Gottfried Locher

Nun spricht die Frau, die die Vorwürfe gegen den obersten Protestanten aufzuklären half

Sabine Brändlin war an der Aufarbeitung von Vorwürfen gegen Gottfried Locher beteiligt. Am Ende kostete ihr dies die Karriere in der Kirche.

Sabine Brändlin war an der Aufarbeitung von Vorwürfen gegen Gottfried Locher beteiligt. Am Ende kostete ihr dies die Karriere in der Kirche.

Pfarrerin Sabine Brändlin hatte an der Aufarbeitung der Vorwürfe gegen Gottfried Locher mitgearbeitet. Dies kostete ihr am Ende die Karriere: Im April trat sie Knall auf Fall von der Kirchenspitze zurück und geriet selbst in die Kritik, weil sie mit dem obersten Protestanten eine Affäre gehabt hatte. Nun nimmt sie erstmals Stellung.

Nun lässt sich Sabine Brändlin erstmals verlauten. Die Baselbieter Pfarrerin war Ende April Knall auf Fall aus dem Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz zurückgetreten. Die Umstände blieben zwar grösstenteils im Dunkeln. Klar war jedoch schon früh: Mitgespielt haben Vorwürfe gegen den obersten Reformierten, Gottfried Locher. Er soll Frauen gegenüber Grenzen verletzt haben. Brändlin war kirchenintern an der Aufarbeitung der Anschuldigungen beteiligt.

Nun werden erstmals die Hintergründe bekannt, warum die Pfarrerin ihr Amt an der Kirchenspitze aufgegeben hat: Grund für den Rücktritt war demnach, dass die Kirchenspitze offenbar weder Locher suspendieren, noch die Untersuchung gegen ihn kommunizieren wollte. Dies heisst es in einem Brief, den der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg an alle Synodalräte geschickt hat. Im Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt, erklärt Weber-Berg Brändlins Sicht – in Absprache und nach mehreren Gesprächen mit ihr.

Eine Erklärung vor dem Kirchenparlament wurde ihr verweigert

Der Hintergrund: Brändlin hatte gemeinsam mit Rats-Vize Esther Gaillard die Vorwürfe gegen Locher zu untersuchen begonnen und externe Fachstellen eingeschaltet. Dies geschah ohne Wissen der übrigen Kirchenspitze und mit Folgekosten von rund 200'000 Franken. Aufgrund der Vorfälle sei es für Brändlin unumgänglich gewesen, dass eine externe Untersuchung eingeleitet, der oberste Reformierte suspendiert und darüber kommuniziert werde. Der Rat konnte sich offenbar nicht zu allen diesen Schritten durchringen. Brändlin sei deshalb zurückgetreten, heisst es im Brief. Brändlins Ex-Kollegen in der Kirchenexekutive hatten am Montag anders kommuniziert: Sie teilten mit, Brändlin sei ratsintern wegen mangelnden Vertrauens zum Rücktritt aufgefordert worden, als bekannt wurde, dass sie selbst bis im vergangenen Oktober eine Affäre mit Locher gehabt hatte. Diese war verheimlicht worden. Gerüchte darüber waren 2018 abgestritten worden, damit Lochers Wiederwahl nicht gefährdet war.

Auch zum Umstand, dass Brändlin selbst an der Untersuchung gegen Locher beteiligt war, obwohl sie bis kurz zuvor eine Beziehung zu ihm hatte, finden sich im Brief Äusserungen: Brändlin sei sich zwar der schwierigen Konstellation bewusst gewesen. Es sei aber einerseits darum gegangen, mögliche Risiken für andere Frauen zu verringern. Und andererseits habe die betroffene Ex-Angestellte der Kirche, die die Grenzverletzungen anzeigte, „in den vergangenen Jahren bei mehreren Personen Hilfe gesucht“, offenbar ohne Erfolg.

Diese Sicht hätte Brändlin offenbar gerne selbst dem Kirchenparlament vorgetragen, heisst es im Brief Weber-Bergs. «Das Präsidium der Synode hat aber ihre Bitte abgelehnt.» Dass ihre Beziehung mit Locher «der Ratsarbeit nicht zuträglich war», wird im Schreiben ebenfalls eingeräumt. Brändlin habe sich bei der Synode dafür «entschuldigen» wollen. Doch die Gelegenheit dazu erhielt sie nicht. Sie sei vom Synodebüro auf den Herbst vertröstet worden.

Wichtig sei, so heisst es im Brief, dass nicht die Beziehung im Fokus stehe, sondern «die Beschwerde der ehemaligen Angestellten, das Verhalten des ehemaligen Ratspräsidenten und der Umgang des Rates mit der Beschwerde. Brändlin habe sich der Beschwerde angenommen, obwohl ihr das persönliche Risiko bewusst gewesen sei. Vor ihrem Rücktritt war sie die Hoffnungsträgerin der Progressiven in der Kirche. Das Ja zur "Ehe für alle» der Kirche Ende 2019 war massgeblich auf ihr Wirken zurückzuführen.

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