Schweiz-Russland
Putin eignet sich schlecht als Freund für einen demokratischen Staat

Die schweizerisch-russische Freundschaft ist in aller Munde. Doch seit wann gibt es diese überhaupt? Kaum seit 200 Jahren, wie derzeit oft kolportiert wird. Vielmehr handelt es sich dabei um eine falsche Erinnerung.

Gieri Cavelty
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Bis zum 18. Mai 2005 pflegte die Schweiz ein unterkühltes Verhältnis zu Russland.

Bis zum 18. Mai 2005 pflegte die Schweiz ein unterkühltes Verhältnis zu Russland.

Keystone

Als Schengen-Mitglied trägt die Schweiz die EU-Sanktionen gegen Moskau automatisch mit. Sie unterstützt diese aber nicht aktiv. Die Neutralität à la Didier Burkhalter ist fast so geheimnisvoll wie das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis. Immerhin: Herr und Frau Schweizer sind zufrieden damit. Selbst der Protest der SVP nahm sich diese Woche zurückhaltend aus.

Zugleich ist derzeit oft die Rede von der langen und innigen Freundschaft zwischen der Schweiz und Russland. Bundespräsident Burkhalter selbst hat am Mittwoch vor den Medien davon gesprochen. Unmittelbarer Anlass dafür ist der 200. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den zwei Ländern.

Die Post hat dazu gestern eine Sonderbriefmarke präsentiert. Die Schweizer Botschaft in Moskau und die russische Botschaft in Bern veranstalten das ganze Jahr über Gedenkanlässe. Und Bundesrat Ueli Maurer hat im Montagsinterview mit der «Nordwestschweiz» sinngemäss erklärt, das Jubiläum sollte Grund dafür sein, das wegen der Krim-Krise angespannte Verhältnis zu Moskau rasch wieder zu normalisieren.

Haben wir im Geschichtsunterricht zu wenig aufgepasst? Von einer schweizerisch-russischen Freundschaft war dort nie die Rede. Wohl hat Russland beim Wiener Kongress 1814/15 im Verein mit anderen Grossmächten die Neutralität der Schweiz anerkannt. Allerdings hatte Zar Alexander I. kurz zuvor noch Truppen in der Schweiz einmarschieren lassen, um das napoleonische Frankreich zu bekämpfen. (Im englischen Unterhaus war gegen diese Verletzung der schweizerischen Unabhängigkeit und Neutralität durch die Feinde Napoleons protestiert worden.)

Zar Nikolaus I. wiederum suspendierte 1848 die russische Neutralitätsgarantie, wollte die Nachbarländer zu einer Militärintervention in der Schweiz ermuntern: So sehr trieb ihm die Schaffung des modernen Bundesstaats die Galle hoch. Das offizielle Verhältnis zwischen dem liberalen Kleinstaat und dem Riesenreich blieb bis zum Ende der Zarenzeit unterkühlt.

Noch frostiger wurde es nach der Oktoberrevolution; die Schweiz knüpfte als eines der letzten Länder in Europa diplomatische Beziehungen zur UdSSR.

Die Zeit des Kalten Kriegs und der Hetze gegen echte wie vermeintliche Schweizer Kommunisten sind glücklicherweise vorbei. Heute aber von einer langen schweizerisch-russischen Freundschaft zu sprechen, ist dann doch kühn. In Wahrheit hat diese politische Freundschaft ein spätes Geburtsdatum: Am 18. Mai 2005 entschied der Bundesrat, die Beziehungen zu Russland zu intensivieren; er rannte damit in Moskau offene Türen ein.

Entsprechend können die Feierlichkeiten zum 200-Jahr-Jubiläum gar keine innige Freundschaft ins Gedächtnis zurückrufen - sie sollen eine solche fiktive Erinnerung an eine Freundschaft überhaupt erst einmal in unseren Köpfen verankern.

Man fokussiert dabei auf positive Einzelereignisse, eben die Anerkennung der Neutralität am Wiener Kongress oder die Rolle des Tessiner Architekten Domenico Trezzini beim Bau von St. Petersburg. Der Kontext, die grossen Linien und dominierenden Verwerfungen dagegen werden ausgeblendet.

Das ist im Prinzip nichts Negatives: Staaten brauchen Mythen. Und ein Freundschaftsmythos ist eigentlich eine schöne Sache. Freilich dürfen solche falschen Erinnerungen nicht dazu führen, dass man falsche Freundschaften pflegt. Und der Autokrat und Imperialist Wladimir Putin eignet sich nun einmal schlecht als Freund für einen demokratischen Rechtsstaat wie die Schweiz.

Auch muss man sich das Motiv für den Russland-Mythos vergegenwärtigen: Es ist der Versuch einer Gegenerzählung zur simplen Tatsache, dass die Schweiz in Westeuropa liegt und ihre Freunde darum auch primär in Westeuropa suchen sollte.

gieri.cavelty@azmedien.ch

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