Wahlen 2019

Öko-Welle massiv unterschätzt: Umfrage-Flop bei Grünen, SP und SVP

Freut sich, dass Politologe Hermann mit seinen Prognosen so daneben lag: Grünen-Parteipräsidentin Regula Rytz.

Freut sich, dass Politologe Hermann mit seinen Prognosen so daneben lag: Grünen-Parteipräsidentin Regula Rytz.

Die Prognosen unterschätzten das Ausmass der Veränderungen. Entgegen den Hoffnungen stieg die Wahlbeteiligung nicht über die Marke von 50 Prozent.

«Muss Michael Hermann jetzt zurücktreten?» Der Tweet eines «WoZ»-Journalisten an die Adresse des Umfrage-Papstes war wohl nicht ernst gemeint, doch er bekam zahlreiche Likes, einen auch von SP-Kampagnenspezialist Marco Kistler. Sämtliche nationalen Umfragen - die von Hermann für die SRG, aber auch jene von LeeWas für Tamedia - lagen in drei Punkten auffällig stark daneben:

  • Sie unterschätzten die Wucht der grünen Welle. Die Grünen gewannen fast 6 Prozentpunkte, vorausgesagt wurden etwa in der letzten SRG-Umfrage nur plus 3,6 Prozent.
  • Sie unterschätzten die Verluste der SVP, die 3,6 Prozentpunkte einbüsste. Im SRG-Wahlbarometer war die Volkspartei mit minus 2,1 Prozent glimpflicher davongekommen.
  • Sie sahen die SP-Niederlage nicht kommen: Bis zuletzt gaben die Umfragen an, dass der grüne Vormarsch kaum auf Kosten der Roten gehen würde – effektiv aber büssten die Sozialdemokraten 2,2 Prozent ein.
  • Michael Hermann, der mit seinem Forschungsinstitut Sotomo für die SRG und Tamedia nationale Umfragen durchführte, räumte gestern Abend gegenüber der Redaktion von CH Media ein, dass es überraschende Abweichungen gab, doch er relativiert: «Beim Gesamtanteil von Rot-Grün lagen wir gut. Verschiebungen innerhalb eines Lagers sind immer schwer zu beurteilen», sagt Hermann.

Dass die Grünen besser mobilisiert hätten als prognostiziert und dass viele SP-Sympathisanten zu Hause geblieben seien – davon geht Hermann nicht aus: «Es gab innerhalb der linksgrünen Seite einfach mehr Wechselwähler als angenommen», sagt er. «Vor allem bei der jungen Generation schnitten die Grünen sensationell ab.»

Überrascht über das Abschneiden der CVP

Für Politgeograf Hermann ist das Abschneiden der CVP am überraschendsten. Noch vorgestern sagte er in der «Schweiz am Wochenende», es werde bei den Christdemokraten wohl lange Gesichter geben. In den Umfragen schwankte die CVP um die 10-Prozent-Marke, effektiv hat sie sich nun aber stabilisiert (bei gut 11 Prozent).

Das hatte kein Umfrageinstitut auf der Rechnung, auch Sotomo nicht. «Die CVP schnitt unerwartet ab», sagt Michael Hermann. Auch CVP-Präsident Gerhard Pfister wies in der Elefantenrunde von SRF darauf hin, dass seine Partei besser abschnitt als vorhergesagt.

Und noch ein Irrtum unterlief Politologen, aber auch Medien und Politikern: Die Wahlbeteiligung war weit weg von den erhofften 50 Prozent. Im Jahr der Klima- und Frauenstreiks könnte sie erstmals seit 1975 wieder über diese Marke steigen, hiess es im Wahlkampf immer wieder.

Effektiv lag sie gemäss Hochrechnungen nun bei gut 47 Prozent, was gegenüber den Wahlen 2015 sogar ein Minus bedeutet (siehe Grafik). Michael Hermann sagt dazu: «Die 50 Prozent waren eine Fabelhoffnung.» Vor allem auf dem Land sei eine schwache Beteiligung absehbar gewesen.

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