ÖFFENTLICHER RUNDFUNK
Belästigungsaffäre in Genf: SRG-Direktor Gilles Marchand scheint seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen

In einer Woche will die SRG über die Fälle von Belästigungen und Mobbing in Genf informieren. Für die Zukunft von SRG-Chef Gilles Marchand sah es düster aus. Nun kann er sich aber offenbar retten.

Francesco Benini
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Sein Stuhl wackelte: SRG-Generaldirektor Gilles Marchand.

Sein Stuhl wackelte: SRG-Generaldirektor Gilles Marchand.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Muss Generaldirektor Gilles Marchand abtreten? Die Frage beschäftigt die SRG seit Oktober vergangenen Jahres. Die Zeitung «Le Temps» machte publik, dass Angestellte des öffentlichen Radios und Fernsehens in Genf von ihren Vorgesetzten belästigt und gemobbt worden waren. Marchand war in der Westschweiz Direktor des Rundfunks von 2001 bis 2017; dann stieg er an die Spitze der SRG auf.

Ende kommender Woche wird die SRG nun darüber informieren, was die Untersuchungen über die Fälle von Belästigung ergeben haben. Das bestätigt der SRG-Sprecher Edi Estermann auf Anfrage.

Die Unruhe im Medienhaus Tamedia hilft Marchand

Die SRG gab drei Untersuchungen in Auftrag: Was ist in Genf vorgefallen? Waren die Instrumente zur Meldung von Übertretungen ausreichend?

Und drittens: Reagierten die Vorgesetzten angemessen auf die Klagen aus der Belegschaft? Sprachen sie die richtigen Sanktionen aus? Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind entscheidend für die Frage, ob Marchand zurücktreten muss oder nicht.

Gesicherte Erkenntnisse waren nicht zu gewinnen. Der Verwaltungsrat der Radio- und Fernsehgesellschaft schweigt. Gespräche mit Beobachtern lassen aber vermuten, dass Generaldirektor Marchand seinen Kopf aus der Schlinge zieht.

Das wäre eine Überraschung, denn es sah nicht eben gut aus für ihn: Die Gewerkschaft SSM erklärte, sie könne belegen, dass Marchand über gravierende Fälle von Belästigung im Bild gewesen sei; der Direktor hatte hier Unwissen vorgeschützt. Und Fehlbare wurden in Genf wegbefördert statt zurückgestuft oder entlassen.

Wenn sich Marchand trotzdem hält, muss es damit zusammenhängen, dass die Ergebnisse der Untersuchung für ihn weniger schlecht sind als erwartet. Und es gibt weitere Faktoren, die für ihn sprechen könnten. Eine Insiderin sagt:

«Die Zeit hat für Marchand gearbeitet.»

Was meint sie damit? Anfang März schrieben 78 Journalistinnen des Medienhauses Tamedia einen offenen Brief an die Unternehmensleitung, in dem sie einen sexistischen Umgang mit Mitarbeiterinnen kritisierten. Respektlosigkeiten und Übertretungen gegenüber Frauen waren damit nicht mehr das alleinige Problem der SRG – sondern der Medienbranche.

Bundesrätin Sommaruga zürnte — das scheint vorbei

Anfang März hätten die Untersuchungen zu den Fällen in Genf bereits vorliegen sollen. Bei der Genfer Anwaltskanzlei, die Befragungen durchführte, machten aber viel mehr Angestellte von RTS eine Aussage als angenommen – es waren schliesslich 230. Darum verzögerte sich die Fertigstellung des Berichts. Das nützte Gilles Marchand.

Dem SRG-Verwaltungsrat wurde auch bewusst, dass es schwer wäre, einen guten Nachfolger für ihn zu finden. SRF-Direktorin Nathalie Wappler wurde zwar verschiedentlich genannt; sie hat aber bei Schweizer Radio und Fernsehen grosse Reformen angestossen. Deren Umsetzung wird Jahre dauern. In dieser Zeit wäre ein Wechsel auf der Chefposition nicht ideal.

Lässt den SRG-Chef offenbar davonkommen: Medienministerin Simonetta Sommaruga.

Lässt den SRG-Chef offenbar davonkommen: Medienministerin Simonetta Sommaruga.

KEYSTONE

Und Medienministerin Simonetta Sommaruga? Sie erklärte im vergangenen Herbst: «Die SRG hat eine Vorbildfunktion, und es gehört zur Verantwortung der Unternehmensleitung, sexuelle Belästigung zu verhindern.» Das war eine deutliche Stellungnahme. Nun scheint Sommaruga aber damit einverstanden, dass sich Marchand Asche aufs Haupt streut und verspricht, dass sich die Betriebskultur in den Unternehmenseinheiten der SRG ändern werde.

Beim Schweizer Fernsehen kommt das nicht gut an. Spricht man mit SRF-Angestellten, wird klar, was die vorherrschende Meinung ist: Gilles Marchand soll als SRG-Chef abtreten.

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