Grau wälzt sich die Alte Badenerstrasse durch Schlieren, grau und fünf Spuren breit, doch Barbara Meyer tritt auf den Asphalt, ohne sich auch nur nach einem Auto umzuschauen. Seit ein paar Monaten ist im Herzen der Stadt im Limmattal nichts mehr wie zuvor. Wo einst der Verkehr alles prägte, herrscht jetzt dank einer neuen Strassenführung Ruhe, auf einem Abschnitt von fast 400 Metern. Dereinst, sagt Barbara Meyer, die Stadtplanerin, soll hier das neue Herz von Schlieren schlagen, «grün statt grau». Es wird ein weiterer Meilenstein sein auf dem Weg der Stadt, die sich in den letzten Jahren verwandelt hat wie wenig andere im Land.

Am Sonntag stimmt das Volk über die Zersiedelungs-Initiative ab, die ganze Schweiz streitet derzeit darüber, wie das Land künftig aussehen soll. Ein Punkt ist dabei kaum umstritten und steht bereits heute im Raumplanungsgesetz: Das Rezept für die Zukunft heisst Verdichtung nach innen. In Schlieren, der Stadt westlich von Zürich, machen sie das schon lange. Nur das grüne Herz, das eben auch zur Verdichtung gehört, fehlt noch. Die Einwohnerzahl ist in den letzten 15 Jahren von 12'000 auf 18 500 Einwohner gestiegen, ohne dass die Schlieremer auch nur einen Quadratmeter Kulturland zugebaut hätten. Für EspaceSuisse, den Verband der Raumplaner, ist Schlieren ein Vorreiter.

Es ist noch nicht lange her, da galt Schlieren als Inbegriff der hässlichen Agglomerationsstadt. Als Ort, an dem man nur wohnt, wenn es wirklich nicht anders geht. Im letzten Jahrhundert hatte sich das einstige Bauerndorf in eine Industriestadt verwandelt. Doch dann verschwanden zwischen 1970 und 1990 viele Fabriken, und es blieben: gewaltige Brachen, vor allem entlang der Bahngeleise. Und sonst nicht viel. Händler von Occasionsautos machten sich dort breit, sie prägten das Stadtbild gemeinsam mit dem Verkehrsstrom, der immer weiter anschwoll.

Die Krise als Chance

Schlieren war am Boden, doch die Stadtregierung sah in der Krise eine Chance. Sie beschloss, die Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. 2005 erhielt Schlieren ein Stadtentwicklungskonzept, in dem seine Verwandlung vorgezeichnet wurde. Angeregt hatte das der damalige Bauvorsteher, ein SVP-Politiker. Im Jahr darauf kam die Frau, die den Plan umsetzen sollte: Barbara Meyer, die erste Schlieremer Stadtplanerin. Sie hatte zuvor schon anderen Brachen Leben eingehaucht, in Berlin etwa und in Zürich. Als sie zum ersten Mal auf den Brachen von Schlieren stand, wusste sie gleich, dass sie hier arbeiten will. «Das hat mich als Stadtplanerin wahnsinnig gereizt», sagt sie.

Mittlerweile sind die Brachen fast völlig aus dem Stadtbild verschwunden. Dort, wo einst alte Autos standen oder Gras und Gebüsch aus dem kiesigen Boden wucherte, sind in den letzten Jahren ganze Quartiere neu entstanden. Es gibt Einfamilienhäuser in einer langen Reihe und Mehrfamilienhäuser in verschiedenen Grössen und Formen. Und dazwischen grüne Flächen, Gemeinschaftsgärten etwa, Parkanlagen, Spielplätze. «Städtisch, aber grün», so laute das Motto, sagt Meyer. «Es braucht diese Freiräume, sonst hat man schnell soziale und klimatische Probleme.»

Schlieren hatte einen Plan. Ihn mit den Bauherren, meist privaten Investoren, in die Tat umzusetzen, erforderte einige Verhandlungsarbeit. «Viele Brachen an den Geleisen wurden, etwa wegen des Lärmschutzes, erst dank eines öffentlichen Eingriffs baureif», sagt Stadtplanerin Meyer. «Im Gegenzug haben wir bei den Bauherren unsere Vorstellungen eingebracht.» Entstanden ist eine Stadt, die zwar keine Brachen mehr hat. Aber auch noch kein Gesicht, weil die einzelnen Mosaiksteine nicht recht zueinander passen wollen. Doch Schlieren entwickelt sich in die richtige Richtung, das zeigt sich auch am Bevölkerungsmix. Die Neuzuzüger sind jünger und besser ausgebildet.

«Jede Gemeinde ist anders»

Wie schafft man, was Schlieren geschafft hat, Barbara Meyer? Die Stadtplanerin sagt, es gebe «nicht ein Rezept, jede Gemeinde ist anders». Tatsächlich waren die Bedingungen von Schlieren einzigartig. Die Stadt wurde ein Stück weit zu ihrem Glück gezwungen. Durch die Krise vor allem und die unüblich hohe Zahl der Brachen nach dem industriellen Zerfall. Wo vorher nichts war, ist Verdichtung nach innen der Bevölkerung leichter zu vermitteln. Dazu kommt die Nähe zu Zürich, dank der die Stadt attraktiv ist für Zuzüger – und damit auch für Investoren. Dennoch, sagt Barbara Meyer, gebe es ein paar Dinge, die man von Schlieren lernen könne. Etwa, eine Analyse zu machen und daraus Zukunftsvisionen zu entwickeln, räumlich und sozial. «Wo stehen wir, und wo wollen wir hin, darüber muss man sich Gedanken machen», sagt Meyer.

Heidi Haag von EspaceSuisse sagt, dass sich diese Gedanken gerade kleinere und mittlere Gemeinden bis heute oft nicht machen. Oder dass die Pläne wieder in der Schublade verschwinden, weil die Bevölkerung nicht genügend einbezogen wurde – und Widerstand leistet. «Raumplanung braucht einen langen Schnauf, und den haben sie in Schlieren», sagt Haag, die Gemeinden bei der Siedlungsentwicklung berät. Auch sei es wichtig, die Zuständigkeiten klar zu definieren. «Dass Schlieren im Jahr 2006 erstmals eine Stadtplanerin eingestellt hat, war ein wegweisender und wichtiger Schritt», sagt Haag.

Nächste Etappe im Visier

In Schlieren liegt mittlerweile das zweite Stadtentwicklungskonzept vor. Die Bevölkerung wurde bei der Neuauflage mit einem partizipativen Verfahren stärker einbezogen als zuvor – auch, weil das schnelle Wachstum Schlierens hie und da Skepsis ausgelöst hat. 150'000 Franken hat die Stadt sich das neue Entwicklungskonzept kosten lassen. «Das ist ein stolzer Betrag, aber die Investition lohnt sich alleweil», sagt der Bauvorsteher Stefano Kunz (CVP).

Fertig gebaut ist Schlieren bei weitem nicht, im Stadthaus wird demnächst gar eine zweite Stadtplanerin anfangen. Die Hausaufgaben der Stadt haben sich verändert, denn die Zeit der Brachen ist vorbei. Jetzt sollen die neu entstandenen Quartiere zu einer Stadt zusammenwachsen. Etwa dank eines neuen Wegnetzes. Oder dem Stadtpark an jenem Ort, der heute noch eine Strasse ist.