Mit grosser Hoffnung gestartet
Rüti ist das BDP-Dorf schlechthin: Dass die Partei beerdigt wird, nimmt man in der Heimat von Samuel Schmid gelassen

Rüti bei Büren (BE) ist das BDP-Dorf, nicht nur wegen der hohen Wähleranteile: Hier wohnt BDP-Bundesrat Samuel Schmid, ebenso Nationalrat Heinz Siegenthaler. Er erhielt Morddrohungen, als die Partei gegründet wurde. Und doch reagiert man in Rüti gelassen, wenn die Partei nun zu Grabe getragen wird.

Lucien Fluri
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Der Ortskern ist von nationaler Bedeutung: Im BDP-Dorf Rüti bei Büren finden sich besonders viele stattliche Bauernhäuser.

Der Ortskern ist von nationaler Bedeutung: Im BDP-Dorf Rüti bei Büren finden sich besonders viele stattliche Bauernhäuser.

Hanspeter Bärtschi

Wäre die Welt wie Rüti bei Büren, dürfte die BDP noch etwas weiterleben. Die BDP-Delegierten müssten dann nicht heute Samstag die Partei beerdigen, die 2008 mit so grosser Hoffnung gestartet war.

Kaum ein anderer Ort ist so sehr mit der BDP verbunden wie Rüti, eine kleine Gemeinde im Berner Seeland, nur wenige Minuten Autofahrt von Biel und Solothurn entfernt. Hier wurde BDP-Bundesrat Samuel Schmid geboren, hier lebt er, als Ehrenbürger, noch immer. Hier wohnt Heinz Siegenthaler, einer von nur noch drei BDP-Nationalräten (2011 waren es neun). 49 Prozent Wähleranteil erreichte die Partei 2011, schweizweiter Rekord.

Rasche Erfolge, rasche Niederlage - und dazwischen Morddrohungen

860 Einwohner, rein reges Vereinsleben und zahlreiche stattliche Bauernhäuser. Das ist Rüti. Es gibt eine Bäckerei und eine Schule, aber keine Post und keine Dorfbeiz mehr. Die Bauern liefern Milch für den prämierten Emmentaler aus dem Nachbardorf. Eine Industriezone bringt beachtliche 350 Arbeitsplätze. Ringsum sind Gemüse- und Getreidefelder. «Die Leute leben gerne hier», sagt Gemeindepräsident Theodor Bösiger, 64 und parteilos. Natürlich kennt er die bekannten BDP-Politiker im Dorf; und – fast selbstverständlich – ist die BDP die einzige existierende Ortspartei.

Auf Gemeindeebene spielt die Partei aber gar keine Rolle. Hier wird absolute Sachpolitik gemacht»,

sagt Bösiger. Er ist erst 2013 zugezogen. «Aber wir wurden rasch sehr gut aufgenommen.»

"Auf Gemeindeebene spielt die Partei keine Rolle. Wir betreiben Sachpolitik", sagt Gemeindepräsident Theodor Bösiger.

"Auf Gemeindeebene spielt die Partei keine Rolle. Wir betreiben Sachpolitik", sagt Gemeindepräsident Theodor Bösiger.

Lucien Fluri

Mitten im Ort, direkt an der Hauptstrasse, steht der Hof von Nationalrat Heinz Siegenthaler. Wenn die BDP nun ihr Ende besiegelt, kann er mit Fug und Recht sagen: Von der ersten bis zur letzten Minute hat er die Partei mitgestaltet. Er kann von Tiefpunkten wie Morddrohungen erzählen und von persönlichen Höhepunkten wie der Wahl in den Nationalrat. Wenn die Strassenlampe kaputt sei, gehe die BDP hin und wechsle sie aus, wahrscheinlich nehme sie gar ein umweltfreundliches Modell: So erklärt Siegenthaler seine Partei. Andere würden lieber im Dunkeln sitzen, wenn sie dafür nur ihre Extremposition behalten könnten.

Der Landwirt spricht mit tiefer Stimme, seinen Berner Dialekt würde manch einer in Zürich als behäbig bezeichnen. Siegenthaler verkörpert wohl die BDP: Bodenständig und ruhig. Aber auch progressiv: Als Bauer pflanzte er früh Hanf an. Die Energiewende begrüsst er, die Ehe für alle auch.

Zwei Rütiger, beide BDP-ler: Nationalrat Heinz Siegenthaler (r.) und alt Bundesrat Samuel Schmid 2011, als es im Dorf noch eine Beiz gab.

Zwei Rütiger, beide BDP-ler: Nationalrat Heinz Siegenthaler (r.) und alt Bundesrat Samuel Schmid 2011, als es im Dorf noch eine Beiz gab.

Emanuel Freudiger

Rasche Erfolge, rasche Niederlage - "braune Tendenzen" und Morddrohungen

Die Gründung der Partei war emotionsgeladen, erinnert sich Siegenthaler. Christoph Blocher war Ende 2007 abgewählt worden. Die Bündner SVP-Regierungsrätin Eveline Widmer-Schlumpf dafür dank eines Mitte-links-Komplotts im Amt. Siegenthaler war damals SVP-Fraktionschef im Berner Grossen Rat. Aus Zürich kam der Befehl: Die Partei geht raus aus dem Bundesrat und rein in die Opposition. Und trete SVP-Bundesrat Samuel Schmid nicht freiwillig von seinem Amt zurück, habe ihn die Berner SVP rauszuwerfen.

Siegenthaler war entsetzt über den Ton, er warf den Zürchern «braune Tendenzen» vor. Dieser Satz ging durch die Presse. Der Landwirt erhielt Morddrohungen, «aber auch ganz viel Zuspruch». Freilich war da der Graben zwischen der gemässigten Berner SVPlern (eine Art ländlicher Freisinn) und den weiter rechts stehenden – aber auch erfolgreicheren – Zürchern schon länger tief. Es war Zeit für eine Abspaltung, Zeit für die BDP.

