Ständeratswahlen 2019

Politisches Erdbeben im Tessin: CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi abgewählt!

Bitteres Ergebnis: CVP-Ständerat Filippo Lombardi verliert seinen Sitz im Ständerat.

Bitteres Ergebnis: CVP-Ständerat Filippo Lombardi verliert seinen Sitz im Ständerat.

Der zweite Wahlgang brachte im Südkanton eine Sensation: FDP und CVP verlieren ihre historischen Ständeratssitze. Die Pole werden gestärkt: SVP und SP dürfen jubeln.

Die Vertretung im Ständerat wird komplett ausgewechselt, sowohl parteipolitisch als auch personell. Mit Marina Carobbio Guscetti (SP) schaffte es erstmals eine sozialdemokratische Frau aus dem Tessin in den Ständerat. Sie lag mit 36'469 Stimmen genau 45 Stimmen vor dem bisherigen CVP-Ständerat Filippo Lombardi, der seine angestrebte Wahl für eine 6. Legislatur äusserst knapp verpasste.

Ein bitteres Ergebnis für Lombardi, der als einflussreichster Politiker des Tessins in Bern galt und die CVP-Bundeshausfraktion präsidierte. Das beste Ergebnis aller vier Kandidaten machte aber SVP-Nationalrat Marco Chiesa mit 42'552 Stimmen. Abgeschlagen auf dem vierten Platz landete der bisherige FDP-Nationalrat Giovanni Merlini (33'278), der nur für den Ständerat angetreten war und nun seine politische Karriere beenden wird. Die Wahlbeteiligung lag bei 47 Prozent.

Marco Chiesa konnte sein Glück kaum fassen, blieb in seinen Reaktionen aber bedächtig, so wie er auch seinen Wahlkampf geführt hatte. «Ich präsentiere das Tessin, das bisher im Ständerat nicht vertreten war», sagte er mit Verweis auf den grossen Teil der Tessiner, welcher EU-kritisch ist und auch die bilateralen Verträge ablehnt sowie den Anstieg der Grenzgänger mit Kontingenten und einem Inländer-Vorrang bekämpfen will.

Chiesa gewann ganz klar in Lugano, der grössten Tessiner Stadt, einst eine liberale Hochburg. Das Ergebnis ist ein Triumph für die kantonale SVP, die in den letzten beiden Jahrzehnten stets im Schatten der populistischen Bewegung Lega dei Ticinesi stand, deren eigener Kandidat im ersten Wahlgang gefloppt hatte.

An der Seite von Chiesa wird nun Marina Carobbio im Stöckli sitzen, die eher auf der linken Seite der SP politisiert und mit dem Kollegen von der SVP das Heu gar nicht auf der gleichen Bühne hat. «Ein ungleiches Paar», war heute ein häufig zu hörender Kommentar. Carobbio schaffte die Sensation dank einer massiven Unterstützung in den Städten Locarno und Bellinzona, wo sie jeweils oben aufschwang. «Ich war selbst überrascht», kommentierte die frischgebackene Ständerätin.

Sie sei von einem Tessin gewählt worden, «das mehr Solidarität will.» Sicherlich profitierte Carobbio von der Frauenwelle und einer grossen Medienpräsenz in ihrer Funktion als Nationalratspräsidentin - sowie von einem historischen Schulterschluss unter den Links-Grünen im Südkanton.

Während die Tessiner Rechte und Linke jubelten, standen die bürgerlichen Parteien vor einem Scherbenhaufen. Für die Tessiner Freisinnigen ist das Ausscheiden aus dem Ständerat ein Trauma, immerhin waren sie dort seit 1848 ununterbrochen vertreten.

Das Ergebnis ist in der jüngsten Geschichte einzig mit dem Verlust des zweiten Staatsratssitzes vergleichbar, der 2011 zugunsten der Lega erfolgte. Seither leckt sich die FDP die Wunden. Zu erwarten ist, dass es nun zur grossen Kropfleerete kommt. Gestern forderte der etatistische FDP-Flügel bereits einen Rücktritt der gesamten Parteispitze.

Für die CVP war es ebenfalls ein harter Schlag, auch wenn die Tessiner Christlichdemokraten zwischen 1991 und 1995 schon mal auf einen Sitz im Stöckli zugunsten der Lega verzichten mussten. «Ich habe angesichts der Angriffe von rechts und links immer erklärt, dass mit einem solchen Ausgang zu rechnen war», kommentierte ein äusserst enttäuschter Filippo Lombardi auf Radio RSI. Aus dem ersten Wahlgang war er als Sieger hervorgegangen.

Sowohl bei der FDP als auch bei der CVP wird nun die Frage viel zu diskutieren geben, ob die gemeinsame Listenverbindung für den Nationalrat und der Druck für ein Ticket Lombardi/Merlini kontraproduktiv war. Zwar verteidigten die beiden Mitteparteien ihre vier Nationalratssitze, doch im Ständerat war das Resultat Null. Vor allem von Seiten der FDP kamen Vorwürfe, die christlichdemokratischen Wähler hätten sich nicht an den Pakt gehalten.

Die Wahl hat auch Folgen für den Nationalrat. Statt Marina Carobbio wird nun Bruno Storni die Tessiner Sozialdemokraten vertreten. Der 65-jährige Elektroingenieur aus Gordola ist ein Fachmann für Energiefragen. Bei der SVP erbt Kantonalpräsident Piero Marchesi (38) das Mandat von Marco Chiesa in der Grossen Kammer. Er ist auch Grossrat und Gemeindepräsident von Monteggio (Malcantone). Einzige Frau in der Tessiner Nationalratsdeputation ist die erstmals gewählte Greta Gysin (Grüne).

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