Schweiz

Reeder gab sich als Opfer - Richterin attestiert ihm Arglist und «ziemlich viel kriminelle Energie»

200 Millionen kostet die Pleite seiner Flotte den Bund - jetzt wurde Hans-Jürg Grunder in Bern zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Henry Habegger

Der Reeder Hans-Jürg Grunder, Mitte, hier am ersten Verhandlungstag im Juni, beim Verlassen der Gerichts in Bern.

Der Reeder Hans-Jürg Grunder, Mitte, hier am ersten Verhandlungstag im Juni, beim Verlassen der Gerichts in Bern.

Hans-Jürg Grunder (66), gewesener Reeder, nahm das Urteil scheinbar regungslos entgegen. Fünf Jahre soll er wegen Delikte im Zusammenhang mit Schiffsbürgschaften ins Gefängnis. Das eröffnete ihm Barbara Lips, vorsitzende Richterin des Berner Wirtschaftsstrafgerichts, gestern Donnerstag kurz nach 14  Uhr.

Fast zwei Stunden lang sprach die Richterin, ruhig, bestimmt, und Grunder hörte aufmerksam zu, in lässig wirkender Haltung in seinem Stuhl.

Der Reeder kommt damit etwas besser weg, als der Staatsanwalt Roman Sigrist wollte: Er hatte 7,5 Jahre Haft gefordert.

Grunder hatte mit Hilfe seines jungen amtlichen Verteidigers Raffael Ramel auf Freispruch plädiert und versucht, sich als tadellosen Geschäftsmann darzustellen, der sich immer korrekt verhalten hatte und den keine Schuld an der Pleite seiner Flotte traf, die den Bund 200 Millionen kostet. Und wenn doch etwas schief lief, dann waren andere schuld, dann war der Reeder hintergangen worden oder ein Opfer von Vorverurteilungen von Bund, Staatsanwalt und Medien.

Opfer-Inszenierung verfängt nicht beim Gericht

Der Eindruck wurde erweckt, dass Grunder gar nicht sehr viel von Buchhaltung verstand, also gar nicht das Rüstzeug hatte,
die teils ausgeklügelten Täuschungsmanöver zu begehen.

Aber für die Opfer-Inszenierung hatte das Gericht kein Verständnis. Es kam zu einem ganz anderem Schluss. Es verurteilte Grunder unter anderem zu 24 Monaten wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung, 18 Monate wegen Betrug, 6 Monate wegen Leistungsbetrug, 11 Monate wegen Eigenkapitalentzug seiner Schiffsgesellschaften, 2 Monate wegen Urkundenfälschung.

Einen kleinen Rabatt gab es wegen «ausgeprägter medialer Begleitung». Wobei die Richterin festhielt, dass das Gericht «keine unzulässige Vorverurteilung durch Medien erkannte». Eine Problematik der Berichterstattung sei gewesen: Es habe der Eindruck entstehen können, dass Grunder den Staat um 200 Millionen betrogen habe. Dabei sind die 200 Millionen der Verlust, den der Staat wegen der Pleite erlitt.

Opfer-Inszenierung verfängt nicht beim Gericht

Insgesamt kam das Gericht auf einen Deliktsbetrag von 30 Millionen bei der ungetreuen Geschäftsbesorgung. Dem Kanton Bern muss Grunder Ersatzforderungen von 1,2 Millionen zahlen. Weil bei Grunder nicht mehr so viel Geld vorhanden ist, setzte das Gericht die Ersatzforderungen der Privatkläger (vorab der Bund) auf 11,2 Millionen fest. Das entspreche in etwa dem Erlös, der durch den Verkauf der bei Grunder beschlagnahmten Werte erzielt werden könne.

Die Beschlagnahmung von Grunders Villa am Thunersee hob das Gericht auf, sie kommt also nicht von Amtes wegen unter den Hammer. Der Grund laut der Gerichtspräsidentin: Die Liegenschaft ist bis über das Dach mit Schulden belegt und stellt insofern gar keinen Wert mehr dar. Es mag eine Rolle gespielt haben, dass Grunders Ehefrau, die ebenfalls im Haus wohnt, mit den Machenschaften ihres Mannes nichts zu tun gehabt habe. Sie war offenbar wirklich arglos.

Grunder griff zu «Arglist und Täuschung»

Das Gericht sah in Grunder den unangefochtenen Herrn seiner Reederei, der den Ton angab, einen versierten Finanzspezialisten, ohne dessen Zustimmung nichts geschah. Er habe, sagte die Richterin, den Bund «wissentlich und willentlich getäuscht, um seiner Gruppe Liquidität zu verschaffen.» Sie sprach von Arglist und Täuschung.

Die Art und Weise etwa, wie Grunder den Betrug an seinem Geschäftspartner Nicolas Koechlin, Berner Wirtschaftsanwalt, «über Monate hinweg vorbereitet» habe, zeuge von einem «recht hohem Mass an krimineller Energie». Diesen Fall betrachtete das dreiköpfige Gericht als besonders gravierend, weil der Reeder die Tat von langer Hand vorbereitet habe. Grunder machte Koechlin glauben, dass er das Schiff SCL Basilisk für den gleichen Betrag an Koechlin verkaufe, den er selbst gezahlt hatte.

In Tat und Wahrheit nahm Grunder laut Anklage und Urteil 3,1 Millionen für sich und die Reederei ein. Koechlin war skeptisch und hakte nach, aber Grunder bestätigte ihm ausdrücklich, dass er selbst auch 24 Millionen Franken gezahlt hatte. In Tat und Wahrheit waren es nur 21 Millionen Franken. Das hatte auch zur Folge, dass der Bund eine zu hohe Bürgschaft leistete. Das Gericht sprach hier von «undurchschaubaren Machenschaften» des Reeders, bezeichnete die Aussagen von Koechlin hingegen als glaubhaft und seine Handlungsweise überzeugend.

Versteckspiel um Offshore-Firmen

Nicht für Grunder sprach, dass er lange gegenüber dem Staatsanwalt nicht zugab, Eigentümer von Briefkastengesellschaften in Hongkong und Gibraltar zu sein, die als ominöse Geschäftspartner auftraten. Zu Gunsten des Reeders wertete es das Gericht, dass er sich mit den «Buebetrickli», wie der Staatsanwalt sie genannte hatte, nicht immer selber bereichern wollte. Vor allem gegen Schluss ging es ihm darum, die Flotte zu retten, um die Kontrolle zu behalten.

In einer Reihe von Anklagepunkten stellte das Gericht das Verfahren wegen Verjährung ein oder kam zu Freisprüchen. So entstand der als Privatklägerin auftretenden SCL Reederei kein Schaden: Weil es sich im fraglichen Streitfall um fiktive Schulden und fiktive Guthaben gehandelt habe, sei gar nichts passiert.

Grunder, der das Gerichtsgebäude schnell und wortlos verliess, dürfte das Urteil anfechten.

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