Katholische Kirche

Päpstliche Charmeoffensive gegenüber Homosexuellen: Schwule Seelsorger reagieren skeptisch

Der Papst mit neuen Tönen zum Thema Homosexualität.

Der Papst mit neuen Tönen zum Thema Homosexualität.

Die kirchliche Lehre taxiert homosexuelle Handlungen als unnatürlich. Jetzt äussert sich Papst Franziskus in einem neuen Dokumentarfilm positiv zu eingetragenen Partnerschaften. Der Verein «Schwule Seelsorger Schweiz» dämpft aber die Hoffnungen auf eine kirchenrechtliche Revolution

Eigentlich hat Franziskus im neuen Dokumentarfilm «Francesco» etwas Selbstverständliches gesagt: «Niemand sollte wegen seiner sexuellen Ausrichtung ausgeschlossen sein oder unglücklich werden.» Das Recht auf eingetragene Partnerschaften begrüsst der Papst explizit.

Da der Katholischen Kirche nicht der Ruf vorauseilt, eine homophile Organisation zu sein, sorgen die Worte des argentinischen Oberhirten rund um den Globus für Schlagzeilen. Franziskus hatte bereits früher mit einer anderen Selbstverständlichkeit verblüfft: Er wolle nicht über Schwule urteilen wegen derer sexuellen Orientierung.

Der Schwulendachverband Pink Cross taxiert die jüngsten päpstlichen Worte auf Twitter als «wichtigen Fortschritt» und schreibt:

Ein solches scheint aber in weiter Ferne. Der gleiche Franziskus qualifizierte die Ehe für alle auch schon als «anthropologischen Rückschritt». Als sein Heimatland Argentinien 2010 die Ehe für alle einführte, geisselte er – damals als Kardinal – die gleichgeschlechtliche Partnerschaft als «Schachzug des Teufels».

Pink-Cross-Co-Präsident Michel Rudin sind die widersprüchlichen Stellungnahmen nicht entgangen. Er hofft dennoch, dass Franziskus’ aktuelle Äusserung zu einem freundlicheren Klima gegenüber Homosexuellen in der Katholischen Kirche beiträgt.

Kirche hält Homosexualität für unnatürlich

Das fände auch Bruno Fluder schön. Der Theologe und Sprecher des Vereins «Schwule Seelsorger Schweiz» (Adamim) traut dem Papst aber einen wirklichen Kurswechsel nicht zu. «Ich erwarte in dieser Hinsicht gar nichts von ihm.» Zum Beispiel nicht, dass er bald Segnungen von homosexuellen Paaren zulässt.

Oder dass er die katholische Lehre umschreibt. Der Katechismus hält fest, homosexuelle Handlungen seien widernatürlich und nicht in Ordnung. Homosexuelle seien zur Keuschheit gerufen. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hielt in seiner Zeit als Kardinal fest, Homosexualität sei eine «objektiv» ungeordnete Neigung. Auch Franziskus markierte schon den Hardliner. Männer mit tiefsitzender homosexuellen Tendenz sollten nicht Priester werden dürfen, forderte er.

In der Realität wirken jedoch überproportional viele schwule Männer in der Seelsorge. Gemäss Schätzungen sind es bis zu 40 Prozent. Viele leiden unter dieser Situation. Wenn sie offen zu ihrer sexuellen Orientierung stehen, riskieren sie ihren Job. Fluder selber quittierte im Jahr 2011 seinen Dienst als Pastoralassistent.

Für diese Aufgabe hatte er die sogenannten Missio, die bischöfliche Beauftragung. Die Missio darf aber nur haben, wer in einer kirchlich anerkannten Lebensform lebt, also im Zölibat oder in der Ehe zwischen Mann und Frau. «Für mich stimmte das nicht mehr», sagt Fluder. Heute leitet er das Bildungszentrum «Haus Gutenberg» im Fürstentum Liechtenstein.

Bischof Felix Gmür lehnt Segnung homosexueller Paare ab

Dass der frühere Churer Bischof Vitus Huonder einen Pfarrer rüffelte, der ein lesbisches Paar segnete, erstaunt niemanden. Der Umgang mit Homosexualität bereitet aber auch Bistümern Kopfzerbrechen, die als offen gelten. Das Bistum Basel rief vor drei Jahren den Arbeitskreis «Regenbogenpastoral» ins Leben, um Menschen mit allen ­sexuellen Orientierungen und unterschiedlichen Geschlechteridentitäten offiziell willkommen zu heissen.

Anfänglich mit von der Partie war auch Fluder. Als er Bischof Felix Gmür dazu motivieren wollte, Segnungen von homosexuellen Paaren offiziell zuzulassen, erhielt er eine Absage. Für Fluder ein Rückschlag. «Unserem Bischof liegt die Weiterentwicklung der Kirche sehr am Herzen», sagt dazu Bischofssprecher Hansruedi Huber.

Für gewisse Veränderungen von Normen könne er sich einsetzen, aber das geltende kirchliche Recht müsse er trotzdem gewährleisten. Der Verein Adamim organisiert – in aller Diskretion – weiterhin Segnungen homosexueller Paare. Das Bedürfnis dafür sei aber nicht riesig, sagt Fluder.

Derzeit zählt der 1996 gegründete ökumenische Verein rund 50 Mitglieder, die meisten sind katholische Priester. Es sei wichtig, dass sich die Betroffenen innerhalb des Vereins austauschen könnten, sagt Fluder.

Dass die Angst vor einem Outing weiterhin gross ist, beweist ein Blick auf die Website. Namen oder Adressen fehlen gänzlich. Die Statuten besagen, dass niemand geoutet werden darf. Fluder ist einer der wenigen, der den Verein aktiv repräsentiert.

Autor

Kari Kälin

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