunz.

Die Eltern nehmen sich oft als störender Faktor wahr, wenn sie in der Öffentlichkeit mit ihren Kindern unterwegs sind. Die Kinderlosen haben das Gefühl, sie müssten sich für ihre Kinderlosigkeit rechtfertigen, und sehen die Eltern als Marionetten des an die Macht gelangten Nachwuchses.

Dass es zwischen den beiden Gruppen Konflikte gibt, beobachtet auch der Familiensoziologe Klaus Preisner von der Universität Zürich. Die kontroverse Sichtweise rühre wohl daher, dass Familie heute eine bewusste Entscheidung sei, sagt Preisner. Einst gab es eine einheitliche Familienideologie. In der Nachkriegszeit herrschte Einigkeit darüber, dass man früh heiratet und Kinder bekommt. «Auch», so Preisner, «wenn es damit längst nicht allen gut ging. Es wurde nicht hinterfragt.» Kinderlose Frauen wurden diskriminiert, nicht selten als alte Jungfer abgestempelt.

Heute ist das anders. Kinder bekommen ist in unserer Gesellschaft eine bewusste Entscheidung. Meist genauso die Entscheidung gegen Nachwuchs. «Man trifft vermeintlich eine sehr rationale Entscheidung und glaubt natürlich, man hat recht», erklärt der Soziologe. Diese neugewonnen Freiräume und Lebensmodelle führen gleichzeitig zu einem Legitimationszwang gegenüber sich selbst und den anderen.

Kinder werden mehr beachtet

Nun gut, aber woher kommen die Missgunst und Verständnislosigkeit der beiden Seiten? Eine Antwort könnte darin liegen, dass die Kinder immer mehr Raum in unserer Gesellschaft einnehmen. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es proportional zwar mehr Kinder. «Sie prägten das Strassenbild, aber man hat sie nicht beachtet», sagt Preisner. Sie liefen einfach mit, wurden grossgezogen. Quasi nebenher. Der bekannte Generationenforscher François Höpflinger sagte einmal im Gespräch mit dieser Zeitung: «Weil Eltern nicht mehr so viele Kinder haben wie früher in Grossfamilien, erwarten sie viel vom Nachwuchs, investieren viel. In der Sprache der Ökonomie könnte man sagen: Qualität statt Quantität.»

Heute wird den Kindern mehr Raum zugestanden, darum seien sie auch sehr dominant, meint Preisner. Der Familiensoziologe von der Universität Zürich bringt ein Beispiel: Früher sollten Kinder an Partys Rücksicht auf die Erwachsenen nehmen. Heute müsse man auf die Kinder Rücksicht nehmen. Schliesslich bringt man seinen Nachwuchs heute auch überall hin mit. Es traut sich kaum jemand, bei einer Hochzeitseinladung zu schreiben, dass die
Feier am Abend ohne Kinder stattfinden soll. Eltern fühlen sich schnell angegriffen, wenn der Nachwuchs nicht willkommen ist. Und wenn Kinderlose sich durch rumrennende Kleinkinder im Restaurant stören, argumentieren Eltern damit, dass man die Kinder nicht in der freien Entfaltung, in ihrem Spieltrieb und ihrer Bewegung einschränken sollte.

Eltern verbringen heute mehr Zeit mit ihren Kindern. Gemäss Preisner verbringen sie sogar doppelt so viel Zeit mit ihnen wie noch vor 30 Jahren. Und das führt eben dazu, dass Kinder oft an Orte mitgenommen werden, die nicht wirklich für sie geeignet sind. Oder sagen wir: Orte, an denen Eltern auf Kinderlose treffen. Etwa im Kaffee.

Kinderlose hingegen wollen nicht immer um Kinder sein und verhalten sich deshalb oft intolerant oder genervt. Wie war das früher? Wahrscheinlich haben Kinder weniger genervt, weil sie weniger dominant auftraten. Und weil sie eben überhaupt weniger mit dabei waren. Bloss: Zu Hause blieb früher die Mutter, der Vater konnte in Ruhe seine ausserfamiliären Engagements verfolgen. Heute wollen beide raus und treffen da auf andere Erwachsene, die im Umgang mit Kindern nicht mehr vertraut sind.

Preisner, der selbst Vater ist, rät, dass beide Allianzen locker bleiben sollten. Menschen fühlten sich per se schnell belästigt, auch an Orten, wo mit Störungen zu rechnen ist. Er selbst findet es gut, wenn das Kind einmal nicht dabei ist. Das sei auch heute gut möglich. Familie werde überhöht, zu positiv dargestellt. «Eltern glauben völlig unreflektiert, dass sie die beste Person für ihr Kind sind», sagt Preisner.

Wir winken uns noch zu

Wir müssten lernen, damit umzugehen, dass es neue Lebensmodelle gebe, sagt der Familiensoziologe. Auch, dass eine grosse Gruppe ohne Kinder lebt. Seit 1970 hat die Zahl der Haushalte mit Kindern deutlich abgenommen: Während damals 70  Prozent der Bevölkerung in einem Haushalt mit Kind lebten, sind es heute nur noch 57  Prozent. Seit dem Jahr 2000 stagniert diese Entwicklung jedoch.

Preisner ist überzeugt, dass sich das einspielen wird: Zwei Lebensmodelle, beide mit gleicher Berechtigung, und immer weniger Berührungspunkten: Es gibt Hotels für Familien, Restaurants für Familien, Familienwagen im Zug. Kinder spielen auf perfekt gebauten Spielplätzen, statt auf der Strasse.

Preisner benutzt ein schönes und plausibles Bild: «Der Graben wird grösser. Aber man schiesst nicht rüber. Es wird mehr Subkulturen geben, die aber friedlich auf der anderen Seite sitzen. Man winkt und grüsst, hat aber nicht viel miteinander zu tun.»

Eines will Preisner noch klargestellt haben: Dass Berechnungen angestellt werden, wer wie viel für wen zahlt, findet er fragwürdig. Solche Rechnungen seien hoch komplex, und Vergleiche daher meist unseriös. Ihm fällt die Fokussierung auf Effizienz auf: «Zu fragen, wo man etwas einsparen kann und wer profitiert und wer nicht, ist eine zeitgenössische Frage.» Jeder meine schnell, er werde benachteiligt, ganz unabhängig davon wie gut es einem gehe.

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