«No Billag»
Plötzlich kam der Bucheli: Auf Tuchfühlung in den SRF-Studios kurz vor dem «No Billag»-Showdown

30'000 Personen nehmen jährlich an SRF-Führungen teil. Wer in Leutschenbach vorbeischaue, denke danach anders über das Medienhaus, glaubt SRF. Stimmt das? Ein Augenschein kurz vor der «No Billag»-Abstimmung.

Samuel Schumacher
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SRF-Führung im Leutschenbach
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Herz und Hirn hinter schalldichtem Glas: Ein Produzent verfolgt eine Live-Sendung mit.
Lange Gänge verbinden die verschiedenen SRF-Fernsehstudios miteinander.
Bundesrätin Doris Leuthard erscheint auf den Bildschirmen der Regie des Schweizer Fernsehens.

SRF-Führung im Leutschenbach

SRF/Oscar Alessio

Grimmig schaut er drein, der Rentner, der im Foyer des SRG-Hauptgebäudes in Zürich Leutschenbach steht und wartet, bis die Führung losgeht. Sein Blick wandert über die Ledersitzbänke, die Bildschirme an den Wänden, die Glasvitrinen mit den SRF-Fanartikeln. Er beugt sich zu seiner Frau herab und nuschelt ihr etwas zu, ganz leise. Eine Stunde später aber wird es sich der bärtige Mann nicht länger verkneifen können und im Zuschauerbereich des Regieraumes herausposaunen, was er über diesen Laden hier denkt: «Ganz klar Sparpotenzial!»

Doch zurück ins Foyer. Ein Dutzend Personen sitzt auf den Lederbänken und lässt sich von einem SRF-Werbefilm berieseln. Der Clip zeigt die grössten Zuschauererfolge des Jahres, reiht Einschaltquoten und Bilder von lachenden Moderatoren aneinander. «Schön, dass Sie unsere Gäste sind», flimmert es über die Bildschirme. Dann schwirren SRF-Logos über helvetische Wälder, unter Eisenbahnbrücken hindurch und über Berggipfel hinweg. Die Message, die das SRF seinen Besuchern mit auf den Weg geben will: Wir sind für euch da – in jedem Winkel des Landes.

Acht Tage für zwei Stunden

Die Frauen und Männer im Foyer haben den umgekehrten Weg genommen. Sie sind aus allen Winkeln des Landes hierhin geströmt, um hinter die Kulissen der Fernsehanstalt zu schauen. Rund 30'000 Menschen haben sich 2017 für eine Führung im SRF-Hauptstudio in Leutschenbach angemeldet. Die Gruppe, die an diesem Winterabend in die Höhle der medialen Löwin in Leutschenbach gekommen ist, spiegelt den Altersdurchschnitt der SRF-1-Zuschauer von 60,8 Jahren ziemlich genau wider: Bis auf ein elegant gekleidetes Paar um die 40 und zwei Dauer-Selfie-schiessende Twens sind alle im Pensionsalter.

Der Werbeclip ist vorbei, Auftritt Claudia Frei: Die «Kassensturz»-Journalistin ist im Nebenamt als Besucherführerin tätig. Schnellen Schrittes lenkt sie die Gruppe durch die Gänge, so schnell, dass die Mittzwanzigerinnen nach kurzer Zeit verloren gehen, weil sie vor lauter Selfies verpasst haben, in welche Richtung des Labyrinths die anderen verschwunden sind. Das SRF-Universum ist riesig, die verschlungenen Gänge ziehen sich ewig hin. 1200 Journalisten und Produzenten arbeiten hier. Dazu kommen die 800 Technik-Profis der SRG-Tochterfirma TPC, ohne deren Know-how keine einzige Sendung zustande käme.

Erster Halt: Studio I, «das grösste Studio der Schweiz», sagt Frei. Einst Drehort für die «Benissimo»-Sendungen, heute Kulisse für Flaggschiff-Produktionen wie «Happy Day». Die Lichter sollen hier bald ausgehen. SRF schaut sich nach externen Standorten für die Publikumsschlager um. Die «Bodensee-Arena» in Kreuzlingen käme infrage. Noch aber ist nichts fix. Und noch blenden die 150 Scheinwerfer im «Studio 1» die Techniker, die auf der Bühne stehen und an der Ausleuchtung für die nächste Sendung tüfteln. Acht Tage brauchen sie, um eine «Happy Day»-Sendung vorzubereiten. Die Gruppe zückt die Smartphones, allgemeines Geknipse, man fotografiert die Scheinwerfer, die Bühne, die Mittzwanzigerinnen fotografieren sich selber vor den Scheinwerfern, vor der Bühne.

