Coronavirus - Schweiz

Rentner-Vertreter warnen vor Diskriminierung auf Intensivstation

Ein freies Bett in der Intensivstation: Inwiefern das Alter für die Belegung eine Rolle spielen soll, ist umstritten.

Ein freies Bett in der Intensivstation: Inwiefern das Alter für die Belegung eine Rolle spielen soll, ist umstritten.

In der Corona-Krise hat das Alter bei der Zuteilung der Intensivpflegebetten im Spital bisher keine Rolle gespielt. Über 85-Jährige sollen bei Knappheit aber nun ausgeschlossen werden, kritisiert der Verein zur Verteidigung der Rechte der Rentner (AVIVO).

Bei der jüngsten Aktualisierung der Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) im März sei das Alter - Menschen über 85 Jahre - zum alleinigen Auswahlkriterium gewählt worden, sollten die Betten auf den Intensivstationen der Spitäler knapp werden. Das sei Diskriminierung und verstosse gegen die Bundesverfassung, sagte Marco Medici, Präsident von AVIVO Zürich, am Samstag der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Bevor die SAMW ihre Richtlinien kürzlich angepasst habe, hätten noch andere Kriterien als das Alter erfüllt sein müssen. Jetzt sei das aber anders: "Wir akzeptieren das Alter als Kriterium allein nicht", sagt Medici.

Vom Alter als alleinigem Kriterium könne keine Rede sein, widerspricht Michelle Salathé, stellvertretende SAMW-Generalsekretärin und Leiterin des Ressorts Ethik. Ausserdem sei das Alter über 85 Jahre bereits in der ersten Richtlinienversion als Kriterium für die Triage bei Engpässen behandelt worden.

Noch kein Engpass

In den neuen Richtlinien der SAMW vom 23. März heisst es, aufgrund des Tempos, mit dem sich das Coronavirus verbreite, sei eine ausserordentliche Lage eingetreten, die zu einem Massenzustrom von Patientinnen und Patienten in die Akutspitäler führen werde. Die neuen Richtlinien kommen also dann zur Anwendung, wenn die Ressourcen auf den Intensivstationen nicht mehr ausreichen und eine Rationierung nötig wird. So weit ist es allerdings noch nicht.

Das Alter spiele "per se" keine Rolle, heisst es weiter. Das Hauptkriterium für die Triage sei die "kurzfristige Prognose". Falls die Richtlinien zur Anwendung gelangen, weil die Kapazitäten auf der Intensivstation und ausgelagerten Betten nicht mehr ausreichen, um alle Patienten, die eine Intensivtherapie benötigen, zu behandeln, bestehe die erste Massnahme darin, den Parameter der kurzfristigen Prognose zu verschärfen.

Prognose entscheidend

Bei der Aufnahme auf die Intensivstation hätten diejenigen Patienten die höchste Priorität, deren Prognose im Hinblick auf das Verlassen des Spitals mit Intensivbehandlung gut, ohne diese aber ungünstig sei - Patienten also, die am meisten von der Intensivbehandlung profitieren würden, heisst es in den SAMW-Richtlinien.

Das Alter werde jedoch indirekt im Rahmen des Hauptkriteriums "Prognose" berücksichtigt, denn ältere Menschen litten häufiger unter Vor- und Begleitkrankheiten, heisst es weiter. Im Zusammenhang mit der vom Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 sei das Alter ein Risikofaktor für die Sterblichkeit und müsse daher berücksichtigt werden.

Wenn keine Intensivpflegebetten verfügbar seien, werde eine Aufnahme-Triage nötig, heisst es deutlich. Und: "Hier werden folgende zusätzlichen Kriterien angewendet: Alter über 85 Jahre". Die Liste der Kriterien ist allerdings lang und das Alter nur eines von zahlreichen anderen wie schweres Trauma, ausgedehnte Verbrennungen, chronische Krankheiten oder Herzinsuffizienz.

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