"Das Marketing hätte besser sein können"

Rüti war fortan der Ort, der seinem Bundesrat die Treue hielt – und BDP wählte. Rasch war die Partei schweizweit erfolgreich, ebenso rasch verlor sie wieder, als nach Schmid Ende 2008 dann 2015 auch Widmer-Schlumpf zurücktrat war. Zwar erreicht die BDP in Rüti noch immer 28 Prozent, aber die SVP hat sie wieder überholt (35 Prozent). Und schweizweit hat die BDP noch 2,5 Prozent. Ja, Widmer-Schlumpf fehle als Zugpferd, so Siegenthaler. Die Partei war halt doch auch die Machtmaschine, die Widmer-Schlumpf im Bundesrat behielt. Und umgekehrt hielt sie die Partei über Wasser. «Aber auch das Marketing hätte besser sein können. Vielleicht wirkte das bürgerlich etwas verstaubt», sagt der BDP-Mann. Und schliesslich politisiere die Partei «lösungsorientiert und ohne Ideologie.» Das polarisiere nicht und bringe wenig Aufmerksamkeit.

Widmer-Schlumpf kämpfte im Hintergrund noch lange für "ihre" Partei

Die Aare und die Autobahn liegen zwischen dem reformierten Berner Rüti und dem katholischen Solothurner Dorf Selzach. Dort lebt Markus Dietschi, 45. Auch er Landwirt, auch er säte früh Hanf an. Dietschi ist ein Mann von immenser Tatkraft, er war mal der «Mister BDP» des Kantons Solothurn. Tausende Stunden investierte er in die Partei, begeistert von der neuen Politik. Bis er 2018 den Bettel hinwarf. «Wir konnten nicht Fuss fassen», sagt er. Widmer-Schlumpf war weg, doch aufgebaut war wenig.

Wir hatten nach acht Jahren keine Ortsparteien und keine Stammwählerschaft. Wie lange will man da weitermachen?

Dann kam das Problem hinzu, sich von CVP, GLP oder FDP abzugrenzen. «Es gibt zwei Meinungen, aber fünf Parteien in der Mitte», sagte Dietschi. Dass die BDP heute noch in Glarus, Bern und Graubünden erfolgreicher ist, erstaunt ihn hingegen nicht. «Es ist ein Unterschied, ob man eine Abspaltung ist oder ob man eine Partei neu aufgleist.» Ohne Dietschi darbte die Solothurner Partei dann noch etwas vor sich hin. Dass sie sich nicht schon damals auflöste, hat mit Ex-Bundesrätin Widmer-Schlumpf persönlich zu tun: Sie griff damals ein, um ihr Lebenswerk zu retten.

Passen BDP und CVP wirklich so gut zusammen?

Am Wochenende nun entscheiden die Delegierten, ob die BDP mit der CVP zu einer neuen Mittepartei fusionieren will. Siegenthaler ist dafür, nostalgisch ist er nicht: «Hat man nicht schweizweit zehn Prozent Wähleranteil, wird das Politisieren in Bern schwierig. Es fehlt das Sekretariat, die Infrastruktur.» Für die neu zu gründende «Mitte» sieht er gute Chancen: «Wichtig ist nicht das Logo oder der Name, sondern das Gedankengut. Die Partei ist nur ein Gefäss, das Gedankengut darin lebt weiter.» Als sich die Berner SVP von der Zürcher SVP abgenabelt und zur BDP gewandelt habe, so habe man den Inhalt in eine neue Hülle gebracht. Jetzt bringe man den Inhalt wieder in eine neue Hülle. Vielleicht war es auch der so pragmatische Ansatz, der der Partei das Profil nahm.

Auf der anderen Seite der Aare kann Ex-BDP-Mann Dietschi die Fusion nicht ganz verstehen. Trotz jahrelanger Zusammenarbeit wäre es ihm «nie und nimmer» in den Sinn gekommen, in die CVP zu wechseln. Ende 2018 ging er zur FDP. Zu wertkonservativ sei die CVP.

Samuel Schmid will zuerst mal wissen, was die neue Mittepartei will

Der Dorfbach plätschert im Hintergrund, die Pferde von Gemeindepräsident Bösiger stehen draussen auf der Weide. Die BDP, eine kleine Episode in der Schweizer Politgeschichte, schwimmt derweil im Sog der auch strudelnden CVP hin zu neuen Ufern. Partei hin oder her, Gemeindepräsident Bösiger steht vor den Problemen, die viele Gemeinden haben: Bleibt die Turnhalle trotz Corona offen? Wie kann sich das Dorf weiterentwickeln, wenn das Bauland knapp ist und die Verdichtung im geschützten Dorfkern kaum möglich ist?

Alt Bundesrat Samuel Schmid mag das Berner Wappentier, den Bären. Als er 2009 Ehrenbürger von Rüti wurde, wurde dieser Holzbär aufgestellt.

Alt Bundesrat Samuel Schmid mag das Berner Wappentier, den Bären. Als er 2009 Ehrenbürger von Rüti wurde, wurde dieser Holzbär aufgestellt.

Urs Lindt

Und Samuel Schmid? Der nimmt noch immer aktiv am Dorfleben teil. Derzeit will er sich aber nicht zu den Wandlungen der BDP äussern. Er sei zwar politisch noch immer sehr interessiert, aber «seit Jahren in keinem Parteiorgan mehr», sagt der alt Bundesrat am Telefon. Vor der Entscheidung gibt er deshalb kein Statement ab. Und danach will er auch erst einmal schauen, was denn diese neue Partei genau ausmache. Gemach, gemach.