Fall Adeline
«Nicht jeder Vergewaltiger ist zu jedem Zeitpunkt gleich gefährlich»

Sozialtherapeutin Adeline M. hat den Vergewaltiger Fabrice A. alleine zur Therapie begleitet – jetzt ist sie tot. Ein Experte erklärt, wieso es teilweise verantwortbar sei, dass eine Therapeutin alleine mit einem Vergewaltiger unterwegs ist.

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Mutmasslicher Täter: Fabrice A.

Mutmasslicher Täter: Fabrice A.

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Die Reaktionen auf den Tod der 34-jährigen Adeline M. sind emotional. Für grosses Unverständnis sorgt vor allem die Tatsache, dass die Therapeutin den verurteilten Vergewaltiger Fabrice A. alleine zur Therapie begleitet hatte. Josef Sachs ist Chefarzt Forensik der Klinik Königsfelden.

Er beschäftigt sich tagtäglich mit psychisch kranken und suchtkranken Straftätern. Für ihn ist es in gewissen Fällen verantwortbar, dass ein Vergewaltiger, der zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, alleine mit seiner Therapeutin unterwegs sei: «Etwa bei Personen, die als nicht gefährlich eingestuft werden», so Sachs gegenüber «Blick.ch».

Es gebe aber eine extreme Spannbreite, deshalb müsse man immer den Einzelfall betrachten. Nach Meinung von Sachs ist es unerlässlich, eine individuelle Risikoeinschätzung zu machen: «Nicht jeder Vergewaltiger ist zu jedem Zeitpunkt gleich gefährlich.»

Doch wie konnte es passieren, dass A. so falsch eingeschätzt worden war? «Gerade bei Vergewaltigern wird das Risiko oft auch von Fachleuten unterschätzt», erklärt der Chefarzt. Es könne sein, dass sich eine Person jahrelang unauffällig verhalten habe und dann plötzlich rückfällig werde. «Je nach Umfeld, in dem sich diese Menschen aufhalten, kann das Risiko steigen oder sinken.»

Dabei sage äusserlich korrektes Auftreten allei noch nichts über die innere Wandlung eines Menschen aus. Besonders bei weiblichen Begleitpersonen sei deshalb besondere Vorsicht geboten: «Gerade Vergewaltiger werden von Frauen oft falsch eingeschätzt. Auch weil die Männer sehr charmant sein können», so Sachs.

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