Streit im Sandkasten. Das Schüfeli fliegt durch die Luft, gefolgt von Schimpfwörtern. Jeder, der Kinder erzogen hat, weiss, wie schwierig es ist, den Kleinen dann beizubringen: Schaut euch in die Augen – und sagt Entschuldigung!

Irgendwann, vielleicht mit 5 oder 6 Jahren, ändert sich das. Das Wort kommt einfacher über die Lippen. Doch im Erwachsenenalter wird es wieder anders, vor allem in der hohen Politik: Öffentliche Personen sollten sich nie entschuldigen, auch nicht nach klaren Fehlern, denn das wäre ein Zeichen der Schwäche, ein Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit.

So lautete der Rat von Kommunikationsprofis. Never say sorry! Darum staunt man, wer sich in
den letzten Tagen alles öffentlich Asche aufs Haupt gestreut hat:

Schweigen, warten, aussitzen: Erleben wir das Ende dieses eingeübten helvetischen Kommunikationsverhaltens? Vielleicht. Im Social-Media-Zeitalter scheint ein unmissverständliches Pardon oft der einzige Weg zu sein, um Shitstorms zu beenden. Die einen realisieren das schneller (Glarner), die anderen später (Fussballverband).

Nach einer Entschuldigung ist meistens Ruhe. Keiner weiss das besser als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Als er sich im April vor dem US-Senat für den Datenskandal wortreich entschuldigte, listete die «Washington Post» auf einer ganzen Zeitungsseite Dutzende von früheren Entschuldigungen des Social-Media-Pioniers auf.

In den USA gibt es die Kultur der öffentlichen Abbitte schon viel länger – und sie zeigt auch das Problem: In einer Gesellschaft der inflationären Entschuldigungen wird das einzelne «Sorry» wertlos.

Davon sind wir in der Schweiz noch weit entfernt. Als sich Grünen-Nationalrat Jonas Fricker nach einem Juden-Vergleich entschuldigte und zurücktrat, hiess es, das zeuge von Grösse. Prompt will jetzt die Partei, dass Fricker 2019 wieder kandidiert.

Aus medialer Sicht sind Entschuldigungen ohnehin zu begrüssen. Denn der Vorfall, der dazu führt, ist eine Story. Und die Entschuldigung ist eine Story. Sorry, aber das mögen wir Medien.