Wieder schnellen Schritts durch die Gänge, nächstes Studio, Heimat von «1 gegen 100» und «Top Secret». Wenn die aufwendigen technischen Vorbereitungen für die Sendeformate jeweils erledigt sind, werden gleich mehrere Folgen en suite produziert, erzählt Frei. «Aha, also nicht live», sagt der bärtige Rentner. Die anderen knipsen. Vor der Tür zum «Ziischtigsclub»-Studio zeigt Frei auf das blinkende Warnlicht. «Die zeichnen gerade die Sendung auf.» – «Jetzt gerade?», fragt die elegant gekleidete Dame und macht grosse Augen. Noch grösser wird die Ehrfurcht, als der Gruppe ein paar Gänge weiter plötzlich Meteo-Moderator Thomas Bucheli entgegenkommt. «Guetenobig», grüsst der helvetische Wetterhalbgott. «Grüezi, Herr Bucheli», sagt die Dame und strahlt wie ein kleines Kind.

Bucheli bleibt Gesprächsthema Nummer eins für die nächsten hundert Meter. Dann nimmt die Gruppe Platz auf den Schalensitzen des «Sportpanorama»-Studios. Mit etwas Glück könne man gratis dabei sein, erzählt Frei. Davor gebe es einen Apéro, danach Häppchen. Der bärtige Rentner runzelt die Stirn, ein anderer erzählt, er sei selber schon dabei gewesen, «zweimal, live».

Sparübungen bei «10vor10»

Live-Publikum gibts weder bei «10vor10» noch bei der «Tagesschau». Nicht einmal Kameraleute gebe es im Studio, erklärt Frei. «Die Kameras sind vorprogrammiert und bewegen sich automatisch.» Das sei eine der Massnahmen, mit denen man versuche, die Kosten zu senken. Vielleicht hat Frei die kritischen Blicke des bärtigen Rentners bemerkt. Jedenfalls weist sie auch im «Schawinski»-Studio auf die «billige Tapete» und den «einfachen Linoleumboden» hin. Man arbeite bei SRF viel mit Licht. «Im Fernsehen wirkt das alles grösser und luxuriöser, als es in Wirklichkeit ist.»

Treppe hoch in den Zuschauerbereich des Regieraums. Hinter schalldichten Scheiben sitzen die Produzenten von «Glanz&Gloria». Auf dem Bildschirm sieht man Annina Frey, die trotz ihrer elf Jahre Sendungs-Erfahrungen vor der Liveübertragung nervös wirkt. Über den Lautsprecher hört die Gruppe, wie einer der Produzenten zum anderen sagt: «Jetzt wirds dann bald ernst, hm?» Er meint nicht die «Glanz&Gloria»-Übertragung, die in zwei Minuten losgeht. Er meint die «No Billag»-Abstimmung, die die SRG in die Knie zwingen könnte. «Ein Zeichen», sagt Frei und lächelt in die Runde. «Wahrscheinlich will er Ihnen sagen, dass Sie ‹Nein› stimmen sollen.»

Das ruft den bärtigen Rentner auf den Plan. Was ihm schon im Foyer auf der Zunge lag, platzt jetzt aus ihm heraus: «Ganz klar Sparpotenzial!» Dann hebt er zum Plädoyer gegen die Gebühren an. Man müsse «ein Zeichen setzen», die Billag sei «zu hoch», man müsse «sparen lernen». Hinter der schalldichten Scheibe geht Annina Frey auf Sendung. Vor der Scheibe steht Claudia Frei und sagt: «Ohne die Gebühren gehts nicht.» Einen Viertel der Einnahmen generiere man mit Werbung, drei Viertel mit der Billag. 451 Franken kostet das jeden Schweizer Haushalt pro Jahr. 2019 werden die Gebühren auf 365 Franken gesenkt. «Die Deutschen haben ähnliche Gebühren (Anm.: es sind 210 Euro jährlich) und produzieren damit nur deutschsprachige Sendungen, wir machen ein viersprachiges Programm.»

Der Rentner murmelt, Frei eilt der Truppe voraus zurück ins Foyer. Sie ist überzeugt, dass die Führungen die Leute positiv stimmen. Sie habe mal eine Mitunterzeichnerin der No-Billag-Initiative hier gehabt. «Sie kam nach der Führung zu mir und entschuldigte sich. Die Initiative sei ein Fehler, das habe sie jetzt erkannt.»

In der Umfrage, an der alle Besucher nach der Führung teilnehmen können, geben 67 Prozent an, dass SRF die Gebührengelder sinnvoll einsetze. 3 Prozent finden das Gegenteil, 30 Prozent geben keine Antwort. Wie der bärtige Rentner die Frage beantworten wird, ist klar. Bei den SRF-Schoggitafeln und -Kopfhörern, die die Besucher am Schluss der Führung erhalten, greift er trotzdem zu. Die sind schliesslich gratis.

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