Schweiz

Professoren-Entlassung an der ETH: War es wirklich das erste Mal?

Architektur-Professor Hans Bernoulli wurde 1938 abserviert. (Wikipedia)

Architektur-Professor Hans Bernoulli wurde 1938 abserviert. (Wikipedia)

Die Entscheidung des ETH-Rates war spektakulär - doch nicht einzigartig. In der Geschichte der Hochschule gab es schon früher ähnliche Vorgänge.

In der englischen Ausgabe von Wikipedia steht es klipp und klar: «For the first time in its history, ETH dismisses one of its professors». Das erste Mal in ihrer Geschichte habe die ETH eine Professorin oder einen Professoren entlassen. Gemeint ist ein Vorgang, der am Montag bekannt wurde.

Das Führungsgremium der Eidgenössisch Technischen Hochschule hat eine Astronomie-Professorin entlassen. Vorwürfen, die ihren Umgang mit Doktorandinnen und Doktoranden betrafen, sah der Rat bestätigt.

Zum ersten Mal in 164 Jahren?

Die Nachrichtenagentur Keystone-sda verbreitete daraufhin die Nachricht, wonach es das erste Mal in der 164-jährigen Geschichte der Hochschule sei, dass diese einen Professor oder eine Professorin entlässt. Und so gelangte die Nachricht auch auf die englische Wikipedia-Seite.

Doch stimmt das auch? Ein Sprecher des ETH-Rates kann nur bestätigen, dass es sich um die erste Entlassung seit Bestehen des ETH-Rates handle. Diesen gibt es aber erst seit Anfang der 1990er Jahre. Die Geschichte der Hochschule und der einzelnen Lehrstühle ist nicht systematisch untersucht, wodurch es schwierig ist, herauszufinden, ob es früher ähnliche Fälle gab.

Der ETH-Rat-Sprecher gibt zu bedenken, dass sich Professoren wohl in der Vergangenheit eher selber zurückgezogen hätten, statt es auf eine Entlassung ankommen zu lassen. Zudem konnte man Professoren zeitweise elegant loswerden, indem man ihren Lehrauftrag nicht verlängerte. Eine solche Verlängerung war zum Beispiel alle vier Jahre nötig.

Der verlorene Titel des Hans Bernoulli

Ein solches Schicksal ereilte einst den Architektur-Professoren Hans Bernoulli (1876-1959), der im Jahr 1938 aus politischen Gründen abgesägt wurde. Der Mann, auf den die Bernoulli-Häuser am Zürcher Hardturm zurückgehen, war Titularprofessor, hatte also im Gegensatz zur Professorin im aktuellen Fall keinen ordentlichen Lehrstuhl inne.

Bernoullis Lehrauftrag wurde nicht mehr verlängert, nachdem er sich politisch geäussert hatte. Er war ein flammender Vertreter der Freiwirtschafts-Theorie von Silvio Gsell, die für eine Verstaatlichung des Bodens eintrat.

Bei Propaganda-Vorträgen benutzte er seinen ETH-Professorentitel, was für Missfallen sorgte. Ein Artikel von «ETHeritage», ein Blog, der sich mit der Geschichte der Hochschule auseinandersetzt, zeichnet nach, wie er zuerst ermahnt und schliesslich sein Lehrauftrag nicht verlängert wurde. Druck machten die Nationalbank und auch Bundesrat Phillip Etter. Um Bernoulli den Professorentitel entziehen zu können, wurde sogar das ETH-Reglement geändert.

Heute verfällt der Professorentitel nach zwei Jahren ohne Lehrtätigkeit. Die Regelung gilt seit 2012.

Vor diesem Hintergrund erscheint die historische Bedeutung der Entlassung der Astronomie-Professorin etwas weniger kolossal. Allerdings war sie bestimmt die erste Frau, die auf diese Weise abgesetzt wurde. Denn Professorinnen gibt es an der ETH erst seit dem Jahr 1985, als Flora Ruchat-Roncati einen Architektur-Lehrstuhl übernahm.

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