Parlamentswahlen
Macrons Trauzeuge kandidiert für den Schweizer Sitz in Paris – was das über die französische Politik aussagt

Er hat noch nie in der Schweiz gelebt. Trotzdem kandidiert ein enger Freund von Emmanuel Macron für den Parlamentssitz der hier lebenden Französinnen und Franzosen. Das sorgt für Kritik.

Julian Spörri, Lausanne Jetzt kommentieren
Drucken
Brigitte Macron ist die Frau des französischen Präsidenten – bei der Heirat war Marc Ferracci Trauzeuge.

Brigitte Macron ist die Frau des französischen Präsidenten – bei der Heirat war Marc Ferracci Trauzeuge.

Bild: Yoan Valat / EPA

Über 148’000 wahlberechtigte Französinnen und Franzosen leben in der Schweiz und Liechtenstein. Sie sind in der 577-köpfigen Parlamentskammer Frankreichs mit einem eigenen Sitz vertreten, der am im Juni neu gewählt wird. Für Emmanuel Macron ist der Schweizer Sitz in Pars offenbar von hoher Bedeutung: Denn seine Partei «Renaissance» (früher: «La République en marche») schickt mit Marc Ferracci einen engen Freund des wiedergewählten Präsidenten ins Rennen.

Der 44-jährige Ferracci arbeitet als Wirtschaftsprofessor in Paris. Dies ist auch der Ort, an dem er während seines Studiums Macron kennengelernt hatte. Die beiden verbindet eine besondere Beziehung: Sie waren sich gegenseitig Trauzeugen an der Hochzeit. Ferraccis Ehefrau amtete bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2017 zudem als Kabinettschefin von Macrons Partei.

Ökonom Marc Ferracci.

Ökonom Marc Ferracci.

Bild: Sophie Ferracci

An guten Verbindungen in die französische Politik mangelt es dem Kandidaten aus Paris also gewiss nicht. Dafür offenbart sich ein anderes Manko: Ferracci hat noch nie hierzulande gelebt, wie er auf Anfrage bestätigt. «Bisher war ich nur freizeithalber in der Schweiz, zum Beispiel um Ski zu fahren», sagt der Ökonom. Er habe einer Kandidatur in erster Linie zugestimmt, um das politische Projekt von Macron voranzubringen.

Scharfe Kritik der Konkurrenz

Dass ein Kandidat ohne Bezug zur Region in einem Wahlkreis antritt, ist in der französischen Politik keine Seltenheit. Das Vorgehen wird gemeinhin als «Fallschirmabwurf» (frz. parachutage) bezeichnet. Die Parteizentrale aus Paris entscheidet dabei oftmals über lokale Befindlichkeiten hinweg, wer ins Rennen geschickt wird. Dies verdeutlicht, wie zentralistisch Frankreich tickt.

Im Fall von Ferracci sorgt die Kandidatur für scharfe Kritik. So spricht Claudine Schmid auf Twitter von einer «Demütigung» und einer «Missachtung unserer Demokratie». Die Vertreterin der republikanischen Partei besetzte den Schweizer Sitz in Paris von 2012 bis 2017.

Ferracci sieht in seiner Kandidatur kein Problem: «Entscheidend ist für die Wählerinnen und Wähler, dass jemand ihre Sorgen anhört und die Probleme lösen kann.» Darum werde er regelmässig in die Schweiz kommen und sich mit den Französinnen und Behördenvertretern vor Ort austauschen.

Der Ökonom zeigt sich überzeugt, dass er dank seiner Kontakte die Anliegen aus der Schweiz in Paris wie kein zweiter Kandidat voranbringen kann. «Ich weiss, an welche Türen ich klopfen muss», betont Ferracci. Er werde sich unter anderem für die Digitalisierung der französischen Verwaltung einsetzen, damit Dienstleistungen wie die Passbestellung aus dem Ausland getätigt werden könnten.

Aktueller Amtsinhaber sorgte für Skandal

Zurückhaltend gibt sich der 44-Jährige, wenn es um die Bilanz von Joachim Son-Forget, dem aktuellen Abgeordneten der Schweizer Französinnen und Franzosen, geht. Lieber spreche er über seine eigene Person, sagt Ferracci, der sich als «zuverlässig und respektvoll» bezeichnet.

Zumindest indirekt versucht er sich damit durchaus von Son-Forget abzuheben. Dieser fiel in seiner Amtszeit durch eine angriffige und bisweilen deplatzierte Kommunikation auf den sozialen Medien auf.

Parlamentarier Joachim Son-Forget.

Parlamentarier Joachim Son-Forget.

Bild: Keystone

Nachdem er im Dezember 2018 eine grüne Senatorin auf Twitter als wandelnder Schminktopf bezeichnet hatte, trat Son-Forget aus Macrons Partei aus und kam so einem Rauswurf zuvor. In der Folge suchte der Politiker bei der Rechtsaussenpartei «Reconquête» Unterschlupf, die ihn aber nicht für eine zweite Amtsperiode unterstützen wollte.

Macron ist in der Schweiz populär

Ob Son-Forget ohne Partei im Rücken nochmals antritt, ist unklar. Bereits bekannt ist derweil die Kandidatur von Magali Mangin (Union Populaire), Régine Mazloum-Martin (Republikanische Partei) und Philippe Tissot (Reconquête). Alle drei profitieren von einem gewissen Bekanntheitsgrad, da sie in der Schweiz leben.

Nichtsdestotrotz steigt der Pariser Marc Ferracci als Favorit ins Rennen. Als Vertreter von Macrons Partei dürfte ihm die hiesige Beliebtheit des wiedergewählten Präsidenten nützen. Zur Erinnerung: Macron erhielt in der Schweiz im ersten Durchgang 45,2 Prozent und im zweiten Wahlgang 82,6 Prozent aller Stimmen.

0 Kommentare

Aktuelle Nachrichten