Gesundheit

Politik mit Psychotricks: So will der Bund die Schweizerinnen und Schweizer zu Musterbürgern machen

Wer raucht und viel trinkt, lebt nicht vorbildlich - mit kleinen Tricks könnte der Lebenswandel aber klappen. (Symbolbild)

Wer raucht und viel trinkt, lebt nicht vorbildlich - mit kleinen Tricks könnte der Lebenswandel aber klappen. (Symbolbild)

Mit Methoden aus der Verhaltensforschung will der Bund die Bürger dazu bringen, vernünftiger zu handeln und gesünder zu leben. Hilfe holt er sich bei Starökonomen.

Sie essen zu viel Schokolade. Sitzen zu viel herum. Trinken zu viel Bier und Wein. Auch brave Bürger haben so ihre Schwächen – finden zumindest die obersten Gesundheitsbeamten des Landes. Obwohl die meisten genau wissen, was besser für ihre Gesundheit wäre, handeln sie nicht immer wohlüberlegt. «Ein wichtiger Grund hierfür ist, dass Menschen im Alltag viele kleinere und auch grössere Entscheidungen nicht vollständig rational treffen»: So schonungslos formuliert es das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Häufig müsse es einfach schnell gehen. Kurzfristige Vorteile überwögen dann, analysiert es weiter. «Allen guten Vorsätzen zum Trotz.»

Um die Schweizerinnen und Schweizer doch noch zu gesunden, vernünftig handelnden Musterbürgern zu machen, setzen die Präventionsexperten des BAG auf neue Strategien – indem sie sich deren schlechtes Gewissen zunutze machen. Statt mit Verboten und Vorschriften sollen sie mit kleinen Psychotricks auf den rechten Weg gelotst werden.

«Nudging» heisst das Instrument, das dafür genutzt wird; der Begriff ist Englisch und bedeutet so viel wie «anstupsen». Es geht um einen neuen politischen Ansatz. Die Behörden wollen die Bürger mit Anstupsern in die erwünschte Richtung lenken. Diese zielen dabei auf unterbewusste Verhaltensmuster, damit ein Mensch doch noch vernünftig handelt.

In der Schweizer Politik könnten solche Ansätze erstmals systematisch eingesetzt werden. Wie Recherchen der Redaktion von CH Media zeigen, erprobt das BAG hinter den Kulissen seit längerer Zeit, wie Nudging in der Gesundheitsförderung helfen könnte. Dafür hat es sich führende Experten ins Haus geholt.

Starökonomen beraten den Bund beim Nudging

Da sind zum einen Forscher der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW). Vor allen Dingen aber erarbeitete die Beratungsfirma Fehr Advice & Partners einen «verhaltensökonomischen Leitfaden» für den Bund, kürzlich wurde das Werk an ­Experten verschickt und auf den Fachseiten publiziert.

Gründer des Unternehmens sind die Brüder Ernst und Gerhard Fehr, beides führende Verhaltensökonomen. Der in Zürich lehrende Ernst Fehr gilt laut Rankings als einflussreichster Ökonom im deutschsprachigen Raum.

Im Material der Experten finden sich einige Ideen, wie die Gesundheitsbeamten selbst Anstupser einsetzen könnten:

  • Erhalten junge Menschen die Information, dass ihre Kollegen weniger trinken, als sie selbst erwarten, reduzieren sie ihren eigenen Alkoholkonsum.
  • In einem «Rauchstopp»-Programm könnte Geld hinterlegt werden. Hält ein Teilnehmer sich nicht an das Versprechen, mit dem Rauchen aufzuhören, wird die Summe an eine wohltätige Organisation überwiesen.
  • Fleisch, das als «99% fettfrei» gekennzeichnet ist, wird als gesünder wahrgenommen als dasselbe Fleisch mit dem Label «1% Fettgehalt».
  • Schon banale Hinweisschilder dienten als «Verhaltenstreiber», um «gute Vorsätze und gesundheitsförderndes Verhalten im Alltag einfach und mit wenig zusätzlichem Aufwand umzusetzen». Neben einem Lift könnte ein Schild angebracht werden, das die Aufmerksamkeit auf das wünschenswerte Verhalten lenkt. Eine mögliche Aufschrift: «Verbrenne Kalorien, nicht Elektrizität. Nimm die Treppe!»

Die meisten Vorschläge sind eher sanfter Natur. Wie weit Nudging gehen kann, zeigt sich in Grossbritannien. Hier wurde säumigen Steuerzahlern zeitweise in Mahnschreiben ein Foto ihres Autos zugestellt; verbunden mit der Warnung, dass dieses gepfändet werden könnte, sollten sie ihre Steuerschulden nicht bald tilgen. Oder das Beispiel Kalifornien: Manche Gemeinden informieren ihre Bewohner konsequent, wie viel Strom sie im Vergleich zu ihren Nachbarn verbrauchen.

Wo genau wird das BAG künftig Nudging einsetzen? Dazu äussert sich die Behörde auf Anfrage nur vage. Derzeit suche man in Workshops nach neuen Ansätzen für die Bewegungsförderung. «Dieser Bereich ist besonders spannend, da es häufig schwierig ist, wenig aktive Personen mit klassischen bewegungsfördernden Massnahmen zu erreichen», sagt ein Sprecher.

Bekannt ist zudem: Auch das Bundesamt für Umwelt verfügt intern neuerdings über einen «Verhaltensökonomie-Leitfaden». Er soll unter anderem dabei helfen, umweltpolitische Massnahmen hinsichtlich «Effektivität und Effizienz zu verbessern».

Kritiker sprechen lieber von Bevormundung

Laut behördlicher Leseart soll Nudging primär helfen, gute Vorsätze umzusetzen. Es enthalte keinen Zwang, keine Vorschriften. Kein Wunder, ist oft von «liberalem Paternalismus» die Rede. Skeptiker halten die Stupser hingegen erst recht für Bevormundung. Bürger würden subtil entmündigt, wenn sie zu etwas bewegt werden, was der Staat für ihr Wohlverhalten hält.

Im Gegensatz zu klaren Regulierungen könne man gegen Nudges kaum rechtlich oder demokratisch vorgehen: Davor warnt SVP-Nationalrat Thomas Burgherr. Noch bevor die Bestrebungen des BAG bekannt geworden sind, forderte er im vergangenen Winter via parlamentarischen Vorstoss eine grundsätzliche Debatte über Nudging. Diese sei angesichts kontroverser Diskussionen in der Politik dringend vonnöten, findet er:

Der Bundesrat weist die Befürchtungen zurück. Nudges könnten wirkungsvoll und effizient sein, falls sie kostengünstig seien, hält er in seiner Stellungnahme fest – und betont: «Staatliche Schubser müssen allerdings transparent offengelegt werden.» Wenn die Bürger schon zur Vernunft gebracht werden müssen, sollen sie wenigstens erfahren dürfen, wie genau das vonstattengeht.

